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Zentralrat der Juden : Der neue Präsident ist ein Mann der Pflicht

Mehr Verantwortung: der neu gewählte Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster Bild: dpa

Josef Schuster wäre lieber im Hintergrund geblieben. Nun aber führt der Internist, dessen Familie seit 450 Jahren in Deutschland lebt, den Zentralrat der Juden. Frische und Fröhlichkeit will er verbreiten. Doch er rechnet auch mit Krisen.

          Josef Schuster, der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist ein klassischer deutscher Jude. Von dieser Spezies gibt es nicht viele hierzulande. Denn die nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten jüdischen Gemeinden wurden weitgehend von Juden aus Osteuropa getragen. Es handelte sich oft um „Displaced Persons“, die in den Konzentrationslagern überlebt hatten oder in die westlichen Sektoren geflüchtet waren und eigentlich nach Amerika oder Palästina wollten.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Etwa 200.000 weitere Juden kamen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 nach Deutschland: Sie emigrierten aus der ehemaligen Sowjetunion und hauchten der geschrumpften jüdischen Gemeinschaft neues Leben ein. Etwa die Hälfte der Neuen schloss sich bestehenden Gemeinden an, etwa der seit 1998 von Schuster geleiteten Würzburger, deren Mitgliederzahl dadurch von 200 auf 1100 stieg.

          Seit 450 Jahren in Deutschland

          Schusters Familie dagegen lebt seit 450 Jahren in Deutschland. Sein Großvater nannte Grundbesitz in Bad Brückenau in Unterfranken sein Eigen. Darauf hatten es im Dritten Reich die Nationalsozialisten abgesehen. Nachdem der Großvater ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt worden war, konnte er aushandeln, dass er und sein Sohn freigelassen und dass der Familie die Ausreise nach Palästina gestattet wurde. Dafür musste er seinen Besitz in Brückenau den braunen Räubern überlassen.

          Das Haus in Brückenau war der Grund, warum der Großvater nach Deutschland zurückkam. Die Immobilie war ihm nach dem Krieg zurückerstattet worden; ihre Verwaltung von Haifa aus erwies sich als schwierig. Deshalb entschloss sich der Großvater zur Rückkehr. Weil sein Sohn und dessen Frau den alten Mann nicht allein lassen wollten, zogen auch sie mit nach Würzburg, wo zu jener Zeit die einzige jüdische Gemeinde in Unterfranken existierte. Auf diese Weise ist auch Josef Schuster, der damals zwei Jahre alt war, Würzburger geworden.

          In der unterfränkischen Metropole hat der heute Sechzigjährige sein Abitur gemacht und Medizin studiert, hier betreibt er eine internistische Praxis. Diese will er auch als Zentralratspräsident weiterführen. Denn die Leitung der politischen Lobby-Organisation der deutschen Juden ist ein Ehrenamt. Schuster hat es nicht angestrebt. Er, der seit 2010 einer der beiden Stellvertreter des scheidenden Präsidenten Dieter Graumann war, wäre lieber im Hintergrund geblieben. Doch der Aufforderung seiner Kollegen, diese nicht einfache Aufgabe zu übernehmen, hat sich Schuster, der ein Mann der Pflicht ist, gebeugt.

          Schuster möchte wie sein Vorgänger Graumann ein frisches und fröhliches Judentum präsentieren. Doch er rechnet damit, dass er wie sein Vorgänger Krisen wird meistern müssen. Über Graumann war die Beschneidungsdebatte und im Sommer der Gaza-Krieg mit den ihn begleitenden antisemitischen Demonstrationen hereingebrochen. Schuster würde sich wundern, bliebe er in seiner Amtszeit von Krisen verschont. Als Mann mit Bedacht wird er sie gewiss meistern.

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