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SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

Überhaupt gibt es jetzt viel Kritik an der Parteizentrale. Etwa, was die Wahlkampfunterstützung anbelangt. Einer der Bundestagsabgeordneten sagt, die Genossen sollten sich doch nur die FDP-Kampagne anschauen, „tolles Konzept, top modern“. Und er erinnert daran, was dagegen die eigene Zentrale für den Wahlkampf zur Verfügung gestellt hatte: „Eine Schablone, mit der man ,Mehr Gerechtigkeit‘ auf die Straße sprühen konnte. Ist bestimmt gar nicht zum Einsatz gekommen.“

Mehr als 25.000 neue Mitglieder

Jetzt also die Neuprogrammierung. Christoph Matschie, der vor Jahren schon im Bundestag saß, dann Minister in seinem Heimatland Thüringen war, in der rot-rot-grünen Koalition dort nicht mehr gebraucht wurde und nun in den Bundestag zurückkehrte, sagt: „Wir müssen mehr bei den sozialen Medien machen, Tools entwickeln und pflegen. Wir hinken der Erwartungshaltung gerade der neuen Mitglieder hinterher, die nicht nur über diesen Weg informiert werden und fertige Antworten von oben haben wollen, sondern sich einmischen und mitdiskutieren.“

Immerhin: An der Mitgliederentwicklung stirbt die Partei bestimmt nicht. Es gab Schübe von Eintritten sowohl Anfang des Jahres, als Schulz Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat wurde, wie auch jetzt nach der Bundestagswahl. Mehr als 25.000 neue Mitglieder kamen in diesem Jahr hinzu, mehr als 4000 Online-Beitritte gab es allein um den Wahltag herum. Bettina Hagedorn, seit fünfzehn Jahren im Bundestag, meint, es sei keineswegs der Charme der Partei selbst, sondern die Entwicklungen in Amerika und der Brexit, „was gerade junge Leute antreibt, mitzutun und nicht länger im Sessel zu sitzen“. Allerdings: „Viele von den Neuen haben uns früher wieder verlassen, weil wir keine Angebote für sie gemacht haben. Das darf sich nicht wiederholen.“ Die SPD ist eine oft schwerfällige Partei, in der mancher Ortsvorsitzender schon seit vier Jahrzehnten sein Amt ausübt. Hagedorn, die auch stellvertretende Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein ist, gehört zwar ebenfalls lange zur Partei. „Aber einen solchen Mitgliederzuwachs wie jetzt habe ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht erlebt, eine Vitaminspritze für die Partei.“

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Hagedorn ist eine Gewinnerin der verlorenen Wahl. Sie wird künftig dem mächtigen Haushaltsausschuss vorsitzen. Das wiederum hat mit der Personalie Schneider zu tun. Schneider war bislang der wichtige SPD-Mann im Ausschuss. Eigentlich hatte der Personalvorschlag der Parteiführung für die Fraktionsspitze so gelautet: Andrea Nahles wird Fraktionsvorsitzende, Hubertus Heil, derzeit noch Generalsekretär, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer. Die Fraktion aber machte da nicht mit. Sie wählte den Thüringer Schneider – und sie hält auch das für eines der angekündigten Aufbruchssignale. „Da hat es ein bisschen geruckelt“, sagt Schneider mit einem Lächeln.

Von ungefähr kam das freilich nicht. Schneider war bislang einer der drei Sprecher des „Seeheimer Kreises“. Die pragmatischen – manche sagen auch: konservativen – „Seeheimer“ drangen darauf, dass die Fraktionsspitze ausgewogen daherkommt. Nahles links, Schneider rechts. Schneider lobt schon die „gute Zusammenarbeit“. Er hat es geschafft, eines der Gesichter der neuen SPD zu sein. „Fluffiger, offener, spritziger“ wünscht er sich seine Partei. Und dass „unsere Papiere künftig drei oder vier Seiten lang sind statt dreißig oder vierzig“.

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