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Schulleitermangel : Idealismus statt Amtszulage

Schulleitermangel in Nordrhein-Westfalen ist kein neues Problem. Bild: dpa

In Nordrhein-Westfalen hat jede zehnte Grundschule keinen Schulleiter, obwohl Rektoren die Schlüsselrolle spielen. In anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus.

          Es ist Mittwoch Morgen in einer Berliner Grundschule. Gerade ist die große Pause zu Ende gegangen. Die Schule hat Glück, sie hat noch eine Schulsekretärin, die im Vorzimmer des Rektors sitzt und manche „Erste Hilfe“ leisten kann. Ihre Tür steht einladend offen. Eine Erstklässlerin kommt weinend, weil sie auf dem Schulhof hingefallen ist. Die Sekretärin sucht nach der Wunde und findet keine, trotzdem geht sie mit der Kleinen zum Arzneischrank, was beruhigend wirkt. Lehrer kommen und gehen, versuchen noch rasch eine Vertretung mit dem Rektor zu klären. Im Augenblick muss die Sekretärin sie abwimmeln. Der Schulleiter spricht gerade mit Eltern, die erwägen, ihr behindertes Kind auf seine Grundschule zu schicken. Er erläutert ihnen, wie lange seine Schule schon inklusiv unterrichtet und wie außerschulische Unterstützung aussehen könnte.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Rektorinnen und Rektoren an Grundschulen sind Schlüsselfiguren für die Schule. Sie müssen integrativ genug sein, um das Kollegium zu einen, und pädagogisch versiert genug, um ständig an den Schulprogrammen weiterzuarbeiten. Es liegt nicht selten am Rektor, wie einig sich das Kollegium über bestimmte Grundsatzfragen an der Schule ist. Das gilt auch für den umstrittenen jahrgangsübergreifenden Unterricht, für Inklusion und den Ganztagsunterricht. Der Rektor ist es auch, der für ein Kind, das ohne Deutschkenntnisse an seine Schule kommt, mit einigen engagierten Lehrern zusammen unkonventionelle Lösungen ausarbeitet, wenn es um das rasche Erlernen des Deutschen geht. Besonders schwierig ist das dann, wenn seine Schule nicht zu den dafür eigens ausgestatteten Berliner Grundschulen mit einem Ausländeranteil von mehr als 40 Prozent gehört. Dann kann der Schulleiter nämlich nur auf das zusätzliche Engagement seines Lehrerkollegiums setzen.

          Moderne Manager einer Schule

          In allen Bundesländern klagen gerade die engagierten Rektoren, wie wenig Zeit ihnen noch bleibt, um wirklich pädagogisch zu arbeiten. Das unterscheidet deutsche Schulleiter auch von ihren schweizerischen oder österreichischen Kollegen. Sie sind schon längst zu modernen Managern einer Schule geworden, die sich vor allem um schulorganisatorische und verwaltungstechnische Fragen zu kümmern haben. Sie verlassen die Schule häufig erst spät am Abend. Im Zweifel müssen sie den Hausmeister ersetzen, Vertretungen organisieren, Personalgespräche führen, die Schule nach außen vertreten und notorisch knappe Budgets verwalten. Wer jemals die komplizierten Anmeldeverfahren zum Mittagessen und zur Ganztagsbetreuung erlebt hat, weiß, welch ein bürokratischer Aufwand damit verbunden ist. Im Zweifel ist er vom Schulleiter und seinen Stellvertretern zu leisten. Oft verbringen sie auch ihre schulfreien Tage in der Schule, weil neue Stundenpläne gemacht werden müssen. Wirklich vorbereitet sind die wenigsten Lehrer, die sich auf eine Rektorenstelle bewerben und dann auch gewählt werden. Nur in Ausnahmefällen haben sie eine Weiterbildung für Schulleitungen gemacht.

          Das ändert allerdings nichts daran, dass Schulleitung eine Aufgabe ist, um die sich immer weniger Lehrer reißen. Eine gerade veröffentlichte Umfrage der „Welt am Sonntag“ unter den Kultusministerien hat gezeigt, dass es in fast allen Ländern an Grundschulleitern fehlt. In Nordrhein-Westfalen sind allein 328 von 2891 staatlichen Grundschulen ohne feste Schulleitung. In Niedersachsen waren 132 von 1700 Schulleitungsstellen nur kommissarisch besetzt, in Sachsen 44 Stellen. Allein in Berlin sind 30 Schulleiterstellen vakant. Häufig finden selbst erfolgreiche Schulleitungen an gut beleumundeten Grundschulen keine Nachfolger.

          Schulleiter genießen die Zeit des Unterrichts

          Das liegt vor allem daran, dass sie zwar eine Führungsaufgabe übernehmen, dafür aber keine Ausstattung haben und auch kaum entlastet werden. Auch in den Grundschulen unterrichtet ein Schulleiter noch zwischen acht und zehn Stunden – je nach Bundesland. Den meisten Schulleitern ist das wichtig. Sie genießen die Zeit vor der Klasse förmlich, denn sie wissen, dass sie in dieser Zeit nicht von Telefonaten und neuen organisatorischen Schwierigkeiten zu stören sind. Kaum ist der Unterricht zu Ende, geht es weiter mit dem ganz normalen Wahnsinn im Alltag eines Rektors, der sich wahrscheinlich nur mit viel Gelassenheit ertragen lässt.

          Finanziell ist das Schulleiterdasein an Grundschulen uninteressant. In Nordrhein-Westfalen liegt die Amtszulage bei 155,09 Euro brutto im Monat. In Berlin verdient der Leiter einer Grundschule nach zehn Dienstjahren etwa 4200 Euro brutto. Das sind nur 400 Euro mehr als ein Lehrer nach zehn Jahren. Wird ein Lehrer zum Konrektor ernannt, bekommt er nur 171 Euro brutto, netto bleibt davon so gut wie nichts übrig. Da ziehen die meisten ihr Familienleben vor und bewerben sich erst gar nicht auf die Führungsstelle, so interessant sie auch immer sein mag. Wegen angespannter Finanzlage in den Ländern wird es so bald keine echte finanzielle Entschädigung für Schulleitungen geben. Nordrhein-Westfalen hat zwar in den vergangenen drei Jahren 45 Millionen Euro investiert, um Schulleitern durch zusätzliche Lehrerstellen mehr Zeit für ihre Aufgabe zu schaffen, doch deren Alltag hat sich dadurch nicht wesentlich geändert. Laut einer Studie über Schulleitungen übernehmen die meisten Rektoren ihr Amt, weil sie ihre Schule verbessern wollen. Allein auf den Idealismus künftiger Bewerber zu setzen dürfte für die Länder riskant werden.

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