https://www.faz.net/-gpf-138ac

Schweinegrippe : Diesmal gibt es keinen Zucker

  • -Aktualisiert am

Frühestens Ende September sind die ersten Chargen des Impfstoffes verfügbar Bild: AP

Die Schweinegrippe kommt nicht überraschend. Bund und Länder haben sich seit Jahren vorbereitet. Sind sie dem Ernstfall gewachsen? Zunächst einmal haben sie 50 Millionen Impfdosen geordert. Das reicht für 22,5 Millionen Menschen. Doch niemand weiß, wie die Pandemie verlaufen wird.

          Falk Oesterheld weiß noch, wie das war, damals, im Jahr 1962, als in wenigen Wochen mehr als zweiundzwanzig Millionen Deutsche gegen Kinderlähmung geimpft wurden: „Mit riesigen Kisten voller Zucker kamen sie zu uns in die Schule.“ Und tränkten jedes Zuckerstückchen mit einem Tropfen Impfserum. „Ich habe das gerne geschluckt, es war ja süß“, erinnert sich Oesterheld (CDU), der damals auf ein Gymnasium in Bad Hersfeld ging. Heute ist er Staatssekretär im thüringischen Gesundheitsministerium - und kämpft gegen die Schweinegrippe.

          Man muss lange zurückblicken, um eine Ahnung davon zu bekommen, was Deutschland in den nächsten Wochen bevorsteht. Immer mehr Menschen erkranken an der „neuen Grippe“, wie die Wissenschaftler gerne neutral sagen. Die Zahlen steigen auch hierzulande rasch: Waren am Montag erst 1469 Fälle bestätigt, gab es zum Wochenende schon fast doppelt so viele Kranke. Oesterheld will nichts versäumen: Er sitzt der Runde der sechzehn Länderminister vor, die am Freitagvormittag nach einer Telefonschaltkonferenz 50 Millionen Impfdosen orderte. Das reicht für 22,5 Millionen Menschen. „Es war uns wichtig, noch am Freitag zu bestellen. Denn von den Produzenten haben wir die Zusage, dass sie acht bis zehn Wochen nach der Bestellung den Impfstoff ausliefern. So zählt diese Woche noch mit“, sagt Oesterheld.

          Nirgendwo auf der Welt wird es den Impfstoff vor September geben. Auch in Deutschland sind die ersten Chargen frühestens Ende September verfügbar. So lange muss man sich behelfen - mit Vorsichtsmaßnahmen und mit Medikamenten. Dabei haben die Deutschen bisher Glück: Zwei Drittel der Neuerkrankten sind sogenannte importierte Fälle, entstanden durch Mallorca-Urlauber, die - flapsig formuliert - mit dem gleichen Strohhalm Sangria aus einem Eimer getrunken haben.

          Im Berliner Robert-Koch-Institut: Zellkulturen für Impfstoffe

          „Auch in Deutschland kommt es bald zu Todesfällen“

          Das muss nicht so bleiben, bald könnte auch die Zahl jener Erkrankten steigen, die sich in Deutschland angesteckt haben. „Wir sollten uns nichts vormachen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir auch in Deutschland Verhältnisse haben wie in Großbritannien“, sagt Gérard Krause, der die Abteilung für Infektionsepidemiologie am Robert-Koch-Institut leitet. In England sind Zehntausende erkrankt - von denen die meisten allerdings nach einigen Tagen wieder fit sind. „Aber auch wenn der Anteil der schweren Verläufe insgesamt gering bleiben sollte, so müssen wir damit rechnen, dass es auch in Deutschland bald zu Todesfällen kommt, allein weil die Zahl der Erkrankten so hoch ist“, sagt Krause. Und stellt fest: An der „normalen“, saisonalen Grippe sterben jedes Jahr mehrere tausend Menschen.

          Niemand weiß, wie die Pandemie verlaufen wird. Aber bekanntlich ist das Glück mit dem Tüchtigen. Das hat nichts mit Gesundbeten zu tun. Fachleute wie Krause haben Schlimmeres erwartet. „Dass die Dynamik sich langsamer als in anderen europäischen Ländern entwickelt, hat sicher auch damit zu tun, dass die konsequenten Maßnahmen der Ärzteschaft und der Gesundheitsämter sehr effektiv waren.“ Es war also nicht umsonst: manche Schule und manchen Kindergarten zu schließen, in den Flugzeugen Reiserückkehrer Fragebögen ausfüllen zu lassen, Kranke und ihre Kontaktpersonen zu registrieren und zu isolieren, Hotlines einzurichten, ja sogar ein Fußballspiel abzusagen: Die thüringische Kreisklassenpartie zwischen Wipfra II und Gräfenroda II musste ausfallen, weil einige Spieler Kontakt zu einem Kranken gehabt hatten.

          „Gut vorbereitet“

          „Noch nie zuvor waren wir in Deutschland auf eine Pandemie so gut vorbereitet wie jetzt“, sagt Krause. Und nennt als Erstes den Impfstoff - von dem die Leute 1918, als die „Spanische Grippe“ ausbrach, nur träumen konnten. Der Ausbruch von Sars 2003 und der Vogelgrippe 2005 war Bund und Ländern eine Lehre. Klaus Theo Schröder (SPD), Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, berichtet, er und seine Kollegen seien belächelt worden, als sie vor vier Jahren anfingen, ausführliche Pläne für den Ernstfall zu machen.

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Norwegen macht die Fjorde langsam dicht

          Umstrittene Kreuzfahrtschiffe : Norwegen macht die Fjorde langsam dicht

          Es ist ein Geldsegen und ein Öko-Fluch: Seit kurzem gelten in fünf norwegischen Fjorden für Kreuzfahrtschiffe strenge Umweltauflagen, die die Luftverschmutzung begrenzen sollen. Glücklich sind die Menschen in der Urlauberhochburg Geiranger damit nicht.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.