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Schulschwänzer : Was soll ich hier?

Junger Schüler in Darmstadt Bild: dpa

Pascal weiß, mit einem ordentlichen Zeugnis könnte er es zu etwas bringen. Aber er glaubt nicht, dass er seine Chance nutzen wird. Im Schulschwänzen ist er ein Meister. Nur Selbstüberwindung hat er nie lernen müssen.

          Ihm ist mulmig. Er ist nervös. Es kribbelt in seinem Bauch, und er weiß nicht, warum. Da ist nur dieser eine Gedanke: „Was soll ich hier? Ich hätte zu Hause bleiben sollen!“ So fühlt sich Pascal*, wenn er es ausnahmsweise doch einmal geschafft hat, sich morgens um halb acht an der Bushaltestelle im münsterländischen Rheine einzufinden, um auf den Schulbus zu warten.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die neunte Klasse macht der 15 Jahre alte Hauptschüler nun schon zum zweiten Mal. Auf dem letzten Zeugnis hatte er zwei Fünfen, sechs Vieren und vier Dreien. Regelmäßig schwänzt Pascal die Schule. Seit den Herbstferien hat er die meisten Vormittage zu Hause verbracht.

          Wenn er so weitermacht, wird er von der Schule fliegen. Das hat der Rektor seiner Mutter vor zwei Tagen mitgeteilt. „Ich muss mich bessern“, sagt Pascal einsichtsvoll, „es ist meine letzte Chance.“ Aber der Zweifel, dass ihm das gelingen wird, ist stärker. Er hat den Glauben an sich verloren, und den an seine Umwelt sowieso. Er sagt Sätze wie: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand etwas tun könnte, damit ich zur Schule gehe.“ Oder: „Ich kann mich gegen mich selbst nicht durchsetzen.“

          Warum? Pascal sitzt zu Hause in der Küche, die beige gefliest und mit gelber Rauhfaser tapeziert ist. Er trägt Jeans und eine schwarze Schirmmütze, dazu ein schwarzes Kapuzenshirt mit aufgedrucktem Skelett. In der Pfanne, die auf dem Herd steht, taut Hackfleisch für das Abendessen auf. Zwei Tüten „Knorr mediterranes Ofengemüse“ liegen auf der Anrichte. Ein Tischchen mit vier Korbstühlen, in der Mitte ein Deckchen und eine Topfpflanze.

          Die Mutter schrieb eine Entschuldigung nach der nächsten

          Der Tisch ist so klein, dass darauf unmöglich auch noch Teller Platz finden können. Gegessen wird meist im ersten Stock, da wohnen die Großeltern, auch Pascal hat dort sein Zimmer. Im Erdgeschoss leben die Mutter, der Stiefvater und die beiden jüngeren Schwestern. An diesem Sonntagnachmittag sieht der Rest der Familie fern, die Rollläden des Wohnzimmerfensters sind heruntergelassen. Es ist ein altes Haus in einer engen Straße nahe der Innenstadt. An einem trüben Wintertag wie diesem wirkt es noch düsterer als sonst.

          Pascal kann sich noch gut daran erinnern, wie er mit dem Schwänzen begonnen hat. Er war in der sechsten Klasse, wurde von seinen Mitschülern gemobbt und um Geld erpresst. Die Schulpsychologin hatte sich eingeschaltet und seinen ärgsten Peiniger für zwei Wochen der Schule verwiesen. Danach ging alles wieder von vorn los: Pascal hatte Angst, in die Schule zu gehen, und so stellte er sich eines Morgens probehalber krank. Die Mutter glaubte ihm, schrieb ihm eine Entschuldigung, er war erstaunt darüber, wie leicht das ging. Danach tat er es immer wieder. „Es hat sehr, sehr oft geklappt“, erzählt er. Und wenn die Mutter irgendwann einmal sagte: „So oft kannst du gar nicht krank sein“, dann ging er für ein paar Wochen wieder regelmäßig in die Schule, bis sie sich beruhigt hatte. Dann stellte er sich wieder krank, und sie schrieb neue Entschuldigungen.

          Inzwischen sagt die Mutter, sie habe verstanden, dass sie ihrem Sohn keinen Gefallen damit tue. Sie ist Mitte dreißig, ziemlich klein, hat eine Stupsnase und schulterlanges blondes Haar. Vormittags arbeitet sie in einer Boutique und verkauft teure Dessous. Nachmittags ist sie zu Hause, und wenn die Kinder nicht parieren, kriegt sie einen Wutanfall und wird laut, was nicht besonders gut zu ihrem äußeren Erscheinungsbild passt. Pascal lässt sich davon ohnehin nicht beeindrucken. „Ich schalte ab, höre nicht auf sie“, sagt er. Zwar hat er inzwischen die Schule gewechselt und versteht sich gut mit seinen Klassenkameraden, aber das Schwänzen, so sagt er, sei ihm zur Gewohnheit geworden. „Ich frage mich: Warum sollte ich in die Schule gehen, wozu brauche ich das?“

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