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Schwarz-Grün in Hessen : Zwei Jungs aus dem Hüttendorf

Börner selbst hat viel dazu beigetragen, diese Tatsache vergessen zu machen. Im Rückblick mausern sich die Grünen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre atemberaubend schnell zur etablierten Partei. Joschka Fischer, bis dahin eine halb verkrachte Existenz, stößt erst 1982 zu den Grünen, sitzt ein Jahr später im Bundestag und ist 1985 schon Umweltminister in Hessen, unter Börner, der ein Jahr zuvor noch gesagt hatte, dass Fotos von ihm und Grünen am Verhandlungstisch „nicht einmal als Montage zu sehen“ sein würden.

Die SPD ist irritiert

Seit Börners Sinneswandel waren SPD und Grüne in Hessen entweder gemeinsam an der Macht oder zusammen in der Opposition. Deshalb rechnete die SPD auch zunächst nicht damit, dass nach der Wahl vom 22. September CDU und Grüne in der Flughafen-Frage eine Einigung erzielen könnten. Und dann das: Die Partei, zu deren Gründungsmythos die Heldentaten im Kampf gegen die Startbahn West gehören, geht zusammen mit der Partei, die unter Ministerpräsident Roland Koch den Bau einer Landebahn im Kelsterbacher Wald mit vielen Kniffen vorangetrieben hat. Viele Sozialdemokraten fühlen sich verraten.

Die Irritation ist verständlich, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten schon weniger. Wie die CDU sind auch die Sozialdemokraten immer noch eine Flughafen-Ausbau-Partei. Gegen das Wachstum der größten Arbeitsstätte in Deutschland, deren Wohlergehen für die Prosperität des Rhein-Main-Gebiets und damit Hessens von entscheidender Bedeutung ist, haben allenfalls Genossen in den vom Fluglärm besonders betroffenen Kommunen opponiert, nicht aber die Landes-SPD. Machtstrategisch ist der Flughafen für den SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel die wichtigste Brücke für eine große Koalition und zugleich der unüberwindliche Graben für Schwarz-Grün.

Diese Rechnung geht nicht auf. Schäfer-Gümbel hat die Bedeutung des Flughafens für die Grünen überschätzt. Wie kühl sie schon länger mit dem Reizthema umgehen, lehrt ein Blick nach Frankfurt. Als Joschka Fischer, inzwischen Außenminister, im Dezember 2001 seinen Frankfurter Parteifreunden mitteilt, dass man in Berlin anders als in Frankfurt über den Flughafenausbau denke, hält sich die Aufregung in Grenzen. Gegen den Flughafenausbau engagieren sich vor allem jene, die selbst vom Lärm betroffen sind. Um Naturschutz geht es nur noch wenigen. Statt Hütten zu bauen, beschreiten sie den Rechtsweg.

Schwarz-grünes Schweigegelübde

Als in Frankfurt im Sommer 2006 CDU und Grüne einen Koalitionsvertrag schließen, einigen sich die Partner sogar kurzerhand darauf, sich zum Ausbau des Flughafens künftig nicht mehr zu äußern. Das Argument für dieses Schweigegelübde lautet, die Stadt habe ohnehin keinen Einfluss auf das Genehmigungsverfahren. Auch im Aufsichtsrat der Fraport AG, wie der Flughafenbetreiber seit seinem Börsengang heißt, nimmt der jeweilige Vertreter der Grünen seine Aufgaben so wahr, wie es das Aktienrecht will: zum Wohl des Unternehmens.

Allerdings rächt sich diese eunuchenhafte Haltung, als nach der Eröffnung der neuen Landebahn im Oktober 2011 das Ausmaß der Lärmbelastung vor allem für die südlichen Stadtteile deutlich wird. Die betroffenen Bürger fühlen sich von der Stadtpolitik im Stich gelassen. Die Kandidaten von CDU und Grünen bekommen das bei der Oberbürgermeisterwahl ein halbes Jahr später zu spüren.

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