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Sexismus in der CDU : „Nicht altmodisch, sondern völlig inakzeptabel“

  • Aktualisiert am

Fühlt sich von Parteifreunden sexistisch bedrängt: Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends Bild: dpa

Die CDU streitet über den Sexismus-Vorwurf: Eine junge Politikerin soll Affären-Gerüchte selbst lanciert haben, heißt es – Lüge, antwortet sie. Man wolle sie zerstören. Frank Henkel könnte die Parteiführung früher als geplant verlieren.

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          Die Bundesfamilienminiserin Manuela Schwesig (SPD) hat Sexismus im Alltag und am Arbeitsplatz verurteilt. Sexistische Sprüche und sogenannte Herrenwitze seien „nicht nur altmodisch, sondern völlig inakzeptabel“, sagte die SPD-Politikerin am Montag. „Es ist gut und mutig, wenn Frauen das offen ansprechen.“

          Indirekt greift Schwesig damit in die Debatte der CDU ein. Am Freitag hatte die junge Politikerin Jenna Behrends in einem offenen Brief Sexismus-Vorwürfe gegen ihre Partei erhoben und damit eine Debatte über Sexismus in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angestoßen. Unter anderem habe sie ein Senator auf einem Parteitag der Berliner CDU im Frühjahr als „große süße Maus“ bezeichnet, schreibt Behrends. Ein männlicher CDU-Funktionäre hätte einen anderen gefragt: „Fickst du die?“

          Auch die Bundesregierung sprach sich gegen Sexismus aus. „Da, wo Frauen in unserer Gesellschaft noch immer herabgewürdigt werden als Frauen, da trifft das auf eine ganz klare Haltung, ablehnende Haltung durch die Bundesregierung“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

          „Große süße Maus“ nicht akzeptabel

          Die stellvertretende Unions-Fraktionschefin Nadine Schön hält Sexismus für ein Problem, das nicht nur die Politik betrifft. „In der Partei genauso wie in der ganzen Gesellschaft muss das Thema stärker diskutiert werden, thematisiert werden“, sagte sie am Montag im Deutschlandfunk. Schön sprach von einem „Graubereich“. Man müsse zwischen einer laxen Bemerkung und einer verletzenden, sexistischen Bemerkung unterscheiden. Eine erwachsene Frau „große süße Maus“ zu nennen, halte sie nicht für akzeptabel.

          Sie selbst habe die von Behrends geschilderten Erfahrungen nicht gemacht, sagte Schön. „Aber ich kenne das natürlich auch von Berichten von Bekannten und Freundinnen, jetzt egal, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder auch in Vereinen und Verbänden.“

          Sexismus in der Politik, zu lange verschwiegen? „Das ist natürlich auch ein Problem in politischen Parteien“, sagt Gesine Agena, frauenpolitische Sprecherin der Grünen. Auch sie ist eine junge Politikerin und kennt das Thema. In der Partei habe sie auch schon mal doofe Sprüche gehört. „Das erleben viele Politikerinnen.“

          „Kein Graubereich, sondern Sexismus“

          Allerdings, das ist der 29-Jährigen wichtig: Die Grünen besetzen etwa ihre Listen und Gremien paritätisch - das heißt mit Männern und Frauen zu gleichen Teilen. So komme es seltener zu sexistischem Verhalten. „Bei uns sind die Männer seit 30 Jahren daran gewöhnt, sich die Macht mit Frauen zu teilen“, betont Agena. Auch die Linke hat zum Beispiel eine Quote von 50 Prozent.

          Anne Wizorek, die vor drei Jahren die sogenannte Aufschrei-Debatte um Sexismus in der Gesellschaft mitausgelöst hatte, widersprach Schön. Sie sagte dem Sender: „Das würde mit männlichen Kollegen schlichtweg nicht passieren, und insofern ist das kein Graubereich, sondern Sexismus.“ Gleichzeitig begrüßte sie, dass CDU-Generalsekretär Peter Tauber am Wochenende eingeräumt hatte, dass es in der Partei - aber auch in der Gesellschaft - ein Problem mit Sexismus gebe.

          Die Berliner CDU versinkt im Chaos. Frank Henkel distanzierte sich von den Vorwürfen, verwies darauf, dass er Quereinsteigerinnen wie Behrends eine Chance gegeben hätte. Ein klares Dementi der Vorwürfe formulierte er nicht. Verschiedene Lokalzeitungen wie Berliner Kurier und B.Z. zitierten am Sonntag Äußerungen der Vorsitzenden der Frauen-Union Berlin Mitte, Sandra Cegla. Sie warf Behrends vor, ihre Reize stark eingesetzt zu haben. Außerdem soll die junge Politikerin offen über ein Verhältnis mit CDU-Generalsekretär Peter Tauber gesprochen haben.

          Henkel könnte Amt schon früher verlieren

          „Auf mich persönlich wirken ihre Vorwürfe äußerst verstörend. Ich empfinde Frau Behrends als eine zweifelhafte Persönlichkeit“, wird Cegla in der B.Z. zitiert. Behrends habe Lügen und Unwahrheiten verbreitet. Sexismus, so Cegla, sei ihr in den vier Jahren, die sie in der Politik sei, nicht begegnet. Sie unterstellte Behrends Zerstörungswut und Geltungssucht.

          Behrends wiederum reagiert darauf. Es handele sich um eine Schmutzkampagne, nichts davon sei wahr. In der Berliner CDU wächst der Unmut über Innensenator Frank Henkel. Der Berliner CDU-Parteivorsitz soll eigentlich erst im kommenden Jahr von Henkel auf die Kulturstaatssekretärin Monika Grütters übergehen. Angesichts der Sexismus-Debatte könnte der Stabwechsel an der Spitze der Berliner CDU schon deutlich früher stattfinden.

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