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Sexuelle Selbstinszenierung im Internet : „Sexy bitch“ liebt „klaiines luuder“

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Mal zotig, mal vulgär: Schon junge Mädchen inszenieren sich in sozialen Netzwerken im Internet als abgeklärte Lolitas. Es gilt: „Alles, was Spaß macht, ist okay.“ Doch die tabulose Freiheit im Jugendzimmer hinterlässt ihre Spuren.

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          Die Petition gegen den baden-württembergischen Bildungsplan 2015 sorgt für heftige Debatten. Von „moralischer und ideologischer Umerziehung“ spricht der Initiator und Lehrer Gabriel Stängle, während ihm und den Befürwortern Diskriminierung und Homophobie vorgeworfen werden. Die Generation, um die es geht, gerät dabei aus dem Blick. Nach welchen Werten leben Teenager? Aufschluss darüber gibt ein Blick auf die Sexualmoral der um die Jahrtausendwende Geborenen. Soziale Medien ermöglichen Einsichten in die Lebenswelt von Teenagern.

          Mädchen zählen zu den aktiven Facebook-Nutzern, die ihr Leben durch intensive Interaktion virtuell abbilden. Sie posten täglich Fotos und bekräftigen ihren sozialen Status über ihr Aussehen. Süß und sexy wollen sie sein. Anhand der „Likes“ und Kommentare loten sie ihre Beliebtheit in der Clique aus: „Woow. süße du bist soou hüpsch *_* - Danke mein schatz du aber auch ?“ Der ganzen Jahrgangsstufe wollen sie zeigen, wer ihre Freundin ist: „ich lieebe dich sooo sehr meinee beste <33“. Pubertierende Mädchen stilisieren ihre Freundschaften auf Plattformen wie Facebook zu einer Liebesbeziehung.

          Von schüchtern bis plump

          Die Selbstbilder der Mädchen pendeln zwischen einer romantisierten Sehnsucht nach Liebe und einer sexualisierten Alltagsrealität. Die Janusköpfigkeit zwischen „sweet princess“ und „sexy bitch“ (sexy Schlampe) zeigt sich bereits in ihren Pseudonymen: „BebiiBitch“, „klaiines luuder“, „bunnybebi“, „Priinzessii Chiicka“ oder „SexyPrincess“ nennen sie sich, und zugleich sind sie „best friends forever“. Auf Fotos umarmen und küssen sie sich. Die adäquate Selbstinszenierung spielt mit jungmädchenhafter Erotik. Von schüchtern bis plump reicht die sexuelle Komponente im Niedlichen. Auch in den Einträgen überwiegt ein süßlicher Tonfall. WLAN im Kinderzimmer fördert diese Art der Selbstdarstellung. „Ich weiß dass ich geil bin umsonst bist ja ned so feucht immer: DD ich liebe dich soo sehr <33“, schreibt eine Dreizehnjährige auf die Pinnwand ihrer Freundin. Was die Äußerungen offenbaren, ist Alltag in der Welt der um 2000 Geborenen. Unbekümmert sprechen Mädchen von ihren „Titten“ oder ihrem „Arsch“ und vom „Ficken“, „Vögeln“ oder „Sex haben“. Mit neuer Selbstverständlichkeit verwenden sie das alte, von Männern gebrauchte Vokabular für Körperselbstbild und sexuelle Intimität. Sex passiert einfach. „Ich hatte mit dem mal was“ oder „Mit dem lief mal was“ sind solche Aussprüche.

