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Sozialdemokratisches Casting : Die SPD macht’s (nicht) richtig

  • -Aktualisiert am

Die Kandidaten für den SPD-Vorsitz: Ralf Stegner (l-r), Norbert Walter-Borjans, Alexander Ahrens, Saskia Esken, Karl-Heinz Brunner, Gesine Schwan, Klara Geywitz, Simone Lange, Olaf Scholz, Petra Köpping, Boris Pistorius, Nina Scheer, Karl Lauterbach, Dierk Hirschel, Hilde Mattheis, Christina Kampmann und Michael Roth Bild: dpa

Die SPD hat sich als ernst zu nehmende Kraft verabschiedet, sagt er. Im Gegenteil, sie findet gerade zu neuer Kraft, sagt sie. Ein Streitgespräch.

          3 Min.

          Frank Pergande: Die SPD liefert Beweis um Beweis, dass sie sich aus der Reihe ernst zu nehmender politischer Kräfte verabschiedet. Dass das zeit- und kraftraubende Auswahlverfahren für die künftige Parteispitze nichts taugt, sah man schon, als sich nur tröpfelnd Kandidaten meldeten. Jetzt aber wird es endgültig albern, wenn sich die Kandidaten auf einer Castingshow präsentieren müssen. Als hätte die Partei ein neues Unterhaltungsformat erfunden. Als wäre Politik nur Ulk. Als hätte Finanzminister Olaf Scholz, der immerhin auch Vizekanzler ist, nichts anderes zu tun, als in einer Show aufzutreten. Warum, um alles in der Welt, haben sie nicht auch Böhmermann zugelassen?

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wibke Becker: Das Verfahren kostet die SPD Zeit – da stimme ich zu. Aber es raubt keine Kraft. In Saarbrücken war der Saal mit 700 Leuten gefüllt, ursprünglich erwartete man 300. Auch in anderen Städten muss die SPD Säle umbuchen, weil der Andrang so groß ist. Das Ganze ist doch demokratisch! Und deshalb gibt es Kraft. Weil jeder, der sich für die SPD ernsthaft interessiert, dabei sein, mitreden, sich eine Meinung bilden kann. Es macht Spaß, sich an einem solchen Auswahlverfahren zu beteiligen. Aber nicht alles, was Spaß macht, ist ein „Ulk“. Es wurde in Saarbrücken nicht gelacht, sondern ernst, konzentriert und engagiert diskutiert.

          Frank Pergande: Kommen 700 Leute wirklich, um mit der und über die SPD zu diskutieren? Wenn der Zuspruch für die Partei so groß wäre, warum hat sie dann nicht bessere Wahlergebnisse? Nein, das Unterhaltungsformat zieht. Viele Kandidaten, viel Streit. Und gelacht wurde sehr wohl. Etwa als Ralf Stegner sagte: „Diejenigen, die früher einmal in Verantwortung waren, können heute ruhig mal die Klappe halten.“ Schallend wurde gelacht. Offenbar wusste keiner der 700, dass Stegner selbst zu den Früheren gehört und den Satz schon so oft gesagt hat. Was übrigens auch für seine politischen Botschaften gilt: Es ist immer dasselbe. Das Bekenntnis zu einer linken Politik, die sich schon in seiner Heimat Schleswig-Holstein als nicht wirklichkeitstauglich erwiesen hat. Stegner galt, zusammen mit Gesine Schwan, als Gewinner des Abends. Wo ist da ernsthafte Politik?

