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Selbsternannte Bürgerwehren : Sicherheit in unguten Händen

  • -Aktualisiert am

„Ärger wollen wir hier nicht.“: Gökhan Cetimhay, Nicolas Kellner und Hündin Nasri auf Streife Bild: Andreas Müller

Seit den Ereignissen von Köln wurden viele Bürgerwehren gebildet. Die Polizei warnt. Doch vielerorts kontrollieren Zivilisten nachts die Straßen. Ein Streifzug durch Memmingen.

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          Wenn man nur ein deutsches Wort beherrscht, ist „Nein“ nicht das Schlechteste. „Grüß Gott. Sie sind ja noch ziemlich spät unterwegs. Wir schauen, dass abends hier auf den Straßen nix passiert.“ Der Mann, breites Kreuz, dunkle Jacke, deutet mit der Taschenlampe in seiner Hand auf sich und seinen Kumpel daneben. „Es gibt hier doch keinen Ärger, oder?“, fragt er die beiden Männer vor sich, die auf ihre hellen Handy-Bildschirme schauen. „Nein.“ Der Mann mit der Taschenlampe bleibt unbewegt stehen. „Weil Ärger wollen wir hier nicht.“ „Nein, nein.“

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Die beiden Angesprochenen, offenbar Flüchtlinge aus dem arabischen Raum, verstehen das Bayerisch des Mannes nicht, aber sie wissen offenbar, wie sie jetzt besser reagieren sollten. Der Mann mit der Taschenlampe nickt stumm und geht dann mit seinem Freund weiter. „Ich weiß ja nicht, ob die nicht doch noch was anstellen.“

          Dieser Gedanke – dass da draußen Männer rumlaufen, die irgendetwas anstellen könnten – lässt Herrn Ruber, wie wir ihn hier nennen wollen, nachts nicht schlafen. Das sagt er zumindest. Nun steht er hier nachts um halb eins auf dem glatten Kopfsteinpflaster der Memminger Altstadt; der Wind weht kalt um die schiefen Häuserecken. In sechs Stunden klingelt sein Wecker. Aber all das ist Herrn Ruber egal. Was jetzt zähle sei Einsatz. „Einsatz für meine Stadt. Und ja, ich sage das ganz bewusst, auch Einsatz für mein Land und die Werte hier.“

          „Zwei Männer sind besser als gar keiner“

          Die Werte, die für Herrn Ruber seit der Silvesternacht in Gefahr sind. Seit aus einer Gruppe von Männer heraus Frauen auf der Kölner Domplatte angegriffen, angegrabscht, bestohlen und belästigt wurden. Und seitdem in Memmingen ein paar Tage später eine junge Frau zur Polizei ging und einige nicht deutsch aussehende Männer anzeigte, die sie ausgeraubt und ihr die Bluse aufgerissen hätten. Die Geschichte war frei erfunden, wie sich später herausstellte, und das weiß auch Herr Ruber. Trotzdem geht er seitdem mit einem Freund, der auch anonym bleiben will, auf eigene Faust nachts auf Streife. „Wir sind eine Zwei-Mann-Bürgerwehr. Aber ich sage, zwei Männer sind besser als gar keiner.“

          An vielen Orten in Deutschland bilden sich momentan kleinere und größere Bürgerwehren, die die Straßen sicherer machen wollen. Meistens wird erst eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Leute treffen und austauschen. Über die Gruppe wird verabredet, wer wann auf „Streife“ geht. Auch für Memmingen gibt es eine solche Seite, knapp tausend Leuten gefällt sie, und mehr als hundert beteiligen sich an den „Streifen“ – zwanzig Jahre alte Auszubildende genauso wie 45 Jahre alte Familienväter. In Memmingen, einer Stadt mit 2,5 Prozent Arbeitslosigkeit und einer der bundesweit nierigsten Quote an Straßenkriminalität, die jemals festgestellt wurde.

          Warum ausgerechnet hier? „So etwas kann natürlich nur jemand von außerhalb fragen“, sagt Nicolas Kellner mit einem Seufzer und erklärt dann ruhig, was für ein gefährlicher Ort seine Stadt doch eigentlich sei. Es gebe so viele dunkle Ecken und Plätze. Und den Erlenweg. „Da liegen sie tot in den Wohnungen und keiner merkt‘s.“ Kellner, der kein Problem damit hat, dass sein Name in der Zeitung steht, ist 19 Jahre alt und der Gründer der „Bürgerwehr Memmingen“.

          Mit Flüchtlingen hätte die Gewalt nichts zu tun

          Als seine Freundin Anfang Januar abends nach Hause gelaufen sei, hätten sich ihr zwei Männer in den Weg gestellt. Sie seien immer aufdringlicher geworden, hätten sie angefasst, angespuckt und „Schlampe“ genannt. „Das waren Deutsche!“, sagt Kellner. Denn mit Flüchtlingen hätte die Gewalt nichts zu tun. Als seine Freundin ihm davon erzählte, dachte dieser: Das wird kein Einzelfall gewesen sein.

          Kellner ist Berufsmusiker, da kann man am nächsten Morgen schon mal etwas länger schlafen, aber sein Freund Gökhan Cetimhay macht eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker und muss früh raus. Aber auch er ist dabei. Den müdesten Eindruck macht noch Nasri, eine hüfthohe, ruhige Akbash-Hündin, die wirklich nicht zum Kampfhund taugt. „Egal, die macht aber Eindruck“, sagt Kellner, zieht sich die Kapuze über den Kopf und biegt auf das Gelände des alten Memminger Güterbahnhofs. Güter kommen hier schon seit Jahren keine mehr an. „Jetzt ist ein beliebter Platz für alle möglichen kriminellen Sachen“, sagt Kellner.

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