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Soldaten über die Wehrpflicht : „Wir haben ganz andere Sorgen“

Zwar beteuert das Verteidigungsministerium, dass die Situation so schlecht gar nicht sei. Die von Ursula von der Leyen (CDU) 2016 ausgerufene Trendwende Personal zeige Wirkung. Doch stagniert die Zahl der Soldaten de facto seit Monaten bei rund 179.000. Dabei soll die Truppe eigentlich wieder um einige tausend Männer und Frauen wachsen. Auf einen offenen Soldatenposten kämen derzeit zwei Bewerber, sagte Regierungssprecher Jens Flosdorff am Montag in der Regierungspressekonferenz. Vergleicht man die Zahl mit den Bewerbern auf zivile Stellen bei der Bundeswehr, relativiert sich das Bild jedoch rasch. Hier kommen 16 Bewerber auf eine Stelle. Nicht jeder Soldatenposten, fügte Flosdorff hinzu, könne besetzt werden. Das ist vornehm ausgedrückt. Die Bundeswehr leidet in einer ganzen Reihe von Verwendungen und erheblichem Personalmangel. Entlastung scheint nicht in Sicht. Könnte eine Wiedereinsetzung der Wehrpflicht – in welcher Form auch immer – die Probleme lösen?

Was fehlt, ist spezialisiertes Personal

Die Meinung darüber gehen auseinander. „Als Pool, aus dem man Personal schöpfen kann, wäre das natürlich eine tolle Sache“, gesteht Johan Harmon* ein, ein erfahrener Marineoffizier. Auf der anderen Seite habe sich die Bundeswehr in den vergangenen Jahren sehr stark verändert. An Bord der Kriegsschiffe, für die er in seiner Karriere schon Verantwortung trug, fehle es vielerorts an Personal. Doch handele es sich dabei fast ausnahmslos um Spezialisten. Die Streitkräfte seien heute viel professioneller und technisierter als noch vor zehn Jahren. „Ob die Masse an Wehrpflichtigen in der kurzen Spanne ihrer Dienstzeit adäquat ausgebildet werden können? Ich habe da meine Zweifel.“

Einig sind sich viele darin, dass die von einigen Unionspolitikern angestoßene Debatte zur Unzeit komme. Denn wie auch immer eine Renaissance der Wehrpflicht aussähe – sie würde die Bundeswehr vor enorme Belastungen stellen. „Das wäre eine gigantische Rolle rückwärts“, sagt ein Offizier der Gebirgsjäger, der zurzeit im Verteidigungsministerium arbeitet und seinen Namen nicht geschrieben sehen möchte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir Ausbilder zusammenkratzen sollen, um die Leute alle zu betreuen. Natürlich, möglich ist vieles. Aber das geht dann zu Lasten anderer Bereiche.“

Die gesamte territoriale Wehrverwaltung müsste völlig neu aufgebaut werden. Alle Kreiswehrersatzämter wurden geschlossen. Hunderte Kasernen wurden in den zehn Jahren dichtgemacht. Die verbliebenen Unterkünfte häufig zu komfortablen Zwei-Mann-Stuben umgebaut. Material und Ausrüstung fehlt schon jetzt. Viele Fregatten, Panzer und Kampfflugzeuge sind nicht einsatzfähig. Rüstungsprojekte verzögern sich oder erreichen veraltet die Truppe.

„Wir haben ganz andere Sorgen“, schimpft ein ranghoher Offizier. Es sei schon schwierig genug, die Bundeswehr wieder in einen passablen Zustand zu bringen. Das werde noch viele Jahre dauern. Man mache sich momentan sicherlich über vieles Gedanken. Aber am allerwenigsten über die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Verteidigungsministerin von der Leyen ließ ihren Sprecher das Ganze am Montag höflicher ausdrücken. Für sie sei die aktuelle Regierungsarbeit vordringlich. Das bedeute: Modernisierung des Materialparks, moderne, konkurrenzfähige Arbeitsbedingungen für Fachkräfte, sowie eine verlässliche, auskömmliche Finanzausstattung, die auch den gestiegenen Anforderungen an die Bundeswehr Rechnung trügen. Parteipolitische Debatten wolle man nicht kommentieren. Dennoch ließ sich die Ministerin eine Hintertür offen. Sie begrüße die von CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer aufgeworfene Debatte um ein allgemeines Dienstjahr. Es gehe dabei nicht darum, die „alte Wehrpflicht“ wieder aufleben zu lassen. Und auch nicht um ein „kurzfristiges Ergebnis.“ Anders gesagt: Eine „neue Wehrpflicht“ mit einem mittel- oder langfristigen Ergebnis – dagegen hätte die Ministerin vielleicht nichts einzuwenden.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

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