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Sicherungsverwahrung : Notfallpläne gegen das Rückfallrisiko

Die Strafgefangenen müssen sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen, die ja oft genug eine hinter Gittern ist. Sich in die Rolle des Opfers begeben und Bewältigungsstrategien einüben, wie sie etwa von Alkohol oder Drogen wegkommen. Am Ende steht eine Art Notfallplan: Die Häftlinge sollen lernen, Risikosituationen zu vermeiden – sich also etwa von Schulen, Kinderspielplätzen oder eben Kneipen fernhalten. Vier Psychologen und ebenso viele Sozialarbeiter betreuen und behandeln die Gefangenen in der Sozialtherapie. Auf jeden Gefangenen kommt zudem ein sogenannter Betreuungsbeamter. Ob die Therapie nützt, wird einmal im Jahr überprüft.

Harry Schmitt wurde als Gefangener im Therapiezentrum aufgenommen und wird auch als Sicherungsverwahrter dort bleiben. Er wird weiter wie bisher in der Tischlerei arbeiten. Er hat mal Gleisbau bei der Bahn gelernt, das Tischlern bekam er in der Werkstatt mit. Die Arbeit macht ihm Spaß, die Aufgaben können anspruchsvoll sein. Ein Großteil der Büromöbel in der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg wurde hier gebaut. Aber auch Daimler hat schon Aufträge nach Waldeck vergeben. Schmitt wird noch viele Jahre in Waldeck verbringen müssen. Er konnte es nicht fassen, als das Gericht für ihn Sicherungsverwahrung anordnete: „Erst wurde die Urteilsverkündung um eine Woche verschoben, und dann hieß es auf einmal Sicherungsverwahrung. Ich war völlig überrascht.“ Vier Sicherungsverwahrte gibt es derzeit in Mecklenburg-Vorpommern. Alle leben sie in Waldeck, zwei sind im Therapiezentrum.

Einiges hat Schmitt in der Therapie schon gelernt. Worte wie „empathiemäßig“ und „Dissozialisierung“ gehen ihm flüssig über die Lippen. Und dass er über seine Tat nachdenke und an die Leiden der Opfer. Er interessiere sich für Sport und Politik, jedenfalls im Fernsehen, erzählt er. Dass das Bundesverfassungsgericht Anfang Mai faktisch alle Regelungen für die Sicherungsverwahrung außer Kraft setzte, hat er verfolgt. Sogar das Urteil kam ihm in die Hand – „über die Anwältin von einem anderen aus unserer Wohngruppe“. Schmitt hält die Entscheidung des Gerichts für richtig: „Ich bin bald kein Strafgefangener mehr. Was soll ich dann noch im Knast?“ „

„Sie lassen sich auf ein Nachdenken ein“

Auch Heinz Günther* sieht es so: „Menschen wegzusperren, damit ist niemandem geholfen.“ Man müsse Therapien anbieten, „um die Fehler, die in einem stecken, auszuräumen und auf einen vernünftigen Weg zu kommen“. Günther wurde 1962 geboren, sieht aber älter aus, und er ist genau wie Schmitt üppig tätowiert. Er kam 2005 wegen Raubes und Vergewaltigung seiner Lebensgefährtin für fünf Jahre in Haft. Auch gegen ihn ordnete das Gericht Sicherungsverwahrung an. Seit 2009 ist Günther in der Therapie. Über seine Vorstrafen will er nicht sprechen. Nur so viel hat er in der Therapie verstanden: „Ich bin zu gefährlich für die Allgemeinheit.“ Er sieht sich auf gutem Weg, habe ausführlich mit dem Therapeuten über die Straftat gesprochen und „aus den Fehlern gelernt“. Er wisse, dass sein Rückfallrisiko der Alkohol sei. Von Beruf ist er Koch und Bäcker, früher arbeitete er schon mal in der Waldecker Küche. Er würde gern nach dem Ende der Therapie aus der Sicherungsverwahrung herauskommen und in ein betreutes Wohnen übersiedeln, sagt er.

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