https://www.faz.net/-gpf-7mr16

Schulpolitik : Unausweichliche Rückkehr

Volksbegehren in Bayern: Vertiefung und Konzentration statt Turbo-Abi? Bild: dpa

Die Abkehr von G8 steht inzwischen in allen westlichen Bundesländern außer Frage. Unklar ist nur, wie entschieden die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit ausfällt. Schulpolitik gegen den Willen der Eltern rächt sich.

          In allen westlichen Bundesländern wird es in nächster Zeit wieder die Möglichkeit geben, das Abitur nach dreizehn Jahren abzulegen. Die Abkehr von G8 steht inzwischen außer Frage, unklar ist nur, wie entschieden die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit ausfällt. Hessen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg überlassen es den Schulen weitgehend selbst, ob sie G8, G9 oder beides nebeneinander anbieten. Das hat den Vorzug, dass Schulen mit einer klugen Organisation des achtjährigen Gymnasiums - und die gibt es durchaus - dabei bleiben können. Andere werden nur „Sprinterklassen“ einführen und sich insgesamt für neun Jahre entscheiden, vorausgesetzt, sie haben genügend Schüler. Für schwach besiedelte ländliche Räume dürften Wahlmodelle ausgeschlossen sein.

          In Hamburg hat eine Befragung ergeben, dass mehr als siebzig Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder strikt gegen G8 sind. Der Ausgang des Volksbegehrens, das möglicherweise in diesem Sommer zustande kommt, dürfte also einigermaßen klar sein. Die SPD in der Bürgerschaft, inzwischen aus Schaden klug geworden, hat sich daher entschlossen, mit der Volksinitiative „G9-Jetzt-HH“ in Verhandlungen zu treten und die Frist für das Volksbegehren, das eigentlich mitten in den Sommerferien stattfinden sollte, zu verlängern. Zunächst allerdings muss die Initiative 62.000 Unterschriften zusammenbekommen; auf so viel Unterstützung wie beim Volksbegehren zur Primarschule kann sie nicht hoffen.

          Volksbegehren in Bayern

          Wie Bayerns Ministerpräsident Seehofer sich aus der Affäre zieht, bevor das Volksbegehren ihn dazu zwingt, die überstürzte Einführung des G8 durch seinen Amtsvorgänger Stoiber zurückzunehmen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Eine dortige Volksinitiative kämpft für Vertiefung und Konzentration.

          Niedersachsen wartet nur noch den Bericht einer Kommission und deren Empfehlungen ab, dann scheint die Rückkehr zum G9 relativ wahrscheinlich zu sein. Wer das Abitur dennoch in acht Jahren machen will, müsste dann eine Klasse überspringen. Das einzige Land, welches das G8 von vornherein nur an Ganztagsgymnasien einführte und bei 12,5 Jahren blieb, ist Rheinland-Pfalz. Dort gibt es so gut wie keine Proteste.

          Eine Lektion nach endlosen Debatten

          Ganz offenkundig gelingt es nicht mehr, Schulpolitik gegen den Willen der Eltern zu machen. Das ist die Lektion, die Bildungspolitiker aus den endlosen Diskussionen über das achtjährige Gymnasium, das die einen sofort als geraubte Kindheit schmähten, die anderen als Chance für begabte junge Leute sahen, zu lernen haben.

          Nicht aufgegangen ist auch die Rechnung der Bildungspolitiker, die Schularten neben dem Gymnasium (Stadtteilschule, Sekundarschule und so weiter) mit neunjähriger Laufzeit anzubieten, um damit die möglicherweise weniger für das Gymnasium geeigneten, weniger reifen Kinder anzulocken. Wer etwa in Berlin von einem Gymnasium an eine Sekundarschule zurückgehen muss, empfindet das als Schmach. Die Eltern trauen den neuen integrativen Schularten nicht, mehr als siebzig Prozent wünschen sich ein Gymnasium für ihr Kind.

          Aber mit so hohen Gymnasialquoten sind achtjährige Bildungsgänge nicht zu schaffen. Das hätten die Politiker wissen können. Denn schon nach den ersten Versuchen mit der verkürzten Gymnasialzeit in Baden-Württemberg hat der verantwortliche Bildungsforscher vor einer flächendeckenden Einführung gewarnt. Er war der festen Überzeugung, dass das G8 nur für die begabtesten unter den Gymnasiasten geeignet sei. Doch scherte das die damalige Kultusministerin Schavan wenig, die das achtjährige Gymnasium kurz darauf im ganzen Land einführte.

          Turbo-Abitur wider Traditionen

          Im Osten, wo man die westliche Aufregung um das Turbo-Abitur kaum nachvollziehen kann, fiel es leichter, die curriculare Tradition und die erweiterte Oberschule in einem achtjährigen Gymnasium oder einer weiteren achtjährigen Schulform neben dem Gymnasium weiterzuführen. Außerdem sorgt etwa Sachsen mit einem ambitionierten Notendurchschnitt als Aufnahmebedingung dafür, dass nur die Geeigneten auch aufs Gymnasium kommen.

          Es war falsch, sich im Westen über die dortigen Traditionen hinwegzusetzen und damit zusätzliche Probleme zu schaffen. So wurde der dreijährige deutsche Bachelor im angelsächsischen Ausland nicht anerkannt, wenn der Kandidat auch noch nach zwölf Jahren Abitur gemacht hatte - nach dreizehn Jahren indessen schon. Universitäten mussten sich zunehmend mit 17 Jahre alten Studienanfängern plagen, die ihre Eltern für die Immatrikulation brauchten, weil sie gar nicht unterschriftsfähig waren. Die gesamte universitäre Lehre war bis dato auf die höhere Abstraktionsfähigkeit älterer Studenten ausgerichtet.

          Eine Rückkehr zum Abitur nach dreizehn Jahren im früheren Sinne wird es trotzdem nicht geben, hoffentlich auch nicht jenen Leerlauf im zweiten Schulhalbjahr der dreizehnten Klasse wie in einigen Ländern vor der Reform. Es käme jetzt darauf an, die zusätzliche Zeit für Wiederholungen, das Einüben selbständigen Denkens und eine intensive Vorbereitung auf das im Studium geforderte wissenschaftliche Arbeiten zu nutzen. Nur dann wird die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium keine Enttäuschung werden.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Kolumbiens Präsident reagiert rigoros Video-Seite öffnen

          Konflikt mit Guerillagruppe : Kolumbiens Präsident reagiert rigoros

          Nach dem tödlichen Bombenanschlag in Bogotá hat Kolumbiens Präsident Iván Duque die Friedensgespräche mit der Guerillagruppe ELN für beendet erklärt. Die Regierung hatte die linksgerichtete Guerillagruppe zuvor für einen Bombenanschlag auf eine Polizeiakademie in Bogotá mit 21 Toten verantwortlich gemacht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.