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Organspende-Debatte : Zwei Männer, zwei Meinungen

Hermann Gröhe Bild: dpa

Am Donnerstag stimmt der Bundestag über zwei gegensätzliche Organspende-Entwürfe ab: Hermann Gröhe setzt auf die freie Entscheidung bei der Organspende. Ulrich Pohl ist Pfarrer und für die Widerspruchslösung. Verkehrte Welt?

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          Der eine findet eine „gewisse Einschränkung“ der Freiheit verantwortbar. Der andere wirbt für ein „beharrliches Anklopfen“ ohne Zwang. Es geht um die Organspende, und beide Männer sprechen darüber, weil der Bundestag am Donnerstag über zwei zutiefst verschiedene Entwürfe abstimmt. Der eine ist Pastor, der andere Abgeordneter der CDU mit jahrelanger Erfahrung als Bundesgesundheitsminister, und es ist genau andersherum, als man denken könnte. Der Gesundheitspolitiker setzt auf freie Entscheidung, während der Pfarrer dafür ist, dass alle erwachsenen Deutschen automatisch Organspender sind, falls sie nicht ausdrücklich widersprechen. Deshalb lohnt es sich, ausgerechnet mit diesen beiden zu reden.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie heißen Hermann Gröhe und Ulrich Pohl. Pfarrer Pohl ist, anders als seine evangelische Kirche, für die Widerspruchslösung. Gröhe dagegen will die gültige Entscheidungslösung weiterentwickeln. Dann würde jeder Bürger nachdrücklicher als bisher gefragt, und zwar persönlich auf dem Amt und beim Arzt: Willst du Organspender sein? Damit stellt Gröhe sich gegen seinen Parteifreund und Minister-Nachfolger Jens Spahn, den prominentesten Widerspruch-Befürworter. Bei der Entscheidungslösung ist Annalena Baerbock von den Grünen die bekannteste Vertreterin.

          „Deshalb öffnen manche im Sterbezimmer auch ein Fenster“

          Gröhe spricht ausführlich vom Selbstbestimmungsrecht, das im Grundgesetz geschützt ist. Die Widerspruchslösung stelle es in Frage. „Dieses Selbstbestimmungsrecht muss man sich nicht verdienen, nicht einmal dadurch, dass man einer wünschenswerten Beschäftigung mit der Organspende nachkommt und eine Entscheidung trifft.“ Auch wer sich weigere, sich damit zu befassen, behalte das Recht. „Er wird nicht gleichsam vergemeinschaftet, indem dann das Gemeinwesen Zugriff auf seine Organe nach dem Tod erhält.“

          Das Selbstbestimmungsrecht gehört zu einem christlichen Menschenbild. „Es ist aber auch der Anker unserer Medizinethik und unserer Patientenrechte“, sagt Gröhe. „Es ist sicherlich bemerkenswert, dass die beiden großen christlichen Kirchen in großer Eindringlichkeit vor der Widerspruchslösung warnen.“

          Pastor Ulrich Pohl

          Pastor Pohl dagegen sieht die Widerspruchslösung als das kleinere Übel angesichts der vielen Menschen, die vergeblich auf eine Organspende warten. „Täglich sterben Menschen, weil kein Organ verfügbar ist.“ Der Pfarrer hat damit viel zu tun. Er ist Vorsitzender der Stiftung Bethel, die auch Krankenhäuser betreibt. Wenn jemand sein Herz, seine Lunge oder seine Leber zur Verfügung stellt, ob aus christlicher oder anderer Überzeugung, ist das für ihn ein Akt der Nächstenliebe. Aber würde die Widerspruchslösung dann nicht kollektiv Nächstenliebe verordnen, nach dem Motto: Wer sich der offiziell für richtig erachteten Nächstenliebe hier bei uns entziehen will, der muss explizit nein dazu sagen? Das sieht Pohl nicht so. Für ihn geht es vielmehr um die Freiheit, nein zu sagen. Wer nicht spenden will, soll in ein Online-Register eingetragen werden. Auch bei der Entscheidungslösung soll es ein Register geben. Aber darin würden nicht die Verweigerer vermerkt, sondern jene, die zur Spende bereit sind – und bei welchen Organen.

          „Ich denke, dass auch jemand, der seine Organe nicht spendet, dafür gute Gründe haben kann“, sagt Pfarrer Pohl. Manche religiöse Menschen möchten beim Leben nach dem Tod nicht auf ihre Körperteile verzichten. Allerdings herrscht in der Kirche die Meinung vor, dass die Seele den Leib nach dem Tod verlässt, mittelalterliche Kunst zeugt davon. „Deshalb öffnen manche im Sterbezimmer auch ein Fenster.“

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