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Corona und die armen Länder : Minister Müller will Etat massiv umschichten

Das Allernötigste: Südafrikanische Kinder holen ihr Essen ab Bild: EPA

In Äthiopien leben 110 Millionen Einwohner, aber es gibt nur 100 Intensivbetten. Nicht nur dort trifft die Corona-Krise die Menschen besonders hart. Der Entwicklungshilfeminister warnt nun vor massiven Flüchtlingsströmen und legt ein Sofortprogramm auf.

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          Die Corona-Pandemie bedroht weltweit Hunderte Millionen Kinder und Erwachsene in ohnehin prekären Lebenslagen in Slums oder Flüchtlingslagern. Allein ausbleibende Impfungen gegen Krankheiten wie Masern oder Polio und fehlende Medikamente gegen Malaria bedrohen die Gesundheit und das Leben, ebenso wie Hunger. Davon sind in ärmeren Ländern allein rund 500 Millionen Schulkinder betroffen, für die Schulspeisungen die einzige Mahlzeit des Tages waren, die nun wegen Corona-Schließungen ausbleiben. Darauf haben Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) und der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Georg Graf Waldersee, hingewiesen. Beide appellierten daran, mehr Mittel im Kampf gegen die Pandemie für diese Regionen aufzubringen. Die Weltgesundheitsorganisation solle, so Müller, zu einem „Weltpandemiezentrum“ weiterentwickelt werden. Müller stellte ein Sofortprogramm des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) vor und sagte: „Corona besiegen wir nur weltweit oder nicht.“ Grenzschließungen seien eine Illusion, das habe die rasche Verbreitung des Covid-19-Virus von China aus gezeigt.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          In Afrika, so Müller, breite sich das Virus nach einer gewissen Verzögerung nun rasant aus, die Weltgesundheitsorganisation rechne mit bis zu zehn Millionen Infizierten in den kommenden Monaten. Rasante Verbreitung wird auch in Ägypten, der Türkei und Algerien festgestellt. Wegen der schlechten sanitären Verhältnisse sei die Ansteckungsgefahr in Entwicklungsländern dreimal höher als bei uns. Rund 4,2 Milliarden Menschen hätten, so das Ministerium, keinen Zugang zu angemessener Sanitärversorgung, also Wasser, Seife und Toiletten. Es gebe zudem fast keine Laborkapazitäten für Corona-Tests. Viele Entwicklungsländer drohten zahlungs- und handlungsunfähig zu werden, so das BMZ. Allein im Tourismusbereich gingen 20 Millionen Arbeitsplätze verloren, in Bangladesch seien derzeit 4000 Textilfabriken geschlossen, in denen rund vier Millionen Menschen Arbeit hatten.

          Fordert mehr Engagement: Entwicklungsminister Gerd Müller

          Für das Corona-Sofortprogramm sind nach Müllers Berechnungen im laufenden Jahr 4,3 Milliarden Euro notwendig. Etwa eine Milliarde Euro davon soll durch massive Umschichtungen im Etat des Ministeriums finanziert werden, über weitere drei Milliarden sei er im Gespräch mit Finanzminister Olaf Scholz (SPD) für einen Nachtragshaushalt. Davon sollen unter anderem Gesundheitssysteme gestärkt, die Wasserversorgung verbessert, aber auch „Frauen und Mädchen als vulnerable Bevölkerungsgruppen“ geschützt werden.

          Keine soziale Distanzierung im Flüchtlingscamp

          Müller warnte vor massiven Flüchtlingsströmen, die unweigerlich die Folgen ausbleibender Liquiditätshilfen für beispielsweise afrikanische Staaten seien. Bereits jetzt sei dort eine massive Kapitalflucht zu verzeichnen, mehr als 100 Milliarden seien es. Die Folge sei bald, dass öffentliche Dienstleistungen nicht finanziert würden, in Staaten wie Libanon habe der Zusammenbruch öffentlicher Ordnung bereits begonnen, Nordafrika mit Tunesien, Algerien oder Marokko drohe das ebenfalls. Darauf müsse er hinweisen. Zudem gebe es in afrikanischen Ländern teilweise so gut wie keine Intensivbetten, in Äthiopien seien es bei rund 110 Millionen Einwohnern 100 Betten, in Mali gebe es zehn.

          Nach Angaben von Unicef sind in Ländern wie Pakistan oder Afghanistan Impfkampagnen für 117 Millionen Kinder gestoppt worden. Waldersee forderte Staaten und Fluggesellschaften auf, bezahlbare Transportkapazitäten für Impfstoffe, Medikamente und Hygieneartikel zu organisieren. Allein im Bürgerkriegsland Jemen seien zwölf Millionen Kinder auf humanitäre Hilfe angewiesen, fast die Hälfte von Cholera bedroht, zwei Millionen von akutem Hunger.

          In den großen Flüchtlingscamps, etwa Dadab mit 800.000 Bewohnern, sei es unmöglich, soziale Distanz einzuhalten. Nach der Schließung aller Bildungseinrichtungen in dem Lager sei die soziale Lage der Kinder katastrophal, neuen gesundheitlichen Gefahren hätten sie infolge ihrer Mangelernährung wenig entgegenzusetzen. In syrischen Flüchtlingslagern, wo elf Millionen Kinder leben, sei etwa die Hälfte von Hunger bedroht. Eltern von Südafrika bis Indien hätten von einem auf den anderen Tag durch Corona-Maßnahmen ihre Lebensgrundlage verloren, seien „auf faktisch null“, so Waldersee.

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