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Sebastian Edathy : Vor allem selbstgerecht

Sebastian Edathy am Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin Bild: dpa

Das Wort Reue kommt ihm nicht über die Lippen - und wenn die Fragen zu den Anschuldigungen konkret werden, wird er mitunter ungehalten: Sebastian Edathy hinterlässt bei seinem Auftritt in Berlin einen selbstgerechten Eindruck.

          Sebastian Edathy kommt wie ein Star. Dreißig Fotografen und Kameraleute reißen sich um ihn, als der ehemalige Bundestagsabgeordnete das Haus der Bundespressekonferenz um zwanzig nach zehn betritt. Mehrere Personenschützer des Landeskriminalamts Berlin begleiten den ehemaligen Bundestagsabgeordneten, vor dem Gebäude stehen zwanzig uniformierte Beamte der Bundespolizei. Edathy wirkt konzentriert,  er scheint zu wissen, worauf er sich eingelassen hat. Gleich zu Anfang sagt er ein paar Worte, die die Zuhörer für ihn gewinnen sollen. „Ich weiß, ich habe viele Menschen enttäuscht, nicht nur in meinem Wahlkreis, sondern auch in vielen Teilen Deutschlands. Das tut mir aufrichtig leid.“

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Doch den Eindruck eines reuigen Sünders will Edathy nicht abgeben, es würde ihm auch kaum gelingen. Er spricht vor allem davon, wie groß die psychischen Belastungen im vergangenen Jahr für ihn gewesen ist, und wie unangemessen die Berichterstattung über seinen Fall gewesen sei. Ein Politiker dürfe nicht besser, aber auch nicht schlechter behandelt werden, als andere Bürger. Zwar sei Sensibilität beim Thema Kinderpornographie richtig, aber es gebe einen Unterschied zwischen Sensibilität und Hysterie.

          Bei konkreten Fragen reagiert er ungehalten

          Wenn er konkret danach gefragt wird, welche Filme er bestellt hat und was das für die betroffenen Kinder bedeutet, dann blockt Edathy ab oder reagiert ungehalten. „Kennen Sie die Filme? Wissen Sie, worüber Sie reden?“, fährt er einen Journalisten an. Es sei „moralisch nicht in Ordnung“ gewesen, dass er bei dem kanadischen Filmverleih Material bestellt habe. Aber es sei eben legal gewesen. Das Wort Reue kommt ihm nicht über die Lippen.

          Im Umgang mit den Journalisten ist Edathy selbstbewusst, er macht auch einige Punkte. Als ihn ein Journalist als „Jurist“ bezeichnet, sagt er sofort, dass er Soziologe ist. „Dass ich nicht Jurist bin, bedarf keiner großen Recherche, dass darf man auch vom Vertreter einer großen Zeitung erwarten“, fügt er hinzu.

          Als er nach seinem Aufenthaltsort in den vergangenen Monaten gefragt wird, entgegnet er, „das geht sie, sorry, einen feuchten Kehricht an“. So war Edathy schon immer, scharfsinnig und redegewandt, aber eben auch undiplomatisch und brüskierend. Freunde, so sagt er, habe er im politischen Geschäft nicht gehabt. Leute zu beeindrucken durch sein Engagement und seine Intelligenz hat er als Politiker geschafft. Sie für sich menschlich zu gewinnen, ist ihm immer schwer gefallen.

          Scharfe Angriffe auf Hartmann

          Nach zwei Stunden, die Edathy vor der Bundespressekonferenz Rede und Antwort steht, bliebt eine politische Geschichte, die im Kern glaubwürdig erscheint. Was verblüfft ist, wie stark Edathy seinen Fraktionskollegen Michael Hartmann angreift, der ihn ja nach Edathys Version über die Ermittlungen informierte. Edathy belastet damit auch die SPD-Spitze, vor allem Fraktionschef Thomas Oppermann. Er sagt, er tue das, weil er nun reinen Tisch machen müsse. Es bleibt der Eindruck, dass doch noch andere Motive eine Rolle spielen, die im persönlichen Verhältnis von Edathy und Hartmann zu suchen sind.

          Vor allem hinterlässt Edathy den Eindruck der Selbstgerechtigkeit. Er habe einen hohen Preis bezahlt, sagt er über sich selbst. Heute sei sein letzter großer Auftritt in Berlin. Als Politiker sei er verbrannt, er könne nicht auf die Straße gehen, ohne dass er befürchten müsse, dass er angepöbelt wird. Er werde versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen, er hoffe, irgendwann auch wieder in Deutschland „ohne Angst leben zu können“. Von Selbstmitleid, so versichert Edathy, sei er weit entfernt.

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