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Sicherungsverwahrung : Notfallpläne gegen das Rückfallrisiko

„Ich bin bald kein Strafgefangener mehr. Was soll ich dann noch im Knast?” Schmitt in seinem sogenannten Haftraum in Waldeck Bild: Andreas Pein

Die Sicherungsverwahrung muss neu geregelt werden. Was bedeutet sie für die Betroffenen? Ein Besuch in der JVA Waldeck in der Nähe von Rostock, dem modernsten und sichersten Gefängnis in Mecklenburg-Vorpommern.

          8 Min.

          Harry Schmitt* wechselt demnächst aus der Haft in die Sicherungsverwahrung. Sein Leben wird sich dabei nicht ändern. Es ist ein eingeschränktes Leben. Die Mauern um ihn herum sind 6,50 Meter hoch und tragen eine Stacheldrahtkrone. Die Türen haben keine Türdrücker. Das klirrende Geräusch von Schlüsselbunden in hallenden Fluren ist allgegenwärtig. In sein Zimmer wird er abends um 20.30 Uhr eingeschlossen. Harry Schmitt sitzt in der Justizvollzugsanstalt Waldeck bei Rostock ein. Es ist das modernste und sicherste Gefängnis in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Neubau, 1996 in Betrieb genommen. 2005 wurde Schmitt wegen versuchten Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt – mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das heißt: Er bleibt vor der Gesellschaft weggeschlossen, auch wenn er seine Haftstrafe verbüßt hat. „Ich hatte Streit mit einem Bekannten meiner Lebensgefährtin, und da ist es passiert“, erzählt er. Schmitt hat auch schon früher im Gefängnis gesessen, wegen Körperverletzung mit Todesfolge. „Es war immer der Alkohol. Aber jetzt bin ich trocken.“

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Schmitt ist Jahrgang 1960. Der Zufall will es, dass er aus Bützow stammt, wo Anfang des 20. Jahrhunderts in Dreibergen die bekannteste mecklenburgische Strafvollzugsanstalt errichtet wurde. Auch dort hat Schmitt schon einige Zeit seines Lebens zugebracht. In Waldeck lebt er derzeit in der Sozialtherapeutischen Abteilung zusammen mit 39 anderen Gewalt- und Sexualstraftätern. Das Therapiezentrum wurde 2005 eingeweiht. 48 Haftzellen stehen zur Verfügung. Hinzu kommen zwei sogenannte Rückkehrerzellen, die aber noch nie benutzt wurden. Das Gesetz verlangt, die Zellen vorzuhalten für Leute, die es in der Freiheit nicht aushalten.

          Jeder Strafgefangene in der Therapie hat zwar seine eigene Zelle, Haftraum genannt, worin es Bett, Stuhl, Fernseher und Toilette gibt. Aber man lebt zusammen in vier Wohngruppen. Die Häftlinge gehen arbeiten und zweimal in der Woche zur Therapie, die sich wiederum nach der begangenen Straftat richtet. Sie können Sport treiben. Manche malen und zeichnen, ihre Bilder hängen überall in den Fluren und Aufenthaltsräumen. In der Sozialtherapeutischen Abteilung finden es die meisten Inhaftierten besser als im Haupthaus gegenüber, dem eigentlichen geschlossenen Vollzug. Der Weg ist zwar nicht weit, einmal über den Hof, aber ein Insasse kann die paar Schritte nur unter bestimmten Voraussetzungen machen.

          In der JVA Waldeck, die als eines der modernsten Gefängnisse Deutschlands gilt
          In der JVA Waldeck, die als eines der modernsten Gefängnisse Deutschlands gilt : Bild: ddp

          Häftlinge sollen lernen, Risikosituationen zu vermeiden

          Vorgeschaltet ist das 2008 eröffnete Diagnostikzentrum der JVA, dessen Erkenntnisse in den Vollzugsplan für jeden Gefangenen einfließen. Nur wer in eine Behandlung einwilligt und wer fähig zur Therapie ist, kann überhaupt in die Sozialtherapie kommen. Fähig, das setzt eine gewisse Intelligenz voraus. Die Therapieprogramme sind auf einen Intelligenzquotienten von 70 ausgelegt, einige der insgesamt 285 im geschlossenen Vollzug Inhaftierten in Waldeck liegen freilich darunter. Willig, das meint: Die Täter müssen ihre Tat wenigstens einsehen und den Wunsch haben, nicht noch einmal in eine solche Situation zu geraten. Die Vorbereitungszeit für die Therapie beträgt vier Monate. Die eigentliche Behandlung dauert mindestens zwanzig Monate und höchstens vier Jahre; im Durchschnitt sind es drei Jahre.

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