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Einwanderer im Staatsdienst : Weder Quotenfrau noch Quotentürkin – nur eine gute Polizistin

Weder Quotentürkin, noch Quotenfrau: Polizeioberkommissarin Deren Berk in Köln im Einsatz Bild: Finger, Stefan

Die Polizei wirbt um Deutsche „mit Migrationshintergrund“, aber es gibt nur wenige Einwanderer, die das wollen. So wird der Polizei „struktureller Rassismus“ vorgeworfen. Doch Quoten haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

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          Hotte weiß Bescheid. Dass das Handy noch asserviert werden muss, das die junge Frau gerade auf die Empfangstheke der Wache legt: Es sei das Handy von „der Mutter des Kindes meines Freundes“. Hotte kümmert sich darum. Also geht Polizeikommissar Horst-Christian Schleißing – Hotte, wie ihn die Kollegen von der Wache nennen, denn im Rheinland duldet man keine lieblosen Vornamen – wieder in den kleinen Raum gegenüber vom Eingang. Seit Stunden nimmt er dort Anzeige um Anzeige auf, viele der Menschen, die vor ihm sitzen, sind dreimal so alt wie er, dann wird seine Stimme lauter: „Sie dürfen keine großen Geldbeträge mit in den Supermarkt nehmen! Lassen Sie Ihre Handtasche nie im Einkaufswagen liegen!“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was aufgenommen werden muss, entscheidet an diesem wischmoppgrauen Freitag seine Wachdienstführerin: Polizeioberkommissarin Deren Berk, die zwischen ihrem Rechner und der Empfangstheke der Wache hin und her läuft, dass die Handfesseln an ihrem Gürtel nur so klacken. Sie beruhigt, informiert, berät, weist an und organisiert so die Dinge, die von der „Straße“ in die Wache drängen. Das Handy lässt sie asservieren, hört eine junge Frau an, die in ihrer Wohnung im Beisein der Mutter geschlagen wurde, überlegt, wie ein Auffahrunfall in einer Waschanlage verkehrsrechtlich zu bewerten ist, teilt zwei Kollegen für eine Gefährderansprache ein, verweist einen älteren Herrn mit Stock, der eine dubiose Zahlungsaufforderung im Briefkasten hatte, an ihren Kollegen zur Anzeigenerstattung.

          „Nicht die Quotentürkin sein“

          Fünf Minuten später sucht sie die Adresse des Parkplatzes, auf dem die Polizei am Tag zuvor das Auto eines Mannes abgestellt hat, dem der Führerschein abgenommen wurde. Der Mann in der grauen Trainingsjacke hängt nun über der Theke, dünstet Alkohol aus und nuschelt etwas von „Handschuhfach“ und „Fahrzeugschein“. „Ich schaue mal, wo das Auto sein könnte“, sagt Deren Berk und tippt den Namen in den Rechner. Während sie auf den Monitor schaut, fragen zwei Kollegen in schusssicheren Westen nach der Brechstange. Sie zeigt auf die Eisenstange, die in der Ecke neben dem weißen Regal lehnt, in dem auch der Karton mit der „Trauerbeflaggung“ steht. „Wiedersehen macht Freude“, sagt sie, und die beiden Polizisten ziehen samt Brecheisen ab.

          Der junge Mann mit dem gläsernen Blick und dem fehlenden Fahrzeugschein konnte inzwischen nicht mehr stehen und hängt nun auf einem Stuhl. Und Deren Berk scrollt weiter im Informationssystem ihres Rechners nach der Adresse des Parkplatzes. Hinter ihr leuchtet es aus dem geöffneten Aktenschrank in allen Farben des Regenbogens: Plastikdosen mit grünen, gelben und orangefarbenen Brausebonbons und Cola-Fläschchen stehen neben grünen Weingummifröschen, roten „sauren Zungen“ und Schokoriegeln. Daneben eine kleine Kasse mit ausgedruckter Preis- und Namensliste, Nachtschichten können lang und hungrig sein. Der kleine „Kiosk“ bietet den einzigen Farbtupfer in der Wache: Mit seiner hellgrauen Theke, dem hellgrauen Schreibtisch sowie dem weißen Regal ist der Empfangsraum so zweckmäßig möbliert, wie es sich für eine Polizeiwache gehört.

