https://www.faz.net/-gpf-97vke

Gabriels letzter Auftritt : „Und mir geht’s auch gut“

Letzter offizieller Händedruck bei einer Pressekonferenz als Außenminister: Sigmar Gabriel am Donnerstag mit dem Außenminister von Bosnien-Hercegovina Igor Crnadak Bild: EPA

Am Ende diplomatisch: Bei seinem letzten offiziellen Auftritt als Außenminister bleibt Sigmar Gabriel zahm. Die öffentliche Abrechnung mit Andrea Nahles oder Olaf Scholz, die mancher erwartet hatte, bleibt aus.

          Es wäre ein Termin wie so viele für ihn, eine Pressekonferenz nach bilateralen Gesprächen im Außenministerium. Unter normalen Umständen. Doch an diesem Donnerstag ist nichts normal für Sigmar Gabriel. Am Morgen haben Andrea Nahles und Olaf Scholz ihm mitgeteilt, dass er den Kampf verloren hat, Gabriel wird der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehören. Damit ist diese Standard-Pressekonferenz mit dem Außenminister von Bosnien-Hercegovina unversehens zum letzten offiziellen Auftritt in seinem geliebten Ministerium am Werderschen Markt geworden. Das Ende einer Ära, die noch viel länger hätte dauern sollen, wenn es nach Gabriel gegangen wäre.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Noch aber ist Gabriel Außenminister, also spricht er jetzt über die guten deutsch-bosnischen Beziehungen, die gemeinsamen Interessen mit der EU, über die Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Das Problem ist nur: Kein Mensch im Raum interessiert sich gerade für die deutsch-bosnischen Beziehungen oder den bosnischen Außenminister Igor Crnadak, der nach Gabriel spricht und ebenfalls nur lobende Worte findet. Es interessiert ausschließlich eine Frage: Wird Gabriel diesen letzten Auftritt nutzen, um öffentlich gegen Nahles und Scholz auszuteilen, die ihn aus dem Außenamt gedrängt haben, obwohl er der beliebteste SPD-Politiker der Deutschen ist?

          Gabriels Unbeherrschtheit und regelrechte Lust an verbrannter Erde sind legendär – und das nicht erst seit dem Interview mit den „Haaren im Gesicht“, mit dem er Martin Schulz öffentlich bloßstellte, als der frühere SPD-Vorsitzende nach den Koalitionsverhandlungen mit der Union Anspruch auf das Außenministerium erhob und Gabriel damit desavouierte. Wird Gabriel nun, da er den Kampf um das Außenamt verloren und nichts mehr zu verlieren hat, also die Würde des Amts vergessen und zu einer öffentlichen Generalabrechnung ausholen? 

          Wer damit gerechnet hat, wird am Donnerstag enttäuscht: In seiner kurzen Stellungnahme sagt Gabriel kein Wort zum Auswärtigen Amt und auch nichts über Andrea Nahles. Auch die anwesenden Journalisten scheinen sich erst nicht recht zu trauen – die erste Nachfrage handelt, man glaubt es kaum, von der Situation auf dem Balkan. Bis eine Reporterin dann doch die Frage stellt, auf die alle warten: Wie Gabriel sich fühle, jetzt, da die Sache entschieden sei, und ob der bisherige Justizminister Heiko Maas, der jetzt Außenminister werden soll, eine gute Wahl sei, will sie wissen.

          Der scheidende und der künftige Außenminister? Gabriel im vergangenen August mit Heiko Maas

          Wenn das mit Maas stimme, dann habe er dabei ein „ausgesprochen gutes Gefühl“, antwortet Gabriel knapp, „er wird das exzellent machen“. Nach kurzem Zögern schiebt er hinterher: „Und mir geht's auch gut.“

          Das war's, Abgang Gabriel – ein denkwürdiger, weil ungewohnt zahmer Auftritt für seine Verhältnisse. Schon als Gabriel am Donnerstagmorgen auf Facebook bekanntgab, dass er der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehören werde und seinem Nachfolger „von Herzen Erfolg“ wünschte, glaubte mancher seinen Augen nicht zu trauen, so zurückhaltend und zugleich geläutert wirkte der Eintrag. Am Ende seiner kurzen Amtszeit als Außenminister, um deren Fortsetzung er erbittert gekämpft und dabei auch tief unter die Gürtellinie geschlagen hatte, hat Gabriel wieder zur Diplomatie zurückgefunden – zumindest bei seinem letzten offiziellen Auftritt als Minister.

          Womöglich hat am Donnerstag mancher im Saal sich gedacht, dass sich das als einfacher Bundestagsabgeordneter ja auch schnell wieder ändern kann.

          Weitere Themen

          Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Brexit : Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Die in der Heimat schwer in Bedrängnis geratene Premierministerin May sucht in Den Haag, Berlin und Brüssel nach Verbündeten. Doch die EU will den Deal partout nicht neu verhandeln.

          May macht Zugeständnisse Video-Seite öffnen

          Rücktritt bis 2022 : May macht Zugeständnisse

          Bei ihrer Ankunft in Brüssel zusammen mit den EU-Staats- und Regierungschefs betonte May, dass sie für eine Wiederwahl 2022 vermutlich nicht zur Verfügung stünde.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.