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Organspende-Debatte : Zwei Männer, zwei Meinungen

Der Pfarrer hatte sich zunächst gar nicht mit der Widerspruchslösung beschäftigt. Das begann erst, als er in den Bethel-Krankenhäusern Ärzte als Transplantationsbeauftragte einsetzte. Auch Gröhe spricht viel mit Medizinern. Er versteht es, wenn sie und auch Selbsthilfegruppen sagen: Wir müssen wirklich alles versuchen, um die Zahl der Spenden zu erhöhen. Aber darin lägen auch Risiken. „Daher sollten wir auch nicht den Eindruck erwecken, gleichsam alles tun zu wollen, Hauptsache, wir kommen zu mehr Organen. Das gefährdet sonst das Vertrauen in die Organspende.“

Gröhe zufolge gibt es auch gar keine Veranlassung, das Selbstbestimmungsrecht in Frage zu stellen „und eine Zustimmung zu unterstellen, wenn kein Widerspruch erfolgt“. Denn an Zustimmung fehle es gar nicht. Er sieht ein „Umsetzungsproblem“. In mehreren tausend Fällen im Jahr werde ein Hirntod nicht diagnostiziert. Diese möglichen Organspender bleiben also unerkannt. „Da müssen wir besser werden.“ Deswegen ist der wichtigste Schritt aus Gröhes Sicht schon getan, und zwar sehr einmütig: das Gesetz zur Stärkung der Zusammenarbeit und der Strukturen in der Organspende.

Pohl berichtet jedoch, dass das Gesetz bei der Finanzierung bisher nicht ausreichend wirke. Vor allem abgebende Krankenhäuser machten Verluste. „Das ist ja ein ziemlicher Aufwand, was da an Beurteilung und technischem Aufwand nötig ist, um Organe so zu erhalten, dass sie noch spendbar sind.“ Gröhe sagt, wie auch die Aufklärung sei die Umsetzung neuer Gesetze „ein nie abgeschlossener Prozess“. Die Rufbereitschaft für die Hirndiagnostik gerade in kleineren Kliniken wird erst aufgebaut. Aber die seit April 2019 gültigen Regeln sollen laut Gröhe bald erstmals bewertet werden.

Knappe Abstimmung am Donnerstag erwartet

Wenn Angehörige nicht wissen, was der Verstorbene wollte, wird bei der Widerspruchslösung vorausgesetzt, dass der Tote nichts gegen eine Spende hatte. Das finden viele verwerflich. Pohl hält dagegen: „Es gibt vielleicht Verstorbene, die ihre Organe gespendet hätten, das aber nie festgelegt haben.“ Täglich stürben Menschen, die vergeblich auf eine Spende gewartet hätten. Deshalb haben die Entscheidungsbefürworter für ihn das schwächere Argument.

Im Bundestag entscheidet an diesem Donnerstag jeder Abgeordnete für sich, es wird namentlich abgestimmt. „Es gibt keine Meinung eines Ministeriums oder einer Fraktion, sondern es positionieren sich Parlamentarier“, sagt Gröhe. Der Umgang bisher sei respektvoll gewesen, er wolle die andere Seite nicht dämonisieren. „Ich verhehle aber nicht, dass ich eine Aufweichung des Selbstbestimmungsrechts für eine über die Frage der Transplantationsmedizin weit hinausgehende hochproblematische Entscheidung hielte.“

Nach allem, was aus den Abgeordnetenbüros zu hören ist, wird es bei der Abstimmung am Donnerstag knapp. Voraussichtlich wird erst über die Widerspruchslösung abgestimmt, weil dieser Entwurf stärker von der jetzigen Regelung abweicht. Falls er abgelehnt wird, könnten manche Befürworter anschließend auf die Entscheidungslösung umschwenken, weil diese die bisherigen Regeln immerhin verschärfen würde. Denn alle sind sich einig: Was bisher geschieht, ist zu wenig.

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