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Senioren-Union : Es ist alles noch viel schlimmer

  • -Aktualisiert am

Was verkauft er denn eigentlich?

Ein Mann stellt sich als Herr Bergmann vor. Die Stimme klingt verbindlich und zugewandt: Man interessiere sich also für den Kauf von Goldmünzen? Fragen Sie alles, was Sie wissen wollen! Was Einfaches: Sind das wirklich Sie auf dem Foto von Ihrer Visitenkarte? Ja, das bin ich. Glatt gelogen. Der Mann auf dem Foto ist ein Model, seine Bilder finden sich im Internet bei einer Fotoagentur. Das Foto von der Visitenkarte gibt es da auch, es heißt: „Happy Businessman Standing In Front Of His Colleagues In Office“. Auf anderen Bildern ist der Mann als Gärtner kostümiert und als Arzt. Immer sieht er sehr happy aus und absolut schwiegersohnhaft. Wie jemand, dem man vertrauen kann.

So einer ist perfekt, um alten Menschen Goldmünzen zu verkaufen. Denn sie wollen gern vertrauen. Gold hat für Senioren eine Bedeutung, die man als jüngerer Mensch kaum begreifen kann. So viel aber schon: Es geht um Beständigkeit. Gold war immer wertvoll und wird es immer sein. Keine amerikanische Immobilienblase und keine Euro-Krise kann es kaputtmachen; und wenn im Magazin der Senioren-Union steht, dass Deutschland vor dem Kollaps steht und das Bargeld in Gefahr ist, glänzt das Gold noch goldener. Die Weltuntergangsprosa im „Souverän“ schürt die Angst, die Herrn Bergmann erst zum Rettenden macht. Und was verkauft er denn eigentlich?

Die Bismarck-Medaille hat etwas Schäbiges. Bismarck sieht exakt so aus wie auf dem ersten Foto, das kommt, wenn man „Otto von Bismarck“ googelt („Bismarck ca. 1875“ im Wikipedia-Eintrag „Kulturkampf“), nur die Augen sind misslungen, der große deutsche Staatsmann hat sie scheinbar ins Weiße verdreht. Es ist auch keine Münze, sondern eine Prägung, wie sie jedermann in Auftrag geben kann. Dem Brief liegt eine Bestellkarte bei. Wer sie unterschreibt, bestellt aber nicht nur Bismarck. Da steht schön klein gedruckt, dass der Besteller fortan einen „Reservierungsservice“ nutze. Das heißt, dass ihm immer neue Medaillen ins Haus geschickt werden. 14 Tage Rückgaberecht, danach sind sie gekauft.

Lang gewachsenes Vertrauen

Solche Werbung liegt vielen Magazinen bei. Aber der „Souverän“ ist kein normales Magazin. Er ist die Mitgliederzeitschrift der Senioren-Union der CDU. Leser sind ältere Parteimitglieder der CDU, aber auch Nichtmitglieder, die nur der Senioren-Union angehören. Sie alle glauben an die gemeinsame Sache. Und sie sind über sechzig. Ihr Vertrauen ist lange gewachsen, deswegen ist es besonders stark. Die Senioren-Union könnte das nutzen, um ihren Mitgliedern Mut zu machen, so, wie sie es verspricht. „Das Magazin für Mut zur Zukunft“, steht vorn auf dem Heft. Stattdessen bringt es sie in Panik und lässt sie dann in die Falle tappen.

Der angebliche Herr Bergmann hat von einer Festnetznummer in Offenburg angerufen. Da nimmt er auch ab, wenn man ihn später zurückruft. Seine Stimme meldet sich, verbindlich und zugewandt. Diesmal aber mit dem Namen Karl.

Herbert Karl ist der Geschäftsführer der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft. Am Telefon sagt er nichts auf die Frage, warum er eben Herrn Bergmann gespielt habe. Doch dieser existiere durchaus. Er, Karl, stelle gern die nötigen Beweise zusammen. Auch ein Treffen mit seinem Mitarbeiter sei möglich. Bitte eine E-Mail an die Adresse von Herrn Bergmann schicken, dann komme ein Termin. Doch dann kommt fünf Tage lang nichts.

Die Geschäftsadresse der Deutschen Goldmünzen-Gesellschaft steht auf deren Internetseite: Berlin, Unter den Linden. Tolle Lage. Aber dann liegt da gar nichts. Im fünften Stock findet sich eine Firma, die Büros an andere Unternehmen vermietet. Sie haben hier nichts einzuwenden gegen den Begriff Briefkastenfirmen. Die Deutsche Goldmünzen-Gesellschaft ist Mieter, aber am Empfang erinnert sich keiner, jemals einen Mitarbeiter persönlich getroffen zu haben. Dafür die Kunden. Es kämen immer wieder welche vorbei, die unverlangt Goldmünzen bekommen hätten und diese zurückgeben wollten. Man könne nichts machen, außer den Empfang zu quittieren und die Münzen gesammelt an Karl zu schicken. Und ja, die Kunden, die vorbeikämen, seien fast immer Senioren.

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