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Seehofer zum 70. : Ein Unterhaltungs- und Überlebenskünstler

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1980 kam er das erste Mal in den Bundestag: Seehofer Bild: dpa

Horst Seehofer kommt aus kleinen Verhältnissen, das hat seine politische Karriere geprägt. Er kann geschickt taktieren – hat aber auch Fehler gemacht. Heute hat er Geburtstag.

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          Seine Herkunft hat Horst Seehofer nicht vergessen. Sein Vater war Lastwagenfahrer und Bauarbeiter, die sechsköpfige Familie wuchs in Ingolstadt südlich der Donau auf – nicht die bevorzugte Wohnlage in der oberbayerischen Stadt. Aus dieser Zeit stammt Seehofers Aufmerksamkeit für die Sorgen der sogenannten kleinen Leute. Die waren bei allen Haken, die er in seinem politischen Leben geschlagen hat, doch immer Richtschnur seines Handelns. Musste ihn das unbedingt in die CSU führen? In einem Weinkeller, in dem er sich mit zwei CSU-Freunden regelmäßig traf, entstand einst die Idee, gemeinsam die Heimatstadt zu erobern. „Einer von denen hat mir dann einen Bierdeckel hingelegt und gesagt: Du trittst jetzt ein bei uns“, sagte Seehofer im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Nachdem der frühere Handballspieler zunächst eine Verwaltungslaufbahn eingeschlagen hatte, wurde er 1980 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Alsbald entwickelte sich der redebegabte und unkonventionelle Sozialpolitiker zum Shootingstar. Zunächst war er Gesundheitsstaatssekretär unter Norbert Blüm. Er sollte die Neugründung von Betriebskrankenkassen verhindern – eine heikle Sache, weil Audi, größter Arbeitgeber in Ingolstadt, exakt so eine plante. Seehofer kam vernünftig aus der Sache heraus. Anfang der neunziger Jahre folgte das Gesundheitsstrukturgesetz. Seehofer, nun Gesundheitsminister, hatte sich mit der Ärztelobby angelegt und mit der SPD geeinigt. Die Auseinandersetzung wirkte nach bis 2004. Damals wandte sich Seehofer im Streit mit der Merkel-CDU gegen die Kopfpauschale, zog sich aus der Fraktionsführung zurück. Dieser Schritt galt ihm bis zuletzt als Beleg, dass er nicht an Ämtern klebe. Dass Politik nicht alles ist, hatte er schon zwei Jahre vorher erfahren, als ihn eine Herzmuskelentzündung fast das Leben kostete.

          Seehofers Einfluss gründete nie auf Seilschaften in der Partei, sondern auf seiner Beliebtheit an der Basis. Die war auch der Grund, warum er nach einem kurzen Ausflug zum Sozialverband VdK wieder zurück in die Bundespolitik kam, als Landwirtschaftsminister. Edmund Stoiber erblickte in ihm schon damals den geeigneten Kandidaten für seine Nachfolge im Parteivorsitz – ein Amt, das Seehofer im Unterschied zur Staatskanzlei tatsächlich angestrebt hat.

          Seehofer setzte auf Strukturmaßnahmen fernab von München

          Nachdem er 2007 noch Erwin Huber unterlegen war, brachte es der Misserfolg der CSU in der Landtagswahl 2008 mit sich, dass Seehofer doch beide Ämter zufielen. Die Jahre bis 2018, in denen er weitgehend unangefochten an der Spitze Bayerns und der CSU stand, waren keine schlechten Jahre für die Partei: Seehofer holte 2013 die absolute Mehrheit zurück und hielt die CSU bundespolitisch stets im Spiel. Für Bayern waren es gute Jahre. Wirtschaftlich prosperierte der Freistaat, und zwar auch fern von München, was Seehofer durch Strukturmaßnahmen in der Provinz sowie Leuchtturmprojekte wie das Uniklinikum Augsburg förderte.

          Er machte allerdings auch Fehler. Dazu gehört seine frühzeitige Ankündigung, 2018 nicht mehr anzutreten; sie führte zu einer schleichenden Erosion seiner Macht. In der Flüchtlingskrise hielt er auch dann noch an seiner in Teilen durchaus berechtigten Kritik an Kanzlerin Angela Merkel fest, als er merken musste, dass er dadurch mehr kaputt machte als besser. Im Machtkampf mit Markus Söder rächte sich, dass Seehofer anderen gern zu verstehen gibt, dass er in anderen Sphären schwebt.

          Dass er trotzdem immer noch da ist und den politischen Betrieb auf Trab hält, zeigt, dass er nicht nur ein großer Unterhaltungs-, sondern auch ein Überlebenskünstler ist. Seehofer hat den Ehrgeiz, viele der Fragen, die durch die Migration aufgeworfen wurden, anzugehen statt unter den Teppich zu kehren. Innenminister wollte er nicht werden. Durch unglückliche Äußerungen hat er sich unnötig in die Defensive gebracht, jedoch wird die oft unmäßige Kritik daran seinem Lebenswerk nicht gerecht. An diesem Donnerstag feiert Horst Seehofer seinen 70. Geburtstag.

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