https://www.faz.net/-gpf-8gv2m

Sigmar Gabriel : Im Hamsterrad der Sozialreparatur

  • -Aktualisiert am

„Wenn die SPD weg ist, haben wir überhaupt nichts mehr“: Die Putzfrau und Gewerkschafterin Susanne Neumann im Gespräch mit Parteichef Sigmar Gabriel Bild: Andreas Müller

Sigmar Gabriel führt die SPD zurück zu ihrem alten Trauma. Das Reden über die Fehler der Agenda 2010 lenkt ab von Fehlern jüngeren Datums und soll die Reihen schließen.

          5 Min.

          Es ist nicht so, als könnte die SPD gar keine Erfolgsgeschichten mehr erzählen. Hin und wieder gibt es sie noch, die Momente, die allen Widrigkeiten zum Trotz ein gutes Ende haben. Susanne Neumann ist die jüngste Erfolgsgeschichte der SPD. Und deshalb wurde sie am Montag ins Willy-Brandt-Haus nach Berlin geladen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          In der Parteizentrale findet eine Konferenz zum Thema Gerechtigkeit statt, die gleichsam Auftakt der Arbeit am Programm für die Bundestagswahl ist. Das Atrium ist dicht gefüllt: Die komplette Parteiführung ist gekommen, Professoren sind da, Funktionäre, Gewerkschafter und auch ganz normale Mitglieder. Darunter das Neumitglied Susanne Neumann.

          SPD-Mitglied dank Hannelore Kraft

          Warum sie der SPD beigetreten sei, wird die Frau gefragt. Diese Frage, die 1972 oder 1998 niemand aufzuwerfen gewagt hätte, muss man offenbar stellen in diesen Tagen. Sie beantwortet sich nicht mehr von allein. „Willy wählen“ oder „die neue Mitte“ erobern – das ist Teil der ruhmreichen Vergangenheit. Die Gegenwart aber ist düster. Sigmar Gabriel, der sich am Wochenende gegen Gerüchte erwehren musste, er werde zurücktreten, hat seiner Partei soeben eine existentielle Vertrauenskrise attestiert.

          Neumann, Putzfrau und Vorsitzende eines Bezirksverbandes der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar und Umwelt aus dem Ruhrgebiet, sitzt neben dem SPD-Vorsitzenden auf der Bühne. Es war Hannelore Kraft, die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, die sie überzeugt hatte, SPD-Mitglied zu werden. Das war Mitte April nach einer Talkshow im Fernsehen, in der beide sich gestritten hatten – über die Rentenpolitik, die Agenda 2010 und manches mehr. Nachher debattierten sie weiter. Am Ende zog die Gabriel-Stellvertreterin ein Antragsformular aus der Handtasche.

          Warum sie also der SPD beigetreten sei? Neumann holt aus: Sie arbeite in der Gebäudereinigung, einem Niedriglohnsektor, der unter den Folgen der Politik Gerhard Schröders leide. Es werde nur noch befristet beschäftigt. Und wer Überstunden abbaue oder es wage, einer Gewerkschaft beizutreten, dessen Vertrag werde eben einfach nicht verlängert. Jahrelang war Neumann trotz ihrer Gewerkschaftstätigkeit parteilos. Dann engagierte sie sich in der Linkspartei. Doch als Gregor Gysi als Frontmann abtrat und Sahra Wagenknecht übernahm, da trat Neumann wieder aus. Nun sagt sie, die SPD sinke ab. Und wenn sie weg sei, „haben wir überhaupt nichts mehr“. Das Publikum lacht.

          „Warum bleibt ihr bei den Schwatten?“

          Gabriel zieht die Augenbrauen hoch. Er wusste, worauf er sich eingelassen hat. Trotzdem muss er in diesem Moment schlucken. „Ich finde das ein nachvollziehbares Argument“, sagt er zunächst. Doch kann er den Satz, wenn die SPD weg sei, habe man überhaupt nichts mehr, so nicht stehenlassen – sowohl wegen seiner Prämisse als auch wegen seiner Schlussfolgerung.

          So wie ein Pastor den Ehrgeiz hat, ein Gemeindemitglied davon zu überzeugen, dass es noch ein paar mehr Gründe gibt, in der Kirche zu bleiben, als den Erhalt der evangelischen Kindertagesstätte zu sichern, holt Gabriel nun selbst aus: Seine Partei habe doch aus Fehlern gelernt und einige der Agendareformen korrigiert. Doch die Befristung der Beschäftigungsverhältnisse wieder abzuschaffen, das sei in den Koalitionsverhandlungen mit der Union – er nennt sie die „Schwatten“ – leider nicht zu machen gewesen. Neumann lässt sich nicht so schnell beeindrucken: „Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?“ fragt sie piesackend. Es folgt kräftiger Applaus.

          Das Klatschen provoziert Gabriel. Es stellt alles in Frage, wofür er seit der Bundestagswahl 2013 gestritten hat: den Mitgliederentscheid, den Koalitionsvertrag, seine Regierungspolitik – kurzum: ihn. Er holt kurz Luft. Zu oft hat er sich in den vergangenen Monaten in vergleichbaren Situationen von seinen Genossen provozieren lassen, war dann in die Luft gegangen und hatte so alles nur noch schlimmer gemacht. Die Parteioberen haben Gabriel hernach beiseitegenommen und ihn gebeten, auf derlei Auftritte künftig zu verzichten. Diesmal zuckt es nur kurz in ihm, dann sagt er betont ruhig: Diejenigen, die jetzt klatschten, vergäßen, dass es heute keine Mietpreisbremse gebe und keinen Mindestlohn, wenn die SPD nicht in die große Koalition gegangen wäre. Auch er erntet nun Applaus, wenngleich nicht ganz so kräftig und nicht ganz so spontan.

          Weitere Themen

          Merz erntet Shitstorm für Rechtsextremismus-Äußerung Video-Seite öffnen

          CDU-Vorsitz : Merz erntet Shitstorm für Rechtsextremismus-Äußerung

          Friedrich Merz kündigt seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz an - und erntet umgehend Kritik für eine Äußerung zum Rechtsradikalismus. Diesen will Merz offenbar dadurch bekämpfen, indem er Ausländerkriminalität und Grenzschließungen thematisiert.

          Topmeldungen

          Unzufriedene Deutsche : Kapitalismus am Pranger

          Die Löhne sind hoch, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Sozialstaat wächst. Trotzdem glaubt mehr als jeder zweite Deutsche, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Dahinter steckt nicht nur Gejammer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.