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Anti-Corona-Demo in Berlin : „Es gibt keine Pandemie“

  • -Aktualisiert am

Maskenpflicht anders gedacht: Eine Demo-Teilnehmerin in Berlin trägt ihre Maske mit der Aufschrift „Pandemie Lüge“ auf der Stirn. Bild: EPA

In Berlin haben am Samstag etwa 20.000 Menschen gegen die Corona-Auflagen demonstriert. Die Argumentation: Die Regierung nutze das Virus, um die Bevölkerung ihrer Freiheit zu berauben.

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          Der Spott ist unüberhörbar, als die Regeln des Versammlungsgesetzes verlesen werden. Der Hinweis, Abstand zu halten und Mund-Nasen-Schutz zu tragen wird mit höhnischem Lachen und Buhrufen bedacht. Doch das waren die Auflagen, unter denen die Anti-Corona Demo der sogenannten „Querdenker“ in Berlin genehmigt wurde. Die aus ganz Deutschland angereisten Demonstranten, die sich auf der Straße des 17. Juni versammeln, lassen sich davon aber nicht beeindrucken. Dicht an dicht stehen sie bei Nachmittagshitze ohne jegliche Form von Maske zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule und lauschen Sätzen wie „Es gibt keine Pandemie“ oder Aufforderungen, alles zu hinterfragen, was die Regierung sage.

          Das tut Andreas, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, schon lange, wie er selbstbewusst zu Protokoll gibt. Als die monotone Stimme nochmals zum Tragen einer Maske auffordern, aber die Ausnahme für schwerhörige Menschen verkündet, hält er seine rechte Hand hinter das Ohr und ruft laut „Was?“. Grinsend gibt er zu verstehen, dass er sich der Aufforderung nicht füge. Die Regierung halte sich auch nicht ans Gesetz, also er auch nicht. „Außerdem haben wir schon verloren – unsere Grundrechte und Freiheiten sind weg“.

          Maßnahmen als Mittel zum Zweck

          Es ist aber mehr als nur eine Unzufriedenheit mit der Regierung, die die Menschen auf die Straße getrieben hat. Es ist „das System“, das man kollektiv ablehnt. Schilder mit Parolen wie: „Nein zur Diktatur der Neuen Normalität“, „Gib Bill Gates keine Chance“ oder „Auf in den Kampf“ werden stolz hochgehalten. Der Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann, dessen eigene Demonstration verboten wurde, machte noch am Vortag in einem YouTube-Video klar, wer zu dieser Demo kommen solle. „Die, die genug haben vom Merkel-Regime, vom schädlichen Einfluss der Pharmaindustrie und Bill Gates, dem Schwerverbrecher“.

          „Full of Love, not Fear“ skandiert das T-Shirt von Andreas, der in Berlin gegen die Corona-Auflagen auf die Straße geht.

          Felicia, die ihren Nachnamen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte, will aber mit Verschwörungstheoretikern nicht in Verbindung gebracht werden. Trotzdem ist sie überzeugt, dass sie derzeit ihr Leben nicht wie gewohnt leben könne, weil ihre Freiheiten eingeschränkt würden.

          Sie ist aus Augsburg angereist, weil sie die Demokratie in Gefahr sieht. „Bei den Corona-Maßnahmen geht es nicht um den Kampf gegen das Virus, sondern sie sind ein Mittel zum Zweck“, so die 23-Jährige. Es würden gerade „Sachen durchgedrückt, die in normalen Zeiten nicht durchgehen“. Welche das seien, wisse sie aber auch nicht.

          Doch es sind nicht nur Gegner der Corona-Maßnahmen unter den Demonstranten. Die Veranstaltung wird auch genutzt, um eine Reihe anderer Positionen loszuwerden. Der rechte Buchautor Thorsten Schulte nutzt seine Redezeit auf der Bühne, um Anti-EU Rhetorik und eine ordentliche Medienschelte loszuwerden. Doch ehe er dann noch auf Donald Trump, „den Retter“, zu sprechen kommt, wird er unterbrochen. Die Polizei teilt kurz vor 16 Uhr mit, dass die Veranstaltung aufgelöst wird, weil die Hygienemaßnahmen nicht eingehalten werden.

          „Das ist ja DDR in Reinkultur“ ruft es in sächsischem Dialekt prompt aus der Menge. „Die spinnen doch“, wird lautstark beigepflichtet. Auch von der Bühne kommt entschiedener Protest. Man fühlt sich eindeutig überlegen. Also werde man Widerstand leisten, indem man sich auf den Boden setze. Schließlich könne die Polizei ja nicht alle wegtragen, wird gemutmaßt. Mehrmals haben die Veranstalter vermeintliche Teilnehmerzahlen durchgegeben. Begleitet von frenetischem Jubel hieß es 1,3 Millionen Menschen hätten sich eingefunden. Die Polizei spricht von rund 20.000 Teilnehmern.

          Mit ihrem Widerstand feiern die Demonstranten auch kurz danach den ersten Erfolg. Ein Polizeiauto, das Beamte in die Nähe der Bühne transportieren will, wird durch eine Sitzblockade aufgehalten. „Schämt euch, schämt euch“ skandiert die Menge. Ein Mann reißt die Tür des Streifenwagens auf und beschimpft den Beamten. Kurz kommt es zu einem Handgemenge mit anderen Demonstranten, die eine Eskalation verhindern wollen. Nach einer kurzen Diskussion unter den Demonstranten, ob „ein bisschen Aggression“ jetzt nicht angebracht sei, beruhigte sich die Situation aber wieder. Das Polizeiauto legte schließlich den Rückwärtsgang ein. Triumphales Gegröle begleitet den Rückzug.

          Unterdessen zeigen sich die Veranstalter mit breiter Brust. Die Polizisten sollten doch den Befehl der Räumung verweigern und sich ihnen anschließen, heißt es selbstbewusst von der Bühne. Dass die Beamten sich gegen 18 Uhr auf das „Räumen durch Ansprache“ verlagern und abziehen, heizt die Triumphstimmung weiter an. Per Funkspruch heißt es, die Beamten müssten unerwarteterweise den Reichstag schützen. Dorthin hatte sich nämlich ein Teil der Demonstranten zu einer spontanen Kundgebung begeben. Doch nicht alle haben dafür noch die Ausdauer. Einige leisten der Aufforderung der Polizei nach deren dritten Durchsage schließlich Folge und gehen nach Hause. „Ihr habt super durchgehalten“, sagt ein Familienvater zu seinen Kindern und beugt sich leicht runter: „Jetzt gibt’s ein Eis“.

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