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Integration : Meine Heimat ist Deutschland

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Serap Güler fordert von Menschen mit Migrationshintergrund ein klares Bekenntnis zu Deutschland. Bild: dpa

Die Generation der Gastarbeiternachfahren wird das Gefühl nicht los, fremd im eigenen Land zu sein. Trotzig reagiert sie damit, gar nicht dazugehören zu wollen. Das ist fatal. Ein Gastbeitrag.

          Menschen mit Einwanderungsgeschichte sollen sich endlich zu unserem Land bekennen, heißt es oft. Richtig! Vor allem aus integrationspolitischer Sicht. Denn dieses Bekenntnis ist kein Anbiedern, keine Selbstaufgabe, kein Verrat – wie oft von Gegnern ins Feld geführt wird, sondern ein Endlich-Ankommen. Wer dieses Land stets nur als Arbeitsplatz und Sozialparadies sieht, wird hier nur schwer an- und selbst vorankommen. Auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl alles andere als fördernd, da es immer eine Seite geben wird, die sich vorkommt wie eine Melkkuh. Doch dieses Bekenntnis darf keine Einbahnstraße sein und das Gefühl erzeugen, dass Leistung und Dazugehören-Wollen nicht akzeptiert werden.

          Serap Güler ist Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration von Nordrhein-Westfalen und Mitglied im CDU-Bundesvorstand.

          Seit nun 37 Jahren lebe ich in diesem Land, das nicht etwa meine „neue“ Heimat ist. Ich hatte nie eine andere. Mich stört die Frage „Woher kommst du?“ nicht. Mich stört die Reaktion auf meine Antwort: „aus Köln“. Das sage ich nicht, um zu irritieren, sondern weil es keine andere Antwort darauf gibt. Meine Eltern sind vor Jahrzehnten aus der Türkei ausgewandert, ich aber habe nie in einem anderen Land gelebt als in Deutschland.

          Neulich hat mir eine Migrantin vorgeworfen, ich würde mit dieser Antwort meine Heimat verschleiern wollen, und es sei doch gar nicht schlimm, zu sagen, „aus der Türkei“. Eine autochthone Deutsche hingegen sagte, sie hätte mit dieser Antwort das Interesse an meiner Person verloren. Letzteres finde ich schade, da kein Mensch allein aufgrund seiner Herkunft interessant sein möchte – auch wenn ich Köln alles andere als uninteressant finde.

          „Ich komme nun mal nicht aus der Türkei“

          Die erste Reaktion hingegen ist nicht richtig. Ich habe gar nicht die Absicht, irgendetwas verschleiern zu wollen, aber ich komme nun mal nicht aus der Türkei. Das Türkische ist ein Teil meiner Identität, das mir niemand wegnehmen kann und das mir wichtig ist, aber meine Heimat liegt in Deutschland. Dies zu akzeptieren und weder in Frage zu stellen noch als Verschleierungstaktik zu interpretieren ist das Gebot der Stunde, wenn wir Bekenntnisse fordern.

          Es ist vor allem die junge Generation der Gastarbeiternachfahren, die diese Art von Fragen oder Reaktionen auf ähnliche Antworten mit ihrer deutschen Identität hadern lässt. Sie haben das Problem, dass – egal was sie auch machen, um dazuzugehören – sie doch nie das Gefühl loswerden, ihnen werde genau dies nie gelingen, da sie für viele immer Fremde im eigenen Land bleiben werden. Also entscheiden sie sich nicht selten für die Trotzreaktion: erst gar nicht dazugehören zu wollen. Diese ist nicht nur für ihr eigenes Ankommen hinderlich, sondern auch für den Frieden in einer Gesellschaft, da so Spannungen vorprogrammiert sind. Man denke nur an die Auftritte türkischer Politiker in unserem Land, die Hallen füllen, und an die Bilder von jungen Menschen vor diesen Hallen, die voller Stolz die türkische Fahne schwenken.

          Diese Auftritte sind nicht nur integrationspolitisch schädlich, da sie uns jedes Mal um Jahre zurückwerfen, sondern auch im aktuellen politischen Kontext falsch. Ich habe nicht einfach nur Bauchschmerzen, wenn Politiker, die die Todesstrafe propagieren, uns „Nazimethoden“ vorwerfen und Menschenrechtler mit Terroristen gleichsetzen, bei uns auftreten dürfen. Ich bin schlichtweg gegen diese Auftritte. Aber stolz auf die Heimat der Eltern oder Großeltern zu sein ist nichts, was jemandem zum Vorwurf gemacht werden darf. Denn die Verbundenheit zu einem Land darf nicht nur politisch bewertet werden. Besorgniserregend ist auch nicht das Schwenken der Fahne, sondern die fehlende Identifikation mit Deutschland.

          Gefühl der Ungleichbehandlung ist fatal

          Vor wenigen Tagen wurde in Berlin eine Studie vorgestellt, deren Ergebnisse leider nicht neu sind. Das wertet die Studie nicht ab, sondern zeigt vielmehr, dass das herrschende Gefühl der Ungleichbehandlung wieder einmal bestätigt wird: Kinder aus Migrantenfamilien bekommen bei gleichen Schulleistungen im Vergleich zu ihren deutschen Schulkameraden seltener eine Gymnasialempfehlung. Gerade bei jungen Menschen führen solche Ergebnisse oft zu der Einstellung, dass sich Leistung eben nicht lohnt, da es darauf allein nicht ankommt. Für ein Land wie unseres ist das Entstehen solch eines Gefühls fatal. Sind wir doch oft stolz darauf, eine leistungsorientierte Gesellschaft zu sein.

          Wenn Mesut Özil oder Sami Khedira als Nationalspieler ein Tor schießen, dann ist das ein Tor für Deutschland. Sehen wir es also sportlich: Akzeptanz und Anerkennung haben durchaus das Zeug, Weltmeister zu werden.

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