          Auf der Wache in Köln
          Auf der Wache in Köln : Bild: Finger, Stefan

          Doch wer auch immer die Wache aufsucht, Deren Berk bleibt zugewandt, blickt den Menschen direkt ins Gesicht und formuliert klar und schnörkellos: „Nein, das ist strafrechtlich keine Drohung“, antwortet sie der Frau, die sich darüber beschwert, von einer Bekannten auf „Whatsapp“ „geblockt“ zu werden. Dann klärt sie eine Achtjährige samt Vater darüber auf, dass die Polizei nicht aktiv werden kann, weil eine Mitschülerin dem Mädchen einen Zettel mit „blöde Kuh“ geschrieben hat. „Bitte besprich das mit deinen Klassenkameraden und frage auch deine Lehrer!“ Während sie spricht, klingelt ständig das Telefon: Das Jugendamt erbittet Amtshilfe, unbedingt noch in den nächsten Stunden muss ein Säugling aus einer Wohnung geholt werden. „Es kann heikel werden“, sagt Deren Berk zu einem Kollegen, „aus der Familie wurde schon ein Kind geholt.“ Also schaut sie, welche zwei Streifenpolizisten am besten zur Verstärkung eingesetzt werden können, und läuft in den Besprechungsraum, der hinter dem Empfang liegt.

          „Ich will nicht die Quotentürkin sein“, sagt Deren Berk. Und auch nicht die Quotenfrau. Es sei überhaupt nicht einzusehen, warum manche Leute manche Posten nur deshalb bekämen, weil sie vielleicht einen ausländischen „Hintergrund“ hätten, sagt sie. „Ich will aufgrund meiner Arbeit beurteilt werden.“ Die muss sie bislang gut gemacht haben, obwohl der Weg zu den zwei Sternen auf ihren Schulterklappen nicht gerade leicht war: Dass sie mit 35 Jahren als Wachdienstführerin in einer Millionenstadt einer Polizeiwache vorstehen wird, war nicht vorgezeichnet, als sie 1978 als jüngstes von sechs Mädchen in Köln-Dellbrück zur Welt kam.

          Einziger Sohn wurde vergöttert

          Einen jüngeren Bruder hat sie noch, ein älterer Bruder, den sie nie kennenlernte, kam im Alter von sechs Jahren auf dem Weg zur Schule bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Schon das erste Kind, ein Mädchen, das ihre Mutter mit sechzehn Jahren bekam, starb am plötzlichen Kindstod. Insgesamt neun Kinder hat ihre Mutter zur Welt gebracht, vier Kinder wurden noch in der Türkei, fünf in Deutschland geboren. „Meine Eltern kommen aus dem tiefsten Anatolien“, sagt sie. 1972 war ihr Vater nach Deutschland ausgewandert, in Neumünster fand er Arbeit in einer Stahlgießerei. Seine Frau folgte ihm ein Jahr später. Ihr Vater habe nur die Grundschule, ihre Mutter, die sich Lesen und Schreiben selbst beibrachte, überhaupt nie eine Schule besucht, sagt Deren Berk.

          Sich abzustrampeln gehörte in der neunköpfigen Familie zum Lebensprinzip. „Anders wäre es nicht gegangen.“ Schon untereinander mussten die Kinder sich beweisen, der Kampf um die kostbare Aufmerksamkeit der Eltern tobte jeden Tag. Für Deren Berk, lange das jüngste Kind, war es vor allem die Konkurrenz zum kleinen Bruder, dem Nesthäkchen, das auch noch der Stammhalter war. Der einzige Sohn wurde vergöttert, die Mädchen mussten kochen, spülen, abtrocknen, Zigaretten holen, Gäste bewirten, waschen, putzen, einkaufen, aufräumen, Windeln wechseln, Babyfläschchen zubereiten, die Kleinen zu Bett bringen, zur Bank oder zur Behörde gehen – oft schon im Grundschulalter. Die älteren leiteten die jüngeren an, straften und belohnten, mit wechselnden Bündnissen.