          Wibke Becker: Mal abgesehen davon, dass die SPD im Saarland mehr als 700 Stimmen bekommen hat – weshalb ist demokratische Mitbestimmung ein „Unterhaltungsformat“? Wie sollen denn gegensätzliche Interessen anders ausgehandelt werden als in einem Streitgespräch? Die Regionalkonferenzen sind keine Big-Brother-Serie, voller Voyeurismus und derbem Vokabular, sie sind das Gegenteil. Die Fragen aus dem Publikum (wie die Antworten) waren ernst und bedacht, sie kamen von langjährigen SPD-Mitgliedern und sehr vielen Jusos, die sich für ihre Partei engagieren wollen, aber unzufrieden sind, wohin sie im Moment steuert. Es ist leicht, Inhalten, die man nicht teilt, den Stempel „unernst“ aufzudrücken. Aber demokratische Politik ist vor allem dort, wo sich Menschen interessieren einbringen. Saarbrücken war in dieser Woche so ein Ort – und dafür muss man der SPD gratulieren. Im Übrigen: Als die CDU ihre Kandidaten auf Regionalkonferenzen vorstellte, wurde sie gelobt. Die SPD wird, wenn sie dasselbe macht, getreten – weil sie eh am Boden liegt.

          Frank Pergande: Die CDU hat einen klaren Richtungsstreit ausgetragen, und es waren drei Kandidaten mit Profil. Bei der SPD weiß man nicht einmal genau, wie viele Kandidaten es jetzt eigentlich noch sind. Und ein Richtungsstreit ist nicht zu erkennen, eher marschiert alles nach links, weil das im Publikum gut ankommt. Aber es gibt ja einen Streit, der unterschwellig mitläuft: raus aus der Groko oder nicht. Das Problem der SPD ist jedoch gar nicht die Groko. Die Zustimmung für eine stabile Regierung ist unter den Wählern nach wie vor sehr groß. Die SPD aber ist unglücklich mit den eigenen Politikerfolgen. Und: Je geringer der Wählerzuspruch, desto infantiler gibt sich die Partei. Selbst die Kandidaten sprechen von Castingshow und nehmen sich selbst nicht so ernst.

          Wibke Becker: Dass alles nach links läuft, stimmt nicht. Das Tolle an den Paaren ist ja gerade, dass sie wirklich alle Bereiche in der SPD abbilden: alt und jung, Ost und West, Bund und Land – und eben auch links und rechts. Die Paare Pistorius/Köpping und Scholz/Geywitz marschieren alles andere als nach links. Es stimmt auch nicht, dass am besten beim Publikum ankommt, wer am weitesten links steht. Am wenigsten Applaus hat es für das Team Mattheis/Hirschel gegeben, das die linkesten Positionen vertritt. Die Auswahl ist daher groß, aber absolut überschaubar, der Schlagabtausch und die Ideen sind spannend. Im Übrigen wurde der SPD erst vorgeworfen, sie habe keine Kandidaten. Jetzt sind es wieder zu viele.

          Frank Pergande: Eine große Auswahl ist kein Wert an sich, das Verfahren dafür zermürbend. Dabei wird die SPD als politische Kraft dringend gebraucht.

          Wibke Becker: Was ist denn eine politische Kraft? Das weiß doch die SPD schon lange nicht mehr. Aber sie kann es jetzt herausfinden – und zwar nicht nur der Vorstand, sondern die gesamte Partei.

          Das sind die nächsten Vorstellungstermine der Kandidaten für den SPD-Vorsitz

          9. September in Friedberg, Hessen
          10. September in Nieder-Olm, Rheinland-Pfalz
          11. September in Erfurt, Thüringen
          12. September in Nürnberg, Bayern
          14. September in Filderstadt, Baden-Württemberg
          15. September in Oldenburg, Niedersachsen
          16. September in Baunatal, Hessen
          17. September in Berlin
          18. September in Hamburg
          20. September in Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern
          21. September in Neumünster, Schleswig-Holstein
          23. September in Ettlingen, Baden-Württemberg,
          27. September in Braunschweig, Niedersachsen
          28. September in Kamen, Nordrhein-Westfalen
          29. September in Troisdorf, Nordrhein-Westfalen
          1. Oktober in Potsdam, Brandenburg
          6. Oktober in Duisburg, Nordrhein-Westfalen
          10. Oktober in Dresden, Sachsen
          12. Oktober in München, Bayern

           

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