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Serie „Besuch beim Wähler“ (2) : Schutzraum neben Plattenbau

In der „Bunten Welt“: Männer aus der Region tauschen sich in Cottbus aus. Bild: Robert Gommlich

Was erwartet ein Schwulen-Stammtisch in Cottbus von der Politik? Teil zwei unserer Serie zur Bundestagswahl.

          3 Min.

          Zwischen elfstöckigen Wohnblocks, einem Supermarkt und einem Parkplatz liegt in einem blauen Industrieflachbau die „Bunte Welt“. Seit acht Jahren gibt es das queere Kulturzentrum in Cottbus. Ein hell erleuchteter Saal voller Regenbogenfahnen, mit roten Plüschsofas und einer Bar – ein Schutzraum inmitten des Plattenbaugebiets. Drei Jahre lang haben die Männer vom CSD Cottbus e.V. den Raum saniert, auf eigene Kosten, wie sie betonen. „Die Politik enttäuscht uns seit Jahren“, sagt Christian Müller. Er ist Sozialarbeiter und Leiter des Vereins. Jeden letzten Freitag im Monat trifft sich hier der Schwulen-Stammtisch der Region, fünf bis zehn Männer aus Forst, Spremberg und Cottbus. Heute sind Uwe, Stefan und Michael gekommen, alle um die 50 Jahre alt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Christian eröffnet die Runde. Es geht um die Planung für den kommenden Christopher Street Day (CSD). Die Finanzierung des Marschs sei jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung. „Im Bundestagswahlkampf werden wir immer wieder angefragt. Politiker aus Berlin oder Potsdam kommen her, machen Versprechungen und fahren nach einer Stunde wieder“, sagt Christian. „Alle versprechen, was für uns zu tun, für die Zivilgesellschaft in der Stadt, aber wenn wir dann Dinge anfragen, kommt keine Antwort.“ Mehr Geld für die queeren Institutionen habe es lange nicht mehr gegeben. Müde sei man.

          Doch wählen gehen wollen im Herbst alle vier, schon allein um den Aufstieg der AfD zu verhindern, die besonders in der Lausitz große Wahlerfolge verbucht. Repräsentiert fühlen sie sich allerdings von keiner Partei. „Sowohl konservativ als auch links, sozialdemokratisch oder grün – nichts hat uns vorangebracht“, sagt Christian. Der Erfolg des CSD, der in wenigen Jahren zu einem der wichtigsten queeren Ereignisse in Ostdeutschland aufgestiegen sei, basiere auf dem Engagement vieler gemeinnütziger Vereinigungen. Menschen, die auch dagewesen seien, wenn es schwierig oder bedrohlich geworden sei.

          Im Jahr 2008 zog die Parade erstmals durch Cottbus, mit 25 Teilnehmern. Mehr Polizisten als Demonstranten waren dabei. Drei Jahre später folgte der Tiefpunkt. Die Gruppe wurde von NPD-Anhängern mit Flaschen attackiert. Das habe die Vereinsmitglieder rebellischer gemacht, erzählen die Männer in der „Bunten Welt“. Vieles habe sich in den vergangenen Jahren zum Besseren gewandelt. Die Zustimmung in der Stadt wachse. Mittlerweile zieht die im August stattfindende Demonstration mehr als 500 Menschen an, viele kommen aus den polnischen Nachbarregionen, aus Berlin, Dresden und der ganzen Lausitz. Aber die Stadt Cottbus hadere mit der Übernahme der Schirmherrschaft für den CSD.

          Neben dem CSD ist den Männern die Unterstützung von schwulen und lesbischen Jugendlichen wichtig. Eigentlich brauchte man drei bis sechs Sozialarbeiter in der Region, die sich nur mit queeren Themen auseinandersetzten, Schulworkshops gäben und Menschen in schwierigen Situationen unterstützen könnten, sagt Michael, der beim Jugendamt arbeitet und in den Neunzigerjahren nach Cottbus gezogen ist. Stefan, Zahntechniker aus Forst, erzählt, dass von Schulen immer mehr Anfragen für die Unterstützung bei Aufklärungsprojekten kämen. Einmal im Monat finde auch ein Transstammtisch statt, mit mehr als 20 Teilnehmern – der Bedarf nach „Safe Spaces“ ist offenbar groß, gerade in einer ländlichen Region wie der Lausitz.

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          Aber auch bei diesem Themen klagen die Männer über mangelnde Unterstützung. „Die Politik versteht Diversität immer noch nicht als Querschnittsaufgabe. Wir sind keine Minderheit, mit der man sich für Fototermine schmücken kann.“ Dieses „Pinkwashing“ müsse aufhören, sagt Christian und fordert ein ehrliches Engagement der Politik für queere Belange, „gerade in Ostdeutschland“.

          Besonders in der Plicht sehen Christian und die anderen die Politik, wenn es darum geht, den Wegzug der Jungen aufzuhalten. Ein Problem sei, dass es an Orten für sie mangele. Eine linke, queere Disko, wie in den Neunzigern, gebe es in der Stadt nicht mehr. Der Wegzug sei „nicht nur eine kulturelle und soziale Frage, sondern auch eine ökonomische Herausforderung“, sagt Christian. Das finden auch die anderen drei und ergänzen, dass die Bundesregierung mehr für den ländlichen Raum und die Regionen, die sich im Strukturwandel befinden, tun müsse.

          Ein Idee, was man selbst dazu beitragen kann, hat man in der „Bunten Welt“ schon. Bald soll es auch Stammtische und Unterstützungsangebote in den kleineren Gemeinden um Cottbus herum geben. Niemand solle alleingelassen werden, auch nicht auf dem Land.

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