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Schwarz-Grün in Hessen : Zwei Jungs aus dem Hüttendorf

Auch eine Art der Sondierung: Zusammenstöße von Flughafengegnern und Polizisten im Jahr 1981 Bild: Barbara Klemm

Für die Grünen gehört der Kampf gegen die Startbahn West zum Gründungsmythos ihrer Partei. Eine Koalition mit der CDU galt schon wegen des Flughafenausbaus als undenkbar. Unter der Einigung leidet nun vor allem die SPD.

          6 Min.

          Es ist der 14. November 1980, ein kalter Tag, der Himmel über Frankfurt ist bewölkt. Volker Bouffier besucht das Hüttendorf im Flörsheimer Wald. Der Vorsitzende der Jungen Union in Hessen trifft sich mit Vertretern der Bürgerinitiativen, die sich gegen den Bau der Startbahn West wenden und in selbstgebauten Holzverschlägen wohnen. Nicht ausgeschlossen, dass an diesem Tag auch ein neun Jahre alter Junge namens Tarek durch das Hüttendorf läuft. Seine Mutter, die Offenbacher Lehrerin Gerhild Knirsch, ist in der Szene engagiert und nimmt ihren Sohn oft mit ins Hüttendorf.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Tarek heißt wie sein Vater mit Nachnamen Al-Wazir und ist heute Vorsitzender und unangefochtene Führungsfigur der hessischen Grünen. Dieser Tage sitzt er in Schlangenbad mit Bouffier zusammen, um den Vertrag für eine schwarz-grüne Koalition auszuhandeln, bei dessen heikelstem Thema, dem Umgang mit dem Frankfurter Flughafen, sich der gealterte Junge aus dem Hüttendorf gegen den Ministerpräsidenten in etlichen Punkten durchsetzen konnte.

          Einig über den Frankfurter Flughafen am Freitag, den 13ten: Die hessischen Parteivorsitzenden Volker Bouffier (CDU) und Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grünen) im hessischen Schlangenbad

          Fragt man Al-Wazir nach seinen Erinnerungen an das Hüttendorf, dann fällt ihm als Erstes ein, dass er oft gefroren hat. Und dass er sich einmal im Auto der Bürgerinitiative aufwärmen durfte, das sogar mit einem Funkgerät ausgestattet ist. Viele seiner älteren Parteifreunde haben sehr viel genauere Erinnerungen an jene Zeit, die prägend war für ihr politisches Engagement.

          Der Einsatz für Naturschutz und gegen Umweltverschmutzung, das Gemeinschaftserlebnis, gegen einen übermächtigen Gegner anzutreten und das unter den Augen des gesamten Landes – es war eine berauschende und einschneidende Erfahrung, denn im Lauf des Jahres 1981 spitzten sich die Ereignisse am Flughafen zu. Die Auseinandersetzungen von Demonstranten und Polizei wurden immer gewalttätiger, bis im Herbst nach der Räumung des Dorfes regelrechte Schlachten geschlagen werden. Am Ende steht die Ernüchterung für die Protestbewegung, die Bahn wird gebaut und 1984 in Betrieb genommen.

          Den Demonstranten mit der Dachlatte gedroht

          Schaut man in die Biographien führender Grüner, dann findet man auf allen politischen Ebenen ehemalige Startbahn-Kämpfer: die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig zählt dazu, der Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet und der ehemalige Außenminister Joschka Fischer sowieso. Dass mit Fischer, mit Jutta Ditfurth, Daniel Cohn-Bendit und Tom Koenigs sehr viele Hochbegabte der jungen Partei aus Frankfurt stammen, mag dazu beigetragen haben, dass der Kampf gegen die Startbahn West als Gründungsmythos der Partei gilt.

          Umso größer war der Kummer der Flughafengegner, als die Startbahn allen Bemühungen zum Trotz gebaut wurde. „Danach sind viele von uns erst einmal in eine tiefe politische Depression gefallen“, sagt Jutta Ebeling, bis 2012 Bürgermeisterin in Frankfurt und immer noch heimliche Vorsitzende der dortigen Partei. Auf einen ist Ebeling besonders schlecht zu sprechen: auf den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner (SPD). Schließlich war es die von Börner geführte sozialliberale Landesregierung, die am Flughafen rigoros durchgreifen ließ.