          Über die Arbeitskraft der Kinder im Haushalt verfügten die oft erschöpften und überforderten Eltern als die Kinder erwachsen wurden und auszogen, wie Deren Berk erzählt, wurde dann eine Spülmaschine angeschafft. „Reichlich spät.“ Die Schulbildung der Kinder sei jedoch ihren Eltern sehr wichtig gewesen, weil sie ihnen selbst verwehrt gewesen sei. „Natürlich wollten sie, dass wir heiraten, aber ebenso, dass wir die Schule gut machten und das Abitur schafften.“ Für die Kinder bedeutete die Schule der Weg in die Freiheit: keine gängelnden Geschwister, kein herumkommandierender Vater, kein Haushalt. Stattdessen: durch Bildung auf eigenen Füßen stehen. Besonders die Mutter, die in ihrem Leben von einem Abhängigkeitsverhältnis ins nächste kam, drängte ihre Töchter dazu, Geld zu verdienen.

          „So schnell wie möglich Geld verdienen“

          Das hat Deren Berk dazu bewogen, 1998, als sie Abitur machte, nicht zu studieren, wie zwei Schwestern von ihr. „Ich wollte zur Polizei, wollte auf gar keinen Fall einen Bürojob, sondern so schnell wie möglich Geld verdienen.“ Dass sie sich für den mittleren Dienst bewarb und eben nicht für den gehobenen Dienst, wie es ihre Jura studierende Schwester ihr riet, lag jedoch an ihrem Herzenswunsch: von zu Hause wegzukommen. Da wirkte die Aussicht, zweieinhalb Jahre im Polizeiausbildungsinstitut in Linnich einkaserniert zu werden, wie eine Verheißung. Die Ernüchterung kam danach mit dem ersten Einsatzort: Düsseldorf! Als einzige Kölnerin, als Einzige ihres Jahrgangs. 2002 meldete sie sich weg von der Wache, ging freiwillig zur Hundertschaft. Die Einsätze führten sie drei lange Jahre kreuz und quer durch Deutschland: Fußballspiele, Demonstrationen, Aufmärsche, dreimal Gorleben.

          2005 ging es endlich zurück nach Köln, eine Wache in Nippes. Nun war sie doch bereit für mehr, schaffte die Aufnahmeprüfung für die höhere Laufbahn an der Fachhochschule Köln. Als Diplom-Verwaltungswirtin ging es danach wieder auf die Wache, 2013 kam sie in das Führungskräfteprogramm der Schutzpolizei, das „Wachdienstführer-Verfahren“. Seit rund einem halben Jahr ist sie somit auf der Wache in Porz Stellvertreterin ihres Chefs, dem Dienstgruppenleiter. Hauptkommissar Stefan Busse schätzt an Deren Berk vor allem ihre Souveränität, mit der sie die persönlichen Belange des achtzehnköpfigen Teams mit den täglichen, unkalkulierbaren Anforderungen der Straße austariert.

          Als Wachdienstführerin übernimmt sie eine große Verantwortung, die sich nicht in der Aufsicht über den Maschinenpistolen-Schrank erschöpft. „Sie hat den Biss und den Humor, den man für den Job braucht“, sagt Busse. Dass Deren Berk dazu auch noch türkische Wurzeln hat, war für ihre Laufbahn zwar nicht relevant. Doch Polizisten mit „Migrationshintergrund“ sind bei der deutschen Polizei sehr erwünscht. Und zwar nicht erst, seitdem im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Bundestages zu den mutmaßlichen Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) gefordert wird, die Bemühungen zu intensivieren, „junge Menschen unterschiedlicher Herkunft für den Polizeiberuf zu gewinnen“.

