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Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

Carola Rackete war sichtlich bewegt von der Masse an Menschen, die ihr gegenüberstand. Bild: Jannik Waidner

Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.

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          Als Carola Rackete auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor das Wort ergreift, wird es still. Sie darf als letzte der drei prominenten Redner ans Mikrofon. Zuvor ist sie schon mehrmals angekündigt worden, immer hat es für aufgeregtes Geraune unter den Schülern, Eltern und Lehrern gesorgt, die Plätze ganz vorne ergattern konnten. Aber Rackete, jene Berliner Kapitänin, die im Sommer mit einem Rettungsschiff voller Migranten unerlaubt in einen italienischen Hafen einfuhr und mit dieser humanitären Aktion weltweit Schlagzeilen machte, will nicht begeistern. Nach den Auftritten von Eckart von Hirschhausen und der Band Culcha Candela scheint sie sich etwas fehl am Platz zu fühlen. „Meine Rede wird eher traurig werden“, sagt sie gleich zu Beginn.

          Sie ist sichtlich bewegt von der Masse an Menschen, die ihr gegenüber steht. Doch ihre Rede gerät sperrig. Zwar redet sie mit Pathos, doch sie schlägt den großen Bogen zu Kapitalismus und Finanzsystem. Die Teenager vor ihr verschont sie nicht mit technischen Begriffen und linker Rhetorik. Schon nach einer Minute werden viele unaufmerksam, wenden sich von der Bühne ab, beginnen Gespräche. Rackete ist der maximale Kontrast zu „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ und „Wir sind hier, wir sind laut“ wenige Minuten davor. Auf ihrem T-Shirt prangt das Logo von „Extinction Rebellion“, der Organisation, die für den Nachmittag zu Verkehrsblockaden aufgerufen hatte. Am Ende ihrer Rede fordert Rackete, ab 7. Oktober mit „Extinction Rebellion“ beim „Aufstand gegen das Aussterben“ Straßen und Plätze zu blockieren.

          Wie viel hat das mit „Fridays for Future“ zu tun? „Wir stehen solidarisch hinter diesen Aufrufen“, sagt Quang Paasch, einer der Pressesprecher von Fridays for Future Berlin knapp vier Stunden bevor Carola Rackete die Bühne betritt. „Aber es ist die Blockade von anderen Gruppen.“ Es stehe allen offen, sich an zivilem Ungehorsam zu beteiligen, „solange es gewaltfrei passiert“ und man sich der Polizei bei der Auflösung von Blockaden gewaltfrei stelle. „Wir sind eine demokratische Bewegung.“

          Quang Paasch, einer der Pressesprecher von Fridays for Future Berlin, trat am Freitag als Moderator auf.

          Die Berliner Organisatoren von „Fridays for Future“ überlassen an diesem Freitag anderen die Bühne. Auch Quang Paasch tritt heute nur als Moderator auf. Zum ersten Mal haben die Aktivisten der Schülerbewegung die breite Gesellschaft und insbesondere die älteren Generationen zur Beteiligung an den Protesten aufgerufen. Aber auch der Schulterschluss mit Aktivistengruppen wie „Extinction Rebellion“ soll gelingen. „Wir erhalten immer mehr Unterstützung.“ Aber es müssten noch mehr erkennen, dass der Klimawandel schon die „Generation der Eltern treffen“ werde, sagt Paasch.

          Jeannine Heide aus Köpenick gehört zu dieser Generation. Um am Freitag an der Demonstration in Berlin teilnehmen zu können, hat sie sich Urlaub genommen. Ihre Tochter, 16 Jahre alt, habe sie dazu gebracht. Auch die nehme heute an den Protesten teil. „Zuhause macht sie richtig Ramba-Zamba. Kein Plastik, vegan, kein Shampoo, Zahnputz-Tabletten, Unverpacktläden.“ Auch Jeannine Heide steht bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor nur wenige Meter von der Bühne entfernt, gerade hat sie Eckart von Hirschhausen zugejubelt, der jetzt in den Vordergrund der Bühne tritt und zu reden beginnt. „Wir machen mit, soweit es geht. Aber es sorgt zu Hause für viel Reibung. Zum Beispiel wenn ich lieber weiter mein Shampoo in der Plastikverpackung nutze und nicht Seife.“

          Auch an anderen Orten läuft die Hinwendung zur Gesellschaft nicht ohne Reibung ab. Auf dem Weg zur Kundgebung scheren „Unter den Linden“ ein paar Demonstranten aus und blockieren eine Seitenstraße. Schnell bildet sich ein langer Stau, Auto- und Busfahrer beginnen zu hupen. Fahrer steigen aus und beginnen Diskussionen mit den Aktivisten. Ein Motorradfahrer, der sich durchschlängeln will, wird gestoppt. Nach einer kurzen, heftigen Diskussion steigt er ab. „Darf ich schieben?“ Sofort wird ihm Platz gemacht, für ihn geht es erst einmal mit Muskelkraft weiter.

          Charline Peter, 18, und Lisa Kukelski, 19, kommen gerade aus dem Unterricht in der Max-Taut-Schule. Sie stehen an der Fußgängerampel und schauen zu. „Als ob die nicht auch alle ein Auto haben“, sagt Kukelski. „Das ist unfair.“ Auch sie nähmen an den Protesten teil, haben dafür sogar frei bekommen. Auch ihr Lehrer sei dabei. „Aber hier wird es jetzt doch etwas unangenehm.“

          Die 15 Jahre alte Malin und die 14-jährige Estrella-Maya sind aus Steglitz zur Demo gekommen.

          Estrella-Maya, 14 Jahre alt, und Malin, 15, beide aus Steglitz, haben nicht freibekommen. Die Fehlstunden nehmen sie in Kauf. „Es wird zuviel gesagt, und nichts getan“, sagt Estrella-Maya. „Viele müssen aus ihrem Land flüchten wegen des extremen Klimas.“ Das habe sie dazu gebracht, bei Fridays for Future mitzulaufen. Bei Malin war es ähnlich. „Wenn man beginnt sich politisch zu interessieren und mitbekommt, wie der Urwald brennt, fängt man an zu überlegen.“

          Und ihre Forderungen an die Politik? „Ein Plastikverbot“, sagt Estrella-Maya. Ansonsten setzt sie auf das, was sie selbst ändern kann. „Wir benutzen jetzt zu Hause Klopapier, Zewa und Taschentücher aus Bambus, von Smooth Panda.“ Davon habe sie ihre Eltern überzeugt. Bei Malin war es umgekehrt. „Meine Eltern beeinflussen eher mich. Sie unterstützen auch voll, dass ich hier bin. Malin will die sofortige Einführung einer CO2-Steuer. „Man muss jetzt was ändern. Das Problem besteht jetzt.“

          Hat Racketes Aufruf Estrella-Maya und Malin erreicht? Werden Sie Berlins Straßen und Plätze blockieren? Zur Rede von Carola Rackete können sie nichts sagen. „Wir haben sie kaum verstanden“, sagt Estrella-Maya. „Akustisch.“ Nicht unwahrscheinlich also, dass Carola Rackete noch eine Chance bekommt, sie zu erreichen. Vielleicht schon im Oktober.

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