https://www.faz.net/-gpf-9d2tv

Soldaten über die Wehrpflicht : „Wir haben ganz andere Sorgen“

Rekruten werden am 22.08.2015 an der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) feierlich vereidigt. Bild: dpa

Jahrzehntelang zählt die Wehrpflicht zur DNA der Bundeswehr. Über ihre Rückkehr gehen die Meinungen in der Truppe auseinander. Die Herausforderungen wären immens.

          5 Min.

          Christoph Kaufmann* kann sich noch gut an den Sommer vor zehn Jahren erinnern, als er im Fichtenwald saß. Ein Gewehr auf seinen Knien, das Gesicht voll Schweiß, im Erdloch vor ihm ein Feuer mit knackenden Holzscheiten. Er war damals 19 Jahre alt und gerade Soldat geworden. Panzerschütze. Ein Wehrdienstleistender in Torgelow, im äußersten Nordosten der Republik, 300 Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt im Süden Brandenburgs.

          Vier Wochen vorher war er noch Bagger und Planierraupen gefahren, auf Autobahnbaustellen am Berliner Ring. Sein Baubetrieb hätte ihm eine Perspektive geboten. Doch dann kam die Musterung. „Ich konnte dienen und wollte dann auch“, sagt Kaufmann. „Aber ohne die Wehrpflicht wäre ich wohl nie Soldat geworden.“

          Kaufmann gehört einer Gruppe von Soldaten an, die zunehmend aus der Bundeswehr verschwindet. Es sind Männer, die sich erst durch die Wehrpflicht mit dem Gedanken befassten, zur Bundeswehr zu gehen – und dann blieben. 40 Prozent des Nachwuchses rekrutierten die deutschen Streitkräfte noch vor zehn Jahren aus ihren Reihen. Leute wie Kaufmann. Noch während der Grundausbildung verlängerte er seine Dienstzeit. Er lernte, im Kosovo Demonstranten in Schach zu halten und später, im Norden Afghanistans, Gefechte mit aufständischen Taliban zu führen. Werbeplakate, Attraktivitätsoffensiven – Kaufmann sagt, so etwas hätte ihn niemals angesprochen. „Ohne Wehrpflicht wäre ich nicht zur Armee gegangen. So einfach ist das.“ Er habe die Bundeswehr erlebt. Nur das zähle. „Wenn Du da bist, bleibst Du dann schnell noch etwas länger. Bist ja eh schon da.“

          Die Zeit der Wehrpflicht ist vor sieben Jahren zu Ende gegangen, als der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sie in einer Hau-Ruck-Aktion „aussetzte“, wie es damals hieß. Morphium war der Ausdruck für die vielen Wehrpflicht-Anhänger in den eigenen Reihen. Denn de facto war es nichts anderes als ihr Ende. Als Christoph Kaufmann in die Bundeswehr eintrat, war er noch einer von 60.000 Wehrpflichtigen. Danach war damit Schluss. Zwar bieten die Streitkräfte auf dem Papier bis heute 12.500 Stellen für freiwillig Wehrdienstleistende an. Doch die Bezeichnung ist eine paradoxe Täuschung. Jeder der aktuell rund 8500 Frauen und Männer ist am Ende nicht anderes als ein Kurzzeitsoldat oder eine Kurzzeitsoldatin. Die Pflicht ist schließlich weggefallen.

          „Die Hälfte hat nicht mehr das Zeug dazu“

          Wenn Kaufmann sich in seiner Einheit umschaut, dann kann er sich mit dem Wegfall der Wehrpflicht bis heute nicht so recht anfreunden. „Früher sind viele clevere Leute zu uns gekommen, die eigentlich etwas Anderes vorhatten.“ Inzwischen ist er in Sachsen-Anhalt stationiert. An seinem Standort habe er den Eindruck, dass jeder Zweite eigentlich nicht bei der Truppe anfangen dürfe. Die Hälfte habe nicht mehr das Zeug dazu, Soldat zu sein. Wenn er die Leute frage, höre er immer wieder von abgebrochenen Lehren und vom Arbeitsamt, dass ihnen geraten habe, dorthin zu gehen. Das habe er früher so nicht erlebt. Und er ist nicht der Einzige, der solche Geschichten erzählt.

          Die Bundeswehr schafft es kaum noch, ihren Bedarf zu decken, seitdem die Wehrpflicht weggefallen ist. Zwar müht sich das Verteidigungsministerium seit Jahren, den Dienst attraktiver zu machen. Die Einstiegsvoraussetzungen für Rekruten wurden gesenkt. Soldaten verdienen mehr Geld als noch vor sieben Jahren. Die Armee ist kinder- und familienfreundlicher geworden. Auf der anderen Seite aber schrumpfen die Jahrgänge. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, zivile Angebote sind häufig attraktiver. Zumindest für diejenigen, die es bequem haben wollen. Das Wettrennen um den Komfort kann die Bundeswehr nicht gewinnen. Mit dem, was sie unverwechselbar macht – Kameradschaft, Einsätze, Grenzerfahrungen – wirbt sie noch immer viel zurückhaltender, als es andere westliche Streitkräfte tun. Die Risiken im Extremfall – Kampf, Verwundung, Tod – sie finden kaum Erwähnung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.