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SED-Vergangenheit : Die Partei, die Partei, die hat niemals Schuld

Modrow mit Bisky und Lafontaine Bild: AP

Der Buhmann ist die Stasi, lautete im Wendeherbst 1989 angeblich die Parole der SED-Führung. Erfinder dieses Mottos soll Hans Modrow sein. Doch der Noch-Ehrenvorsitzende der Linkspartei weist jede Schuld von sich.

          Im Sommer wird Hans Modrow ein Amt verlieren, wieder einmal. Dann wird die Linkspartei, zuvor PDS und davor SED, in einer gesamtdeutschen neuen Partei aufgehen. Die soll „Die Linke“ heißen. Sie soll keinen Ehrenvorsitzenden mehr haben. Modrow bekleidet dieses Amt bislang in der Linkspartei/PDS, eröffnet etwa Parteitage. Nun fühlt er sich abgewickelt. Dabei hat er, wie neue Veröffentlichungen nahelegen, Entscheidendes dafür getan, dass die SED und damit die PDS während der Revolution in der DDR 1989 gerettet wurden.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          In der Spätphase des ostdeutschen Staates galt der heute 79 Jahre alte gelernte Schlosser und studierte Ökonom als sogenannter Hoffnungsträger, als Reformer in der SED. Der „gute Mensch“ aus Dresden war damals Bezirksparteichef. Vielen galt er als Gegenspieler der greisen Betonköpfe im Politbüro, als das deutsche Pendant zu Michail Gorbatschow. Nur vier Monate, vom November 1989 bis zum März 1990, stand Modrow als Regierungschef an der Spitze der DDR - dann überrollte ihn der unterschätzte Vereinigungswille der Ostdeutschen. In jüngster Zeit hat „der liebe Hans“ (Fraktionschef Oskar Lafontaine) vor allem als Bannerträger der Altkommunisten in der PDS von sich reden gemacht.

          Keine Verantwortung für die Wahlfälschungen?

          So gab er in einem Interview der Bundesrepublik „eine Mitschuld an der innerdeutschen Grenze“. Die DDR bezeichnete er als „Versuch einer sozialistischen Entwicklung, in der auch Demokratie mit Einschränkungen wirksam war“.

          Erhebt schwere Vorwürfe: Wolfgang Berghofer

          Das Bild vom milden Wende-Reformer Modrow ist schon lange umstritten. Dass er mit dem brutalen Vorgehen der Polizei am Dresdner Hauptbahnhof am 4. Oktober 1989 nichts zu tun hatte, als Bürger versuchten, auf die Züge aus Prag mit DDR-Flüchtlingen aufzuspringen, haben viele bezweifelt. Auch Modrows Versuch, sich der Verantwortung für die Wahlfälschungen in der DDR zu entledigen, ist auf Widerspruch gestoßen.

          Berghofer hielt PDS nicht für reformfähig

          „Charakterlosigkeit und Feigheit“ hat ihm deshalb ein anderer Wahlfälscher aus der DDR schon vor Jahren vorgeworfen: Wolfgang Berghofer, ehemaliger Oberbürgermeister in Dresden. In der Revolution des Jahres 1989 suchte Berghofer als Erster und weitgehend auf eigenes Risiko das Gespräch mit einer Abordnung der Demonstranten in Dresden und verhinderte so am 8. Oktober möglicherweise ein Blutvergießen. Ähnlich wie Modrow war auch Berghofer damals hochgejubelt worden zum Kennedy von Dresden, zum „Bergatschow“ der DDR, schließlich schien er weniger verbohrt zu sein als die meisten SED-Genossen.

          Modrow und er waren ein sich scheinbar hervorragend ergänzendes Reformer-Duo - das zerbrach, als Modrow die Verantwortung für die Wahlfälschungen allein Berghofer zuschustern wollte, der dafür 1993 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Der heute 64 Jahre alte Berghofer, der wie Modrow Stellvertreter des neuen Parteichefs Gregor Gysi geworden war, verließ schon im Januar 1990 die SED/PDS, weil er sie nicht für reformfähig hielt. Seitdem ist er als Berater für kommunale Unternehmen tätig gewesen.

          „Die Schuldigen sind wir“

          Nun hat der eine „deutsche Gorbatschow“ den anderen noch einmal heftig angegriffen. Modrow, der nach außen den Reformer gab, habe immer ein „Doppelspiel“ getrieben und insgeheim alles dafür getan, dass die SED sich aus der Verantwortung stehlen konnte. Entscheidend dafür, so berichtet Berghofer dem DDR-Forscher Manfred Wilke in einem ausführlichen Interview im gerade erschienenen „Jahrbuch für Kommunismusforschung“ (Aufbau-Verlag Berlin), sei die Marschrichtung gewesen, die Modrow am Morgen des 3. Dezember 1989 bei einem Treffen mit Berghofer, Gysi, dem Chef der DDR-Aufklärung, Markus Wolf, und dem SED-Funktionär Wolfgang Pohl ausgegeben habe.

          „Genossen, wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige“, hat Modrow danach gesagt. Auf Berghofers Replik: „Die Schuldigen sind wir“ habe Modrow geantwortet, das könne man so nicht sehen. Die Massen müssten schnell einen Verantwortlichen präsentiert bekommen. „Das kann nicht die SED sein.“ Der Schuldige solle das Ministerium für Staatssicherheit sein. Markus Wolf sei daraufhin aufgesprungen und habe protestiert: „Hans, wir - Schild und Schwert der Partei - haben doch nie etwas ohne Befehle von euch gemacht.“ Wolf habe sich aber beruhigt, nachdem Modrow ihm versichert habe, dass man die Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit „selbstverständlich aus dieser Einschätzung“ heraushalten werde.

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