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          Total vernetzt: Auf sozialen Netzwerken und in Programmen wie dem Fotodienst Instagram tummeln sich weltweit Millionen Jugendliche : Bild: AP

          Die vulgäre Sprache und die Banalisierung der Sexualität können ein Symptom für seelische Verletzungen sein. Das Schamgefühl wird verletzt, wenn emotionale Probleme entstehen, in denen die Bindung zu oder zwischen den Eltern gestört wird. Kinder, die sich in der Liebe geborgen fühlen, die ihre Eltern füreinander empfinden, haben in der Regel ein gesundes Schamgefühl. Verlieren sie diese Geborgenheit, spiegelt sich ihre innere Blöße auch im Verhalten wider. Wenn Eltern sich immerzu streiten oder scheiden lassen, trifft dies Kinder in ihrem Selbstwertgefühl. Sie stellen sich unbewusst selber in Frage: Bin ich das Ergebnis einer großen Lüge? Bin ich schuld? Wenn Kinder mitbekommen, dass der Vater Pornos guckt oder die alleinerziehende Mutter wechselnde Liebhaber hat, verlieren sie den Respekt für ihre Eltern und lieben sie dennoch. Ihnen obliegt es, die Enttäuschung ihrer Eltern zu kompensieren und sich in ihrer Kränkung neu zu orientieren. Manche Kinder wirken auf einmal distanzlos oder sehr selbständig und entwickeln eine Verantwortlichkeit für ihre Eltern, etwa für die alleinerziehende Mutter, andere verkriechen sich im symbiotischen Bindungsgeflecht einer Clique, oder sie flüchten sich in eine frühere Beziehung, in der sie intensive Ersatznähe suchen und alles besser machen wollen als die Eltern.

          Unbefriedigte Sehnsucht nach bedingungsloser Empathie

          Solche Kompensationsversuche in einer Mädchenfreundschaft oder Beziehung führen dazu, dass die ursächlichen Enttäuschungen noch einmal erlebt werden. Die unbefriedigte Sehnsucht nach bedingungsloser Empathie muss die Freundin oder den Freund als primäre Bezugsperson zwangsläufig überfordern.

          Das viele dieser Phänomene auf sozialem Lernen beruhen, ist allerdings ebenfalls zu bedenken: Wer außerhalb der Familie aufwächst und den größten Teil des Tages in der Schule und anschließend unter Freunden ist, wird in seiner Gleichaltrigengruppe sozialisiert. Der Psychologe Gordon Neufeld untersucht, wie sich ganztags kollektivierte Kinder an Gleichaltrigen orientieren und die Bindung zu ihren Eltern dabei Schaden nimmt. Geahnt hat das schon Karl Marx: „Wir heben die trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen.“ In der Ganztagsschule wird Anpassung zur sozialen Notwendigkeit, denn nur „Eltern können Kindern das geben, was sie einander nicht geben können: die Freiheit, sie selbst zu sein, im Kontext liebevoller Akzeptanz“, schreibt Neufeld. Wenn sich psychosoziale Entwicklungsschritte primär unter Gleichaltrigen vollziehen, ist die vertikale Kulturvermittlung unterbrochen, und das Triebhafte verliert seine Zügel. Schüler der ganzen Jahrgangsstufe lesen mit, wenn die beiden Freundinnen ihr So-tun-als-ob schildern: „& dann bei mir daheim : DD ich fick dich soo & mehlow sieht alles. kommt mei mam rein ,poppts ihr oda was ?? hüüüpf voll schnell von dir runta ^^ dann is draußen & gleich wieder auf dir gwen und gefickt was gegangen is.“

          „Alles, was Spaß macht, ist okay“

          Normen und Moralvorstellungen vermitteln Gleichaltrige sich gegenseitig. Sex gehört zum Kennenlernen dazu, und Beziehungen werden auch schnell wieder beendet. „Für immer und ewig“ reicht selten bis zum Abitur. Im Alltag der Teenager bestätigt sich die Botschaft solcher Serien, wie „How I Met Your Mother“ und „Two and a Half Men“. Das jugendliche Publikum amüsiert sich über die Dates und Beziehungsversuche der Hauptfiguren und verinnerlicht die Handlungsmuster. Wer normal lebt, lässt nichts aus, bis die große Liebe kommt. Wie in einem Slogan der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gilt: „Alles, was Spaß macht, ist okay, wenn du nur richtig verhütest.“ Der Aufklärungsunterricht holt die Schüler genau dort ab. Pädagogen von Pro Familia initiieren Rollenspiele, und sie bilden Teenager zu sogenannten Sexperten aus. Jungen und Mädchen im Alter von 14 und 15 Jahren referieren vor Gleichaltrigen über Verhütung und verschiedene Sexualpraktiken.

