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Seehofer gibt CSU-Vorsitz ab : „Mein Werk ist getan“

Eine Verneigung zum Schluss: Horst Seehofer am Samstag in München Bild: Reuters

Mit einer emotionalen Rede nimmt Horst Seehofer in München Abschied von seinem Amt als CSU-Vorsitzender. Markus Söder schlägt ihn als Ehrenvorsitzenden der Partei vor.

          „Mein Werk ist getan, Markus Söder habe ich als Nachfolger vorgeschlagen.“ Mit einer emotionalen, aber auch humorvollen Rede verabschiedet sich Horst Seehofer nach zehn Jahren als Vorsitzender von der CSU. Aber in seinen letzten Sätzen liegt Gewicht, die Formulierung mutet fast schon biblisch an. Er, der viele Jahre lang mit allen Mitteln versucht hat, den ehrgeizigen Franken in der Staatskanzlei und als Parteivorsitzenden zu verhindern, muss jetzt hinnehmen, dass ihm ebendieser im zweiten Amt nachfolgt. Das politische Schicksal hat zugeschlagen.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Seehofer hat diesen Twist – an dem viele in seiner Partei aktiv mitgearbeitet haben –, so scheint es am Samstag, wenn vielleicht nicht verarbeitet, so doch zumindest so weit akzeptiert, dass er öffentlich darüber scherzen kann. „Am schwierigsten dürfte es sein, Markus, dass du dich jetzt nur noch mit dir selbst koordinieren musst“, sagt Seehofer, sicher auch mit Blick auf die konfliktträchtige Zusammenarbeit mit seinem Lieblingsrivalen in den vergangenen Jahren. Selbstgespräche seien nicht immer ganz einfach, fügt er hinzu und schmunzelt. Die Delegierten lachen – und zum ersten Mal wendet sich der Saal mit wohlwollend und nicht nur höflich dem scheidenden Parteivorsitzenden zu.

          Der setzt noch eins drauf und zitiert aus seinem Horoskop – er ist Krebs –, das er am Morgen in seine Heimatzeitung „Donaukurier“ gelesen habe: „Sie verlieren keinesfalls Ihr Gesicht, wenn Sie eine bereits getroffene Entscheidung revidieren.“ Vor einigen Jahren hätte er das noch als Auftrag interpretiert, sagt Seehofer unter Gelächter. „Heute fehlt mir dazu die Risikobereitschaft.“

          Das nimmt man ihm nicht ganz ab. Aber Seehofer spürt wohl auch an diesem besonderen Tag mehr als deutlich, dass sich seine Partei innerlich schon von ihm als Parteichef verabschiedet hat. „Macht’s es gut“, sagt er noch, bevor er Platz macht auf der Bühne, für die die nach ihm kommen.

          Einer der ersten ist Markus Söder, sein designierter Nachfolger. Er, der letztlich „Unverhinderbare“, soll am Samstag das Amt des Parteivorsitzenden übernehmen und die personelle Erneuerung an der CSU-Spitze zelebrieren. Die Frage ist nur noch, wie viele der mehr als 900 Delegierten für ihn stimmen werden – 85 oder 90 Prozent? Oder doch weniger? Schließlich hat die CSU mit ihm im Oktober bei der Landtagswahl ein katastrophales Ergebnis von nur rund 37 Prozent eingefahren.

          In seiner Rede ruft Söder zu einer neuen Einigkeit der Schwesterparteien CDU und CSU auf und will ein „neues Kapitel der Zusammenarbeit aufschlagen“. Seine eigene Partei ruft er dazu auf, sich in verunsichernden Zeiten der Globalisierung als „Schutzmacht der Bürger“ aufzustellen. „Wir sind Modernisierer und Bewahrer zugleich“, ruft Söder den Delegierten zu. Die Welt werde mit der Globalisierung immer kleiner, „aber die Sorgen kommen näher“. Die CSU sei zwar offen für Neues, wolle aber, dass bayerischer Charakter und Lebensweise erhalten blieben. Angesichts spalterischer Tendenzen in Europa und AfD-Forderungen nach einem Austritt Deutschlands aus der EU kündigt Söder dann den vollen Einsatz seiner Partei für die europäische Idee und warnt vor einem „Rückfall in urnationalistische Zeiten“. Nationalisten und Populisten wollten das einige Europa spalten. Die CSU werde sich mit aller Kraft gegen solche Entwicklungen stemmen. „Wir sind eine ureuropäische Partei.“

          Söder lobt Seehofers „große Lebensleistung“

          Für Horst Seehofer, seinen langjährigen erbitterten Rivalen, findet Söder an diesem Samstag nur lobende Worte. „Horst Seehofer hat sich in der Geschichte der CSU um diese Partei verdient gemacht“, sagt der bayerische Ministerpräsident, und: Was nach diesen Jahren bleibe, sei „eine große Lebensleistung“. Dann schlägt er Horst Seehofer als künftigen Ehrenvorsitzenden der Partei vor. Seehofer solle dieses Ehrenamt neben den früheren Parteichefs Theo Waigel und Edmund Stoiber bekleiden, so Söder.

          So erbittert der Kampf der beiden Rivalen über Jahre hinweg war: An diesem Samstag badet die CSU gleichsam in Harmonie.

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