          Ein Prozent mit ausländischen Wurzeln

          Seit mehr als zwanzig Jahren, sagt Andreas Majewski, versuchten die Polizeibehörden mit wechselndem Erfolg, Menschen mit ausländischen Wurzeln für die Polizei anzuwerben. Majewski ist seit 21 Jahren Kriminalbeamter in Berlin. Er hat seine Master-Arbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster über Bewerber mit Migrationshintergrund geschrieben und dabei die Situation türkischer Abiturienten in Berlin untersucht. Wie viele Polizisten mit Migrationshintergrund überhaupt bei der Polizei in Deutschland arbeiten, wird aus Gründen des Datenschutzes statistisch nicht erfasst. Nach Schätzungen haben gerade einmal ein Prozent der rund 244.000 Polizisten in Deutschland ausländische Wurzeln. Das spiegele nicht annähernd den Anteil dieser Bevölkerungsgruppen an den Einwohnerzahlen in Deutschland – etwa zwanzig Prozent – wider, sagt Majewski.

          Aus Sicht der Polizei, sagt Majewski, seien drei Gründe ausschlaggebend, Bewerber mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen: Polizisten, die sich in den Milieus auskennen, die nicht nur die Sprache sprechen, sondern auch die Lebensgewohnheiten anderer Kulturen kennen, bereichern die Arbeit der Schutz- und Kriminalpolizei. Das ermögliche auch den Zugang zu eher abgeschotteten Zirkeln. Zu dieser „funktionellen Begründung“ tritt eine pragmatische – ein genereller Nachwuchskräftemangel. „Wir brauchen gute Leute.“ Darüber hinaus jedoch solle die Polizei auch ein Spiegel der Gesellschaft sein, Minderheiten repräsentieren. Wer mehr Kollegen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund habe, sehe in der Regel auch Tatverdächtige mit Migrationshintergrund differenzierter. „Die Polizei wird widerstandsfähiger gegen falsche Menschenbilder.“

          So ist die Forderung des NSU-Ausschusses, mehr Polizisten mit Migrationshintergrund einzustellen, auch so zu lesen, dass diese Beamten eher mit der gebotenen Sensibilität im Familien- und Bekanntenkreis der Opfer ermittelt hätten. Diese notwendigen Ermittlungen verliefen für die Angehörigen zum Teil würdelos und mit bis heute andauernden Folgen. Immerhin wurden nach den fünf Morden in Nürnberg und München über eine polizeiinterne Abfrage in Bayern alle Polizisten mit türkischen Wurzeln in Erfahrung gebracht. Dutzende dieser Beamten suchten dann etwa 900 türkische Inhaber von Dönerbuden, Änderungsschneidereien oder Obst- und Gemüsehändler auf, um an weitere Hinweise zu gelangen. Und auch Polizisten aus der Türkei wurden hinzugezogen, um Hinterbliebene und Zeugen aus der Nachbarschaft zu befragen.

          „institutionellen Rassismus“

          Das Scheitern der Ermittlungen ist – aus heutiger Sicht – vor allem daran festzumachen, dass die Polizei daran festhielt, die Täter der „Ceska-Serie“ – benannt nach der Tatwaffe – in ausländischen Gruppierungen der organisierten Kriminalität zu suchen. Zwar wurde 2006 in der zweiten operativen Fallanalyse aus Bayern die Hypothese eines „Einzeltäters“ mit einem „Hass auf Türken“ aufgestellt. Doch diese Interpretation setzte sich, obwohl es einige Fürsprecher gab, nicht durch. Verfestigte Meinungen zu „Ausländerkriminalität“ versperrten oft den Blick auf andere Sichtweisen, mit der Folge, dass die Hinweise auf fremdenfeindliche Motive nicht ernst genug genommen und nicht überall weiterverfolgt wurden.