          Mit Verweis auf Börner wies Ebeling neulich während der Sitzung des Parteirats die nachgeborenen Parteifreunde darauf hin, dass die SPD in historischer Perspektive keineswegs der natürliche Verbündete der Grünen sei. Sie erinnerte daran, dass Börner den Demonstranten an der Startbahn West mit der „Dachlatte“ gedroht habe. Bürgerinitiativen ernst zu nehmen, gehörte im Jahr 1981 noch nicht zu den politischen Reflexen der SPD.

          Börner selbst hat viel dazu beigetragen, diese Tatsache vergessen zu machen. Im Rückblick mausern sich die Grünen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre atemberaubend schnell zur etablierten Partei. Joschka Fischer, bis dahin eine halb verkrachte Existenz, stößt erst 1982 zu den Grünen, sitzt ein Jahr später im Bundestag und ist 1985 schon Umweltminister in Hessen, unter Börner, der ein Jahr zuvor noch gesagt hatte, dass Fotos von ihm und Grünen am Verhandlungstisch „nicht einmal als Montage zu sehen“ sein würden.

          Die SPD ist irritiert

          Seit Börners Sinneswandel waren SPD und Grüne in Hessen entweder gemeinsam an der Macht oder zusammen in der Opposition. Deshalb rechnete die SPD auch zunächst nicht damit, dass nach der Wahl vom 22. September CDU und Grüne in der Flughafen-Frage eine Einigung erzielen könnten. Und dann das: Die Partei, zu deren Gründungsmythos die Heldentaten im Kampf gegen die Startbahn West gehören, geht zusammen mit der Partei, die unter Ministerpräsident Roland Koch den Bau einer Landebahn im Kelsterbacher Wald mit vielen Kniffen vorangetrieben hat. Viele Sozialdemokraten fühlen sich verraten.

          Die Irritation ist verständlich, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten schon weniger. Wie die CDU sind auch die Sozialdemokraten immer noch eine Flughafen-Ausbau-Partei. Gegen das Wachstum der größten Arbeitsstätte in Deutschland, deren Wohlergehen für die Prosperität des Rhein-Main-Gebiets und damit Hessens von entscheidender Bedeutung ist, haben allenfalls Genossen in den vom Fluglärm besonders betroffenen Kommunen opponiert, nicht aber die Landes-SPD. Machtstrategisch ist der Flughafen für den SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel die wichtigste Brücke für eine große Koalition und zugleich der unüberwindliche Graben für Schwarz-Grün.

          Diese Rechnung geht nicht auf. Schäfer-Gümbel hat die Bedeutung des Flughafens für die Grünen überschätzt. Wie kühl sie schon länger mit dem Reizthema umgehen, lehrt ein Blick nach Frankfurt. Als Joschka Fischer, inzwischen Außenminister, im Dezember 2001 seinen Frankfurter Parteifreunden mitteilt, dass man in Berlin anders als in Frankfurt über den Flughafenausbau denke, hält sich die Aufregung in Grenzen. Gegen den Flughafenausbau engagieren sich vor allem jene, die selbst vom Lärm betroffen sind. Um Naturschutz geht es nur noch wenigen. Statt Hütten zu bauen, beschreiten sie den Rechtsweg.

          Schwarz-grünes Schweigegelübde

          Als in Frankfurt im Sommer 2006 CDU und Grüne einen Koalitionsvertrag schließen, einigen sich die Partner sogar kurzerhand darauf, sich zum Ausbau des Flughafens künftig nicht mehr zu äußern. Das Argument für dieses Schweigegelübde lautet, die Stadt habe ohnehin keinen Einfluss auf das Genehmigungsverfahren. Auch im Aufsichtsrat der Fraport AG, wie der Flughafenbetreiber seit seinem Börsengang heißt, nimmt der jeweilige Vertreter der Grünen seine Aufgaben so wahr, wie es das Aktienrecht will: zum Wohl des Unternehmens.

