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Senioren-Union : Es ist alles noch viel schlimmer

  • -Aktualisiert am

Herr Bergmann, eine „fiktive Person“

Karl hat sein Büro in Offenburg, in einer prächtig sanierten ehemaligen Turbinenhalle. Draußen mäht ein Roboter den Rasen. Sonnenlicht flutet. In dem Gebäude sitzt auch die Agentur Pure Pepper. Sie vermittelt Werbekunden an Verlage, unter anderem die Deutsche Goldmünzen-Gesellschaft an den Verlag des „Souverän“. Also Spontanbesuch bei beiden. Karl erklärt sich bereit, auch ohne Termin zu reden. Ein kleiner Mann mit grauem Gesicht kommt die Treppe herab. Er gesteht jetzt ein, dass Herr Bergmann eine „fiktive Person“ sei, und fügt hinzu: So wie der Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer.

Aber da gab es ja keinen, der sich am Telefon als Herr Kaiser ausgegeben hätte? Dazu sagt Karl: „Manchmal gibt es Kunden, die darauf bestehen, den Herrn Bergmann persönlich zu sprechen. Sehr, sehr selten assistiere ich dann persönlich als Herr Bergmann. Um die Information an den Kunden weiterzugeben.“ Zu allen anderen Fragen will Karl aus verschiedensten Gründen (Geschäftsgeheimnis, Sicherheit, Diskretion) nichts Genaues sagen.

Auch aus der Agentur Pure Pepper kommt jemand die Treppe herunter: Deputy Head of Media Sandra Fischer, eine gut gelaunte Frau mit blonden Locken und Medienbrille. Sie erzählt ganz offenherzig, dass die Werbung für Goldmünzen sich vorwiegend an Männer über sechzig richte. Danach suche man die Zeitschriften aus, in denen die Briefe plaziert würden. „Immer mit der Nennung des Titels des jeweiligen Magazins, am besten mit Logo und allem Schnick und Schnack, und dann gleich mit Telefonnummer drauf, damit der Leser anrufen kann!“ Je öfter der Titel des Magazins im Werbebrief stehen dürfe, desto besser. Klar. Da habe der Verlag ein Mitspracherecht. Ach so?

„Alte Leute bitte nicht unterschätzen!“

Das Magazin der Senioren-Union erscheint im Weiss-Verlag. Der sitzt in Monschau und macht hauptsächlich Anzeigenblätter. Geschäftsführer ist Alexander Lenders, der zugleich auch Präsident des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter ist. Also Werbeprofi. Als er vor drei Jahren Präsident wurde, lobte ihn sein Vorgänger als „auf bundespolitischer Ebene bestens vernetzt“. Lenders ist CDU-Mann: Er sitzt dem CDU-Stadtverband in Monschau vor. Was die Werbebeilage der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft betrifft, ist Lenders zwiegespalten. Einerseits sagt er, er wolle die Beilage „gar nicht verteidigen“. Andererseits verteidigt er sie. „Eine Münzbeilage wie sehr viele“ sei sie und als Werbung klar erkennbar.

Man solle alte Leute bitte nicht unterschätzen! In Zukunft wolle der Verlag aber trotzdem vorsichtiger umgehen mit der Namensnennung der Senioren-Union in bezahlten Anzeigen. Statt „Mitglieder der Senioren-Union“ könnten dann „Leser des Magazins ,Souverän‘“ angesprochen werden.

Die Senioren-Union will von allem nichts gewusst haben. Zwar wirbt sie auf ihrer Internetseite damit, wie nützlich ihre Mitglieder den Werbekunden des „Souverän“, Auflage 70.000 Exemplare, sein könnten: „Über uns erreichen Sie die größte und weiter wachsende Wähler- und Konsumentengruppe des Landes: Senioren, die jährlich über 316 Mrd. Euro Kaufkraft verfügen.“ Nun aber betont der Vorsitzende Otto Wulff, von „Inhalt und beabsichtigter Verteilung“ des Goldmünzen-Briefes nichts gewusst zu haben. „Die Senioren-Union wird darauf achten, dass zukünftig derartige Werbebeilagen mit der Mitgliederzeitschrift nicht verteilt werden.“

In der ersten „Souverän“-Ausgabe 2015 ging es schon einmal groß um das Ende des Bargeldes, Überschrift: „Eine Horrorvision wird langsam Realität.“ Auch dieser Ausgabe lag ein Brief der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft bei.

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