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F.A.Z. exklusiv : Sicherheitsbehörden sehen in Hamburger Messerstecher neuen Tätertyp

Einsatzkräfte der Polizei sperren am 28. Juli nach einer Messerattacke in einem Supermarkt in Hamburg den Tatort ab. Bild: dpa

Mit einem Messer stach er auf Menschen in einem Hamburger Supermarkt ein: Erst zeigte Ahmad A. Anzeichen von Radikalisierung, dann blieb er unauffällig. Kann man eine solche Tat dann überhaupt kommen sehen?

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          Hamburger Sicherheitsbehörden betrachten den Hamburger Messerattentäter Ahmad A. als einen Täter neuen Typs. Gefährder hätten in ihrer Entwicklung eine gewisse Konstanz, sagte Frank-Martin Heise, der Leiter des Landeskriminalamts in Hamburg, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) vom Freitag. „Sie verschreiben sich einer Ideologie, da wird ein häufig nachvollziehbarer Weg der Radikalisierung eingeschlagen.“

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Bei Ahmad A. sei das nicht der Fall. Sein Weg bis zur Tat entspreche nach bisherigen Erfahrungen nicht dem Verständnis der Radikalisierung, sagte Heise. „Das war ein völlig atypisches Verhalten.“ Ahmad A. hatte am 28. Juli 2017 in einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek einen Mann erstochen und sechs Menschen zum Teil schwer verletzt.

          Zwar hatte es zuvor Hinweise auf ihn und sein Verhalten gegeben, er hatte sich aber auch über lange Phasen unauffällig verhalten. Bei dem erst vor kurzem in den Sicherheitsbehörden eingeführten System zur Bewertung von Gefährdern – es heißt Radar-ITE – wäre A. daher wohl auch nicht aufgefallen.

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          „Mit seinem Verhalten wäre er nicht als Gefährder eingestuft worden“, sagte Heise. A. stehe für einen neuen „Tätertyp“, sagte Torsten Voß, Präsident des Hamburger Verfassungsschutzes der F.A.Z.. Für Personen, „bei denen möglicherweise neben extremistisch motivierten auch andere, psychische Gründe mit eine Rolle spielen“. Es könnten Traumatisierungserfahrungen, tatsächliche oder gefühlte Diskriminierungen oder Brüche in der Biografie sein. „Und solche Täter können dann die Religion zur Rechtfertigung ihrer Taten instrumentalisieren.“


           
          Am Freitag beginnt in Hamburg der Prozess gegen Ahmad A. Der Generalbundesanwalt wirft A. heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen vor, Mordversuch und Körperverletzung. Der 26 Jahre alte Palästinenser habe den Konflikt zwischen Muslimen und israelischen Sicherheitskräften um den Tempelberg in Jerusalem vor Augen gehabt bei seiner Tat.

          Die Zugangsbeschränkungen für Muslime zur Al-Aksa-Moschee habe er als unerträglich empfunden. Er habe auch Deutschland für verantwortlich gehalten und deshalb habe er so viele Deutsche christlichen Glaubens töten wollen wie möglich, seine Tat habe er als Beitrag zum Dschihad verstanden. Hinweise, dass er Verbindungen zu einer terroristischen Vereinigung hatte, gibt es nicht.

          Heise gestand auch Fehler der Sicherheitsbehörden ein: „Wir müssen sagen, in diesem Einzelfall ist der Umgang mit den Hinweisen nicht optimal gelaufen, insbesondere was die Schnelligkeit der Bewertung dieser Hinweise anbelangt“, sagte er. Die Tat wäre aber wohl auch ohne die Fehler passiert. „Der Tatentschluss ist nach unseren Erkenntnissen extrem kurz vor der Tat gefallen“, sagte Heise der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Das macht den Fall so besonders.“

          Zu der nach der Tat angeordneten Überprüfung alter Hinweise auf mögliche Islamisten äußerte Heise, diese sei zwar noch nicht abgeschlossen – es habe bislang aber keine herausragenden Erkenntnisse gegeben.

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