          Gezielt bauen die minderjährigen Sexperten Hemmungen ab, damit ihre Mitschüler gut vorbereitet sind. Dass Verantwortung auch heißt, zu zweit und in Liebe für ein Kind zu sorgen, wird nicht vermittelt. Bereits 1970 schrieb der Erziehungswissenschaftler Hans-Jochen Gamm: „Wir brauchen die sexuelle Stimulierung der Schüler, um die sozialistische Umstrukturierung der Gesellschaft durchzuführen, und den Autoritätsgehorsam einschließlich der Kinderliebe zu den Eltern gründlich zu beseitigen.“ Er bezog sich auf Freud: „Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig, die Zerstörung der Scham bewirkt die Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit der Mitmenschen.“

          Wünsche gehen tiefer als der angestachelte Sexualtrieb

          Die eigentlichen Wünsche der Teenager gehen tiefer als der durch Gratiskondome angestachelte Sexualtrieb. Im Kino bricht die Vampir-Saga „Twilight“ Rekorde, nicht allein wegen gutaussehender Vampire, sondern auch, weil die Geschichte an die alten Bilder von Liebe, Treue und Familie erinnert. Edward Cullen, der blutsaugende Romantiker aus dem letzten Jahrhundert, möchte seine Angebetete vom Heiraten überzeugen; an Sex ist noch gar nicht zu denken. Schwärmend sitzen die Mädchen in den Kinosesseln, während ihnen das Verhütungsmittel durch die Blutbahn zirkuliert. Ihre Sehnsüchte und die Realität, in der sie sich befinden, klaffen auseinander. Verabredungen, die im Bett ausklingen, verarbeiten sie mit der besten Freundin.

          Generation Facebook: Wer normal lebt, lässt nichts aus, bis die große Liebe kommt.
          Generation Facebook: Wer normal lebt, lässt nichts aus, bis die große Liebe kommt. : Bild: dpa

          Die Sehnsucht nach Nähe ist groß, die Enttäuschungen, wenn es wieder nicht der Richtige war, auch. Mit erwachsenem Gehabe entwachsen die Mädchen dem Teenageralter. Junge Frauen, die nach eigenem Gutdünken gelebt haben, halten das souveräne Beenden intimer Beziehungen für soziale Kompetenz. Sie messen Reife am verantwortungsvollen Umgang mit der Pille, und „Twilight“ finden sie inzwischen kitschig. Permanent wischen sie jedoch über das Smartphone, auf der Suche nach neuen Whatsapp-Meldungen und Facebook-„Likes“. Blendende Inszenierungskünste verbergen emotionale Abhängigkeiten. Wirklich selbstbestimmt ist, wer Sexualität in einer beginnenden Freundschaft hintanstellt, aber die Aussicht auf eine dauerhafte Bindung nicht als Einengung, sondern als Erweiterung empfindet.

          Weg in die soziale Promiskuität

          Tägliche Hypersexualisierung und labile Beziehungen können zur Abspaltung des kindlichen Ichs führen. Denkbare Folgen sind soziale Promiskuität bei gleichzeitiger Unfähigkeit, Intimität zuzulassen, oder auch Wut auf das andere Geschlecht. Muster dieses Denkens finden sich bereits unter den sich abgeklärt gebenden Dreizehnjährigen: „aber wir stehen alles durch was >männer< betrifft.,  wie ich om schon gschriem hab 'ausgfotzte oaschlecha'. wir sind jetz eh schon lesbisch mit alinaa. alsoo (: und lesben sind die besten., oder auch Bi .,  < >> bisschen bi schadet nie. ( . . . ).“ Lustige Zoten, zynische Vulgarismen und ein betont normaler Umgang mit Sex, etwa das demonstrative Einnehmen der Pille in der Schule, aber auch bloß die Angst, vor seinen Freunden als prüde zu gelten, sind Indikatoren einer enttabuisierten Sexualität, die das zerstört, was Sex eigentlich ausmacht.

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