          Allerdings rächt sich diese eunuchenhafte Haltung, als nach der Eröffnung der neuen Landebahn im Oktober 2011 das Ausmaß der Lärmbelastung vor allem für die südlichen Stadtteile deutlich wird. Die betroffenen Bürger fühlen sich von der Stadtpolitik im Stich gelassen. Die Kandidaten von CDU und Grünen bekommen das bei der Oberbürgermeisterwahl ein halbes Jahr später zu spüren.

          Doch die Wähler wissen zu differenzieren. Selbst in dem vom Fluglärm besonders stark betroffenen Frankfurter Süden gewinnt Michael Boddenberg von der CDU bei der Landtagswahl am 22. September das Wahlkreismandat. Boddenberg stellt sich der Diskussion mit aufgebrachten Bürgern und entwickelt sich zum Experten in Anflugverfahren und Schallschutz. Das kommt besser an als die irreale Forderung des SPD-Kandidaten, der entgegen der Parteilinie für die Schließung der Landebahn eintritt.

          „Man muss ein solches Ergebnis zur Kenntnis nehmen“, fordert Jutta Ebeling. Und sie fügt nüchtern hinzu: „Die Chance, in der Flughafen-Frage etwas zu verbessern, ist mit der CDU genauso groß oder klein wie mit der SPD.“ Die meisten führenden Grünen sehen das auch so, nicht zuletzt Frank Kaufmann, der Flughafenfachmann der Landtagsfraktion. Nach der Eröffnung der Landebahn kann es nur noch darum gehen, die Lärmbelastung der Anrainer zu reduzieren. Und da hält mancher sogar die CDU für handlungsfähiger als die SPD.

          „Dieser Weg wird kein leichter sein“

          Boddenberg und Kaufmann spielten eine bedeutende Rolle in jener Kommission, welche die Details für den schwarz-grünen Kompromiss zum Flughafen aushandelt. Die Grundlinien lauten, das Nachtflugverbot möglichst von sechs auf sieben Stunden auszudehnen und den Fluglärm zu deckeln. Zudem soll der Flughafenbetreiber Fraport noch einmal prüfen, ob das geplante dritte Terminal tatsächlich gebraucht wird.

          Es wird keine leichte Aufgabe gewesen sein, einen auch im Detail tragfähigen Kompromiss zu finden, mit dem Al-Wazir und Bouffier jeweils vor die eigene Partei treten können. Aber eine Fixierung auf dieses Thema ist auch unter den Grünen nicht festzustellen. Die Chancen, dass der ausgehandelte Vertrag akzeptiert wird, stehen 33 Jahre nach Bouffiers Besuch im Hüttendorf nicht schlecht.

          Es schlösse sich in gewisser Weise sogar ein Kreis. Als Bouffier damals durch das Hüttendorf geht, entgeht ihm offenbar nicht, dass die Startbahngegner nicht nur aus Langhaarigen bestehen, sondern auch aus Grauhaarigen. Die Protestierer werden von „Küchenbrigaden“ versorgt, und die bestehen vorwiegend aus älteren Frauen, die in den umliegenden Gemeinden leben und Kittelschürzen des Kleinbürgertums tragen. Im Hüttendorf werden Grenzen zwischen Milieus und Generationen überwunden.

          Nach seinem Besuch im Widerstandsdorf im November 1980 gibt Bouffier eine Erklärung ab. Er sagt, wichtige Fragen zum Bau der Startbahn West seien noch nicht geklärt. Die Argumente der Umweltschützer und Bürgerinitiativen müssten sehr ernst genommen werden. Der Landesvater-Duktus des späten Bouffier, der den Hardliner der mittleren Jahre hinter sich lässt, deutet sich hier schon an.

          Al-Wazir hätte als Minister einige Machtmittel in der Hand

          Bleibt die spannende Frage, wie Al-Wazir seine Rolle interpretieren wird. Als Wirtschafts- und Verkehrsminister, der er werden möchte, hätte Al-Wazir einige Machtmittel in der Hand, um den Flughafenbetreiber zu ärgern.

          Das wissen auch die Flughafengegner, und sie werden ihn immer wieder darauf hinweisen. Als Al-Wazir am Abend des 21. November in Andeutung auf die schwarz-grünen Gespräche twittert „Dieser Weg wird kein leichter sein“, da untertreibt er nicht.

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