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Söder beim CDU-Parteitag : Die unbestrittene Nummer eins

CSU-Chef Markus Söder und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim CDU-Bundesparteitag in Leipzig Bild: Daniel Pilar

Der CSU-Chef spricht mit seinem pointenreichen Grußwort offenbar vielen CDU-Delegierten aus der Seele. Dass er sich gegen die Urwahl eines Kanzlerkandidaten wendet, hätte es aber gar nicht gebraucht: Die CDU lehnt sie deutlich ab.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Politik ist immer auch Entertainment. Das muss so sein. Beschlüsse eines Parteitages, einer Bundestagsfraktion, einer Regierung sind am Wahltag nur etwas wert, wenn sie einer breiten Wählerschaft selbstbewusst vermittelt worden sind. In dieser Disziplin gibt es in der Union derzeit eine unbestrittene Nummer eins. Und damit beginnt das Problem. Denn diese Nummer eins hat kein CDU-Parteibuch, sondern eines der CSU.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Markus Söder steht also am Samstagvormittag ab viertel nach elf in Leipzig vor den Delegierten des CDU-Parteitags und gibt dem Affen Zucker. So richtig. Er beschreibt die Sehnsucht manches Zeitgenossen nach den alten Zeiten. Er höre schon mal den Satz, die CSU müsse der „Fels in der Brandung“ sein. In solchen Fällen entgegne er dann: „Wo Du stehst, ist schon überhaupt kein Wasser mehr.“ Der Saal ist begeistert von Söders Auftritt. Die Bundeskanzlerin offenbar auch, jedenfalls scheint Angela Merkel sich Mühe geben zu müssen, nicht laut herauszuprusten.

          Ein kleiner Pfeil Richtung „Angela“

          Söder schießt auch einen kleinen Pfeil in Richtung der links von ihm sitzenden „Angela“ ab. Aber der segelt sanft in ihre Richtung und landet vor ihr, statt sie zu durchbohren. Merkel habe ihn gelobt für den bayerischen Einsatz zur Förderung der Künstlichen Intelligenz, unter anderem mit hundert Lehrstühlen, erzählt Söder. „Und wenn die Bundeskanzlerin Bayern lobt, dann nur, weil’s nicht anders geht.“ Heiterkeit. „Weil’s halt stimmt.“ Söder ist zufrieden, wieder eine gelungene Pointe.

          Es ist eine verkehrte Welt, aber sie gefällt beiden Seiten. Söder erinnert an die zurückliegenden Jahre, in denen sich CDU und CSU bis aufs Messer bekämpft haben über die Asylpolitik, in denen der damalige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer auf einem CSU-Parteitag die neben ihm stehende Bundeskanzlerin abbürstete wie ein kleines Mädchen, in denen sogar die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU im Bundestag auf dem Spiel stand.

          Söder muss die Details nicht wiederholen, alle im Saal wissen, worauf er abzielt. So etwas wolle man nie wieder machen, mahnt er. Die Union sei eine Familie und nur als solche stark. Da steht einer, der offenbar vielen CDU-Delegierten aus der Seele spricht.

          Allerdings dürften die meisten nicht vergessen haben, dass die besonders rüden Attacken der zurückliegenden Jahre überwiegend aus München gekommen waren. Und jetzt? Jetzt sagt Söder in Richtung Merkel und ihrer vier Regierungen, man hätte zwar manches besser machen können in den vorigen 14 Jahren, aber wer vier Mal die Wahl gewonnen habe, könne es ja nicht so schlecht gemacht haben. Das ist auch ein kleiner Seitenhieb auf Friedrich Merz und dessen rüde Kritik an der Regierungsarbeit, die er vor einigen Wochen vorgebracht hat.

          Söder: Grüne sind Hauptkonkurrent

          Inhaltlich hat der bayerische Ministerpräsident nichts Neues im Gepäck. Das Bekannte trägt er aber mit Wucht vor. Die AfD bezeichnet er als „Feind“, rückt sie abermals in Richtung des dunkelsten Teils der deutschen Geschichte. Die Funktionäre der AfD wollten nicht zurück in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, sondern in die dreißiger.

          Die Grünen beschreibt Söder zum wiederholten Mal als die entscheidende Konkurrenz der Union. Er balanciert sehr routiniert zwischen einer harten Kritik an den linken Beschlüssen der Grünen auf deren jüngstem Parteitag und lobenden Worten für deren Geschlossenheit. Eines will Söder auf keinen Fall: Verhältnisse wie in Baden-Württemberg, wo die Grünen der große und die CDU der kleine Partner sind.

          In der Klimapolitik zeigt der Gast aus München eine Mischung aus weltoffener Erkenntnis, dass Klimaschutz zur Politik dazugehört, und einer Mahnung, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Mancher SUV-Fahrer denke ja schon, sein Fahrzeug sei schlimmer als ein Atomkraftwerk.

          Sogar ins operative Geschäft des CDU-Parteitags mischt sich der CSU-Vorsitzende kurz ein, indem er sich gegen die Urwahl eines Unions-Kanzlerkandidaten wendet. Das wäre vermutlich gar nicht erforderlich gewesen. Einige Anträge, vor allem durch die Junge Union befördert, hatten vor dem Treffen in Leipzig für Aufregung gesorgt. Nicht alle wollen eine Urwahl, manche auch eine weniger weitgehende Beteiligung der Partei bei der Bestimmung des Kanzlerkandidaten. Abgestimmt wird in Leipzig über alle gemeinsam kurz nach der Rede Söders. Das Ergebnis könnte eindeutiger kaum sein: 79 Prozent der Delegierten lehnen sie ab. Thema abgeräumt.

          Also ein rundum positiver Besuch des bayerischen Freundes? Die Delegierten springen von ihren Stühlen auf, kaum dass Söder geendet hat. Der Beifall wird schnell rhythmisch. Doch eine will ihn offenbar nicht bis zum natürlichen Ende auskosten. Annegret Kramp-Karrenbauer steht schon nach kurzer Zeit auf, verschafft sich mit dem Mikrophon Gehör. Sie findet freundliche Worte für Söder, aber sorgt durch ihr Eingreifen dafür, dass der Jubel nicht zu lange währt. Nicht dass einer ihrer Parteifreunde denkt, so einen wie den Söder, den hätte man schon auch gerne. 

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