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Schwarz-Grün in Hessen : Jedes Tierchen ein Pläsierchen

  • -Aktualisiert am

Liebling einer Ministerin: Der Luchs (hier im Wildpark Alte Fasanerie im Hanauer Stadtteil Klein-Auheim). Bild: Rainer Wohlfahrt

In Hessen entdeckt die schwarz-grüne Landesregierung ein uraltes Prinzip der Sympathiegewinnung für sich – die Beschäftigung mit Katzenbabys und anderen lebenden Kuscheltieren. Ob ihr das hilft?

          3 Min.

          Wenn Zeitungen ihre Auflage steigern wollen, dann lautet eines der möglichen Rezepte: „Mehr Tiere ins Blatt!“ Wollen hingegen Politiker ihre Beliebtheit steigern, so funktioniert das, wie dieser Artikel belegt, nach dem Prinzip: „Mit mehr Tieren ins Blatt!“ Niemand in Deutschland hat das so verinnerlicht wie Schwarz-Grün in Hessen. Schon im Koalitionsvertrag kommt das Wort „Tier“ 59 Mal vor, Komposita eingerechnet. Zum Vergleich: Das Wort „Mensch“ bringt es auf 149 Nennungen – ein Hinweis darauf, dass Tier- und Menschenliebe einander nicht ausschließen. Aber warum gibt sich ausgerechnet die hessische Landesregierung besonders tierlieb? Schließlich ist die hessische Fauna nicht spektakulärer als etwa die Bayerns oder Brandenburgs. Und im Übrigen werden Tiere ja auch von Wählern außerhalb Hessens als süß empfunden.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Ein Hauptgrund ist eben die Kombination aus Schwarz und Grün. Als die beiden Parteien über die Bildung einer Koalition verhandelt haben, mussten sie nicht zuletzt Politikfelder identifizieren, auf denen sich einer der beiden Koalitionspartner profilieren kann, ohne dem anderen weh zu tun. Bei der CDU ist das zum Beispiel die Förderung von Sport oder Freiwilligen Feuerwehren, bei den Grünen der Tierschutz. Dieser erzielt bei vergleichsweise geringem Aufwand von Mitteln große emotionale Wirkung – und kaum jemand ist so richtig dagegen. Bei den hessischen Grünen kommt erleichternd hinzu, dass sie in Priska Hinz eine Umweltministerin haben, die generell keinen schlechten Job macht, als oberste Tierschützerin des Landes aber offenbar ihre eigentliche Bestimmung gefunden hat.

          Hessens oberste Tierschützerin macht Ernst

          Es begann vor gut einem Jahr mit der Nachricht aus dem hessischen Umweltministerium, dass der Fischotter, der in Hessen als ausgestorben galt, wieder da sei. Hinz freute sich: „Nach Biber, Luchs und Sumpfschildkröte hat Hessen jetzt einen weiteren Rückkehrer in seinem Arteninventar.“ So ging es weiter. Anfang September konnte Hinz bei der Vorstellung des „Luchsberichts 2014“ mitteilen: „Hessische Luchse hatten wieder Nachwuchs.“ Nur Stunden danach untersagte Hinz das Töten männlicher Eintagsküken. Das Geschlecht eines Kükens werde in Hessen „künftig nicht sein Todesurteil bedeuten“. Als einer der letzten tierlieben Akte des Jahres 2014 folgte im Oktober die Einweihung des Katzen-Kastrationsmobils, mit dem Hinz das Wohl verwilderter Hauskatzen in Blick hat.

          2014 wurde das Katzen-Kastrationsmobil eingeweiht.
          2014 wurde das Katzen-Kastrationsmobil eingeweiht. : Bild: dpa

          2015 passierte noch mehr. Erst unterzeichnete Hinz eine „Vereinbarung zur Enthornung von Kälbern“, dann eröffnete sie den Kommunen die rechtliche Möglichkeit, „gezielt Maßnahmen gegen lokales Katzenelend“ zu ergreifen. Aber das war nur die Ouvertüre für das, was im Sommer folgte. Es begann im Juni mit der Tötung eines Menschen durch einen Zirkuselefanten in Baden-Württemberg. Hinz reagierte darauf mit der Ankündigung einer Bundesratsinitiative. Es solle sichergestellt werden, „dass bestimmte Wildtiere wie zum Beispiel Elefanten, Bären oder Raubkatzen nicht mehr in Wanderzirkussen gehalten werden dürfen“. O-Ton Hinz: „Ein Weiter-so kann es jedenfalls nicht länger geben.“ Mitte Juli feierte Hinz den „vierten Aktionstag Wildkatzenerlebnispfad“. Bei der Gelegenheit äußerte sie: „Wir können in Hessen stolz darauf sein, dass unsere Wälder wieder von Wildkatzen bewohnt werden. Denn diese stark gefährdete Tierart ist in der Auswahl ihrer Heimat sehr anspruchsvoll und nimmt nicht jeden Wald als Lebensraum an.“

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