          Das Scheitern der Ermittlungen jedoch auf einen „institutionellen Rassismus“ zurückzuführen, wie es einige Nebenklägervertreter im NSU-Verfahren tun, das halten nicht nur die Ermittler für abwegig. „Es haben sicher zu oft Vorurteile eine Rolle gespielt, aber man kann nicht sagen, dass ein rassistisches System bei der Polizei daran schuld ist, dass die Täter nicht gefasst wurden“, sagt der Rechtsanwalt Ferhat Tikbas, der im NSU-Verfahren die Angehörigen des Mordopfers Abdurrahim Özüdogru vertritt. Wo genau, an welchen Punkten der jahrelangen Ermittlungen Rassismus zum Vorschein gekommen sein soll, in welchen Dienstanweisungen, internen Vermerken und Besprechungen, das können auch diejenigen bislang nicht zeigen, die das behaupten.

          Dass es aber, quer durch alle Chargen, auch Polizisten gibt, die einem „rassistischen“ Weltbild zugeneigt sind, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass in Baden-Württemberg Bereitschaftspolizisten Mitglieder im „Ku-Klux-Clan“ waren. „Man hat auch schon Führungsleute der Republikaner und Mitglieder der NPD in den Reihen der Polizei gesehen“, sagt Wolfgang Schulte, Dozent an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Das seien jedoch Einzelerscheinungen. Der Sozialwissenschaftler, der unter anderem über die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus forscht, sieht zwar, dass es immer wieder Polizisten mit „erfahrungsgesättigten Vorurteilen“ gebe.

          Ein Generationenthema

          Beamte, die seit Jahren zum Beispiel im Drogenhandel ermittelten, hätten es mitunter mit zahlreichen Tatverdächtigen mit ausländischen Wurzeln zu tun. Diese Polizisten beurteilten manche ausländischen Mitbürger durch eine ganz „bestimmte Brille“, was zu Fehleinschätzungen und Diskriminierungen führen könne. „Aber daraus kann man mit Sicherheit keinen systematischen Rassismus innerhalb der Institution Polizei ableiten.“ Weder gebe es „rechte Betriebszellen“ bei der Polizei, noch sei die Mehrheit der Beamten anfällig für rechtes Gedankengut. Stark vereinfachend könne man sagen: „Der Durchschnittspolizist ist konservativer SPD-Wähler.“Auch Deren Berk hat, als Berufsanfängerin, schlechte Erfahrungen mit einem älteren Vorgesetzten gemacht. „Ayşe“ oder „Muck“ habe er sie immer genannt, wenn er etwas von ihr wollte. Man merkt es ihr an, dass es bis heute nachwirkt.

          „Aber das war auch das einzige Mal.“ Und wahrscheinlich auch ein Generationenthema. Serkan Salman, Ansprechpartner für „interkulturelle Aufgaben“ in der Zentralstelle für Prävention im Berliner Landeskriminalamt, erinnert sich, als er 1997 als einer von zwei Polizeianwärtern mit Migrationshintergrund von insgesamt 199 Anwärtern in der Berliner Polizei anfing: „Da waren wir noch Exoten.“ Sprüche wie „Warum schlagen Migranten ihre Frauen?“ oder „Warum gehst du nicht mal ein Bier trinken?“ habe es damals häufiger gegeben. Inzwischen geht die Berliner Polizei mit einem ausgeklügelten System zum Konfliktmanagement bei Diskriminierungen dagegen vor: Die Ansprechpartner beraten Bürger wie Polizisten mit und ohne Migrationshintergrund, die sich diskriminiert fühlen oder Fragen zu „interkulturellen“ Themen haben – bezogen auf die Polizeiarbeit.

