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Sigmar Gabriel im Porträt : Ein Mann will bleiben

Wiederannäherungsversuche: Gabriel empfängt Cavusoglu im Januar in seinem Haus in Goslar. Bild: Imago

Sigmar Gabriel hat eine Kampagne gestartet, die ihn als Minister im Amt halten soll. Doch in der SPD hat der einstige Vorsitzende kaum noch Unterstützer. Nun setzt er auf öffentlichen Druck.

          7 Min.

          Es sind aufregende Tage für Sigmar Gabriel, den geschäftsführenden Außenminister. Gerade ist Deniz Yücel, der deutschtürkische Journalist der Zeitung „Die Welt“, nach einem Jahr Haft in der Türkei aus dem Gefängnis entlassen worden. Gabriel hat sich um den Fall intensiv gekümmert, er ist mehrmals in die Türkei gereist, hat den Kontakt zu dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavosoglu gesucht und gehalten, hat den Kollegen sogar in sein Haus in Goslar zum Tee eingeladen. Die Freilassung Yücels ist ein Erfolg für Gabriel, ein Coup. Der Außenminister als Yücel-Befreier! Dass das so gesehen wird, dafür sorgt vor allem einer: Gabriel selbst. Der Minister zieht alle Register, damit er im Rampenlicht steht. Denn für Gabriel geht es um das Überleben als Politiker. Er will weiter dabei sein, am besten in seinem neuen Lieblingsamt, dem des Auswärtigen. In ihm fühlt er sich nicht nur wohl. In ihm hat er auch erfahren, was ihm zuvor in der eigenen Partei, aber auch in der Bevölkerung verwehrt geblieben ist: beliebt zu sein, um nicht zu sagen, geliebt zu werden.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Gabriels Ziel ist es, eine Kampagne für seinen Verbleib als Minister in einer neuen Regierung so zu befeuern, dass die neue SPD-Führung, also der kommissarische Vorsitzende Olaf Scholz und die voraussichtlich künftige Vorsitzende Andrea Nahles, an ihm nicht vorbeikommt. Nahles hat das sofort erkannt und ihn öffentlich davor gewarnt: „Es ist jetzt nicht die Zeit, dass Einzelne eine Kampagne für sich selbst starten“, sagte sie der Zeitschrift „Der Spiegel“. Gabriel hält das nicht davon ab, es zu tun. Und was immer man über ihn sagen kann: Kämpfen kann er. Erste Geländegewinne sind nach diesem Wochenende erreicht, es sind mediale. „Vom Draußenminister zum letzten Star der SPD“ – so betitelt die Zeitung „Bild am Sonntag“ ihre jüngste Gabriel-Geschichte.

          München bot Gabriel die große Bühne

          Schon am Freitag, als die Meldung über die Freilassung Yücels ganz frisch war, ließ Gabriel, der in München auf der Sicherheitskonferenz war, eine Pressemitteilung verbreiten, in der er auf die vielen Gespräche mit der türkischen Regierung hinwies, die er geführt habe. „Dazu gehörten auch zwei Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan.“ Gabriel wollte gleich klarmachen, wer beim türkischen Präsidenten die Weichen für die Freilassung Yücels gestellt habe – er höchstpersönlich. Die wohl korrekte Wahrnehmung, dass er als Außenminister bei Erdogan in der Rolle eines Emissärs der Kanzlerin aufzutreten hatte, kam so gar nicht auf.

          Wenige Stunden später wiederholte der Minister sein Statement mit der Erdogan-Passage in Berlin – im Newsroom der „Welt“-Redaktion. Das Auswärtige Amt hatte die Journalisten auf Papier des Hauses dorthin zur Pressekonferenz geladen. Natürlich dankte der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns Axel Springer, Mathias Döpfner, dem Außenminister ganz besonders für dessen Einsatz. Döpfner sprach kurz, Gabriel hingegen lang. Er hatte die Münchner Sicherheitskonferenz eigens verlassen, dafür ein Treffen zur Ukraine im Normandie-Format ausfallen lassen. Das Auswärtige Amt machte geltend, der Termin sei ausgefallen, weil der französische Außenminister nicht in München war. Doch eigentlich hatte das Treffen trotzdem stattfinden sollen, Frankreich wäre durch seinen Politischen Direktor vertreten worden. Gabriel aber war der Auftritt vor der Hauptstadtpresse wichtiger.

          Die Konferenz in München bot Gabriel noch einmal die große internationale Bühne, zumal die Kanzlerin dort nicht anwesend war. Er nutzte sie für zahlreiche Treffen und eine Rede, die viele beeindruckend fanden. Gabriel zeigte damit, warum er geschätzt wird – als fleißiger Politiker und als sehr guter Redner. Aber er demonstrierte auch wieder einmal, warum ihm viele dennoch reserviert oder mit Ablehnung begegnen, nun auch in der außenpolitischen Community. Gabriel hat in Zeiten, in denen international ein schärferer Wind herrscht, mit seiner offenen, rauhbeinigen Art, auch Unangenehmes auszusprechen, für Belebung im Außenamt gesorgt. Das ist öffentlich gut angekommen. Doch viele seiner Vorstöße, etwa sein Bruch mit Saudi-Arabien und sein zumindest hemdsärmeliger Umgang mit Israel, haben für Stirnrunzeln gesorgt.

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