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Sexueller Missbrauch : Falsche Barmherzigkeit

Der St.-Marien-Dom in Hamburg-St. Georg am Abend des 18. März 2021. Papst Franziskus hat die damals ausgesprochene Bitte um Amtsverzicht nicht angenommen. Bild: dpa

Es ist verständlich, dass der Papst den Hamburger Erzbischof Heße im Amt belassen hat. Andernfalls müssten Bischöfe weltweit fallen wie Dominosteine.

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          Fast genau ein halbes Jahr war der Hamburger Erzbischof Stefan Heße nicht mehr zu sehen und zu hören: Die nach objektiven Kriterien ermittelten Pflichtverletzungen im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs, die er sich als vormaliger Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln hatte zuschulden kommen lassen, wogen so schwer, dass er wenige Stunden nach der Veröffentlichung des einschlägigen Gutachtens dem Papst seinen Amtsverzicht anbot.

          Doch der Schaden für das Amt des Erzbischofs, von dem Heße im März sprach, liegt, wie so vieles, im Auge des Betrachters.

          Aus der Sicht von Papst Franziskus hat Heße sich nichts zuschulden kommen lassen, was einen Rückzug vom Amt rechtfertigte. Mochte Heße Betroffene ignoriert, Beschuldigte umgehend wieder in der Seelsorge eingesetzt und sich in vielem nicht an die Vorschriften des Kirchenrechts gehalten haben – all dies disqualifiziert ihn nach dem Urteil des Papstes nicht für ein Leitungsamt in der katholischen Kirche. In der Tat hätte Franziskus ein Problem, würde er auch nur moralische und rechtliche Mindeststandards an das Handeln von Amtsträgern gegenüber Beschuldigten und Betroffenen anlegen – von Maßstäben wie guter Amtsführung gar nicht erst zu reden. Dann nämlich müsste er viele Bischofsstühle überall auf der Welt umgehend neu besetzen, nicht zuletzt in Deutschland.

          „Hirtensorge“ geht immer

          Dass er davor zurückscheut, ist verständlich, zumal er bei sich selbst anfangen müsste. Franziskus hat mehr als einen Missbrauchsfall an sich gezogen und gegenüber Tätern „Barmherzigkeit“ walten lassen. Als Papst steht ihm dies zu. Er ist an keine Normen und keine Gesetze gebunden, auch nicht an seine eigenen. So bleibt es bis auf Weiteres auch dabei, dass ein Bischof wohl selbst sexuell gewalttätig geworden sein muss, um als untragbar zu gelten.

          Jeder Schaden, den diese Männer unterhalb dieser Schwelle anrichten, wiegt in den Augen jedenfalls dieses Papstes nicht so schwer, als dass man sie nicht mit der „Hirtensorge“ (Franziskus) betrauen könnte. Dass viele „Schafe“ angesichts von päpstlicher Willkür und bischöflicher Immunität Reißaus nehmen, scheint deren Problem zu sein, nicht das der Kirchenführung.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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