          Die jüngeren Kollegen von Deren Berk interessiert die Tatsache, dass ihre Eltern aus der Türkei kommen, herzlich wenig. In der Arbeit der Polizistin kann es manchmal relevant werden, wenn bei Einsätzen Landsleute betroffen sind, doch auch dann spricht sie solange es geht Deutsch. Nur wenn die Situation zu eskalieren droht, so wie einmal auf der Straße, als eine Frau bedroht wurde, kommt ihre Ansprache unmissverständlich auf Türkisch. Deren Berk kennt die Mentalitäten türkischer Männer, sie weiß, welche Gepflogenheiten es bei türkischen Familien zu beachten gilt. Sie hat deshalb schon als Referentin an der Fachhochschule in Münster das Wichtigste zum „Grundwissen Islam“ vermittelt. Damit das alle Kollegen lernen, hat das Thema „interkulturelle Kompetenz“ in den vergangenen Jahren auch in der Polizeiausbildung in allen Bundesländern an Bedeutung zugenommen – auch hier empfiehlt der NSU-Untersuchungsausschuss noch größeres Engagement und rennt damit offene Türen ein.

          Händeringend wirbt die Polizei um Bewerber mit ausländischen Wurzeln. „Wir sind Hamburg! Bist du dabei?“ heißt es im Werbevideo der Hamburger Polizei. Darin sieht man eine hübsche farbige Polizistin, die auch als amerikanischer Popstar durchgehen könnte, im Streifenwagen, am Computer, beim Gespräch auf der Straße mit anderen farbigen Bürgern. In vielen Bundesländern gibt es vorsichtigen Optimismus. In Nordrhein-Westfalen hatten 2012 rund zehn Prozent der Kommissaranwärter eine „Zuwanderungsgeschichte“. In Berlin liegen die Bewerberzahlen seit 2006 im Durchschnitt bei immerhin 19 Prozent, der Anteil der tatsächlich eingestellten Berufsanfänger mit Migrationshintergrund liegt bei rund dreizehn Prozent. Einen positiven Trend sieht auch das Bundeskriminalamt: Im Studiengang „Kriminalvollzugsdienst im Bundeskriminalamt“ an der Fachhochschule des Bundes in Wiesbaden kamen 2014 fünfzehn Prozent der Studenten aus anderen Kulturen.

          Doch warum gibt es nicht mehr Bewerber? Vor allem die Nachteile, die Migranten im Bildungssystem hätten, stünden einer Zunahme von qualifizierten Bewerbern im Wege, sagt Majewski. „Diese Nachteile machen sich bei der Bestenauslese im Auswahlverfahren bemerkbar.“ Doch selbst bei Qualifizierten ist der Anteil, der sich für die Polizei entscheidet, gering. „Die Abiturienten entscheiden sich eher für das Studium als für die Polizei.“ Den meisten sei gar nicht bekannt, dass zum gehobenen Dienst auch ein – bezahltes – Studium gehöre. „Und die wenigsten wissen, trotz CSI Miami, wie abwechslungsreich die Polizeiarbeit ist.“ Positiv sehen hingegen die Jugendlichen die deutsche Polizei im Vergleich zur Polizei in der Türkei. Auch Angst vor Rassismus spiele bei der Ablehnung des Berufes kaum eine Rolle. „Man hört eher, dass sie den Beruf als zu gefährlich, zu wenig vereinbar mit einem Familienleben einschätzen.“

          Unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund sei die Vorstellung außerdem verbreitet, dass der Polizeiberuf „nichts für Frauen“ sei. Man müsse noch stärker nach außen hin signalisieren, dass es eben nicht nur „funktionale Gründe“ wie Sprachkenntnisse seien, warum die Polizei auf Mitarbeiter mit „Zuwanderungsgeschichte“ setze: „Wir wollen die Vielfalt, weil genau so die Wirklichkeit ist“, sagt Majewski. Denn auch die Polizisten mit Migrationshintergrund wollten nicht nur als Dolmetscher wahrgenommen werden. „Sie wollen einfach ganz normale Polizeiarbeit machen.“ Und das in allen Karrierestufen. So sieht es auch Deren Berk. Es sei damals so gewesen, als sie 1998 anfing, und es sei auch heute noch so: „Ich will die Uniform anziehen und auf der Straße arbeiten.“

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