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Schule : Nachhilfe ist kein Makel mehr

  • -Aktualisiert am

Viele Schüler sind mit der Fülle des Unterrichtsstoffes überfordert Bild:

Das Geschäft mit der Schülernachhilfe boomt. Fast eine Million deutsche Schüler erhoffen sich auf diesem Weg bessere Noten. Nachhilfeunterricht hat seinen Makel verloren. Im Gegenteil: Die Schüler finden ihn cool. Von Cornelia von Wrangel

          Sie sind zu viert und schwärmen. Lilly sagt: „Hier kann man den Lehrer duzen.“ Sie ist mit fünfzehn die Älteste. „Der Stefan kann viel besser erklären“, sagt David, mit zwölf Jahren der Jüngste. Denis findet das auch. „Meine Mutter kann das nicht so.“ Und Sarah, ebenfalls vierzehn, gibt zu: „Ich hebe mir alle Fragen bis Donnerstag auf.“ Bis Stefan sie beantwortet und dabei offensichtlich nie die Geduld verliert. Er muss ein toller Hecht sein.

          Einmal in der Woche teilen sie sich diesen Stefan für anderthalb Stunden. Weil sie eine gemeinsame Schwäche haben: Englisch. Ihre Eltern bezahlen dafür, dass daraus eine Stärke wird. Büffelst du noch, oder lernst du schon? Vermutlich beides. „Ich muss mich nicht dafür schämen.“ Das sagt Sarah auch - und hat recht.

          Heute gehört Nachhilfe zum guten Ton

          Früher, da war Nachhilfe etwas, das man tunlichst nicht weitererzählte, schon gar nicht den besseren Mitschülern, den Strebern. Erst kam der blaue Brief und dann die Reaktion der Eltern: „Kind, es reicht, nun muss etwas geschehen.“ Danach tauchte daheim nachmittags ein älterer Noch-Schüler oder ein junger Schon-Student auf und ging mit einem zigmal die Matheaufgaben durch. Bis zur letzten Arbeit vor dem Versetzungszeugnis. In der stillen Hoffnung der Eltern, es möge etwas nützen.

          Nachhilfe ist meist in Mathematik, Englisch oder Deutsch nötig

          Heute ist das anders, heute gehört Nachhilfe beinahe schon zum guten Ton, heißt es: „Und wohin gehst du?“ Jeder dritte bis vierte Schüler - in den Gymnasien ist es jeder zweite - hat bis zum Ende seiner Schullaufbahn einmal private Hilfe beim Verstehen und Lernen bekommen. Sie pauken mit älteren Kollegen, mit Studenten, pensionierten oder noch aktiven Lehrern. Sie bilden den einen Teil eines privaten Bildungsmarktes, der sich in den vergangenen Jahren in Deutschland entwickelt und sich auf hohem Niveau eingependelt hat. Den anderen Teil bilden die kommerziellen Nachhilfe-Institute.

          930.000 müssen „nachsitzen“

          Nach den Worten von Cornelia Sussieck, der Vorsitzenden des Bundesverbandes Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN), existieren mittlerweile weit mehr als viertausend solcher Institute. Oft befinden sie sich nicht weit weg von einer Schule oder gleich mehreren Schulen. Bundesweit bekommen dort etwa 300.000 junge Leute Unterricht. Mit dem „Graumarkt“ - den älteren Schülern, den Studenten und Lehrern - kommt der Verband auf geschätzte 930.000 Nachhilfeschüler in Deutschland.

          Das ist eine stolze Zahl, die nicht nur etwas über den Zustand öffentlicher Schulen aussagt, sondern auch darüber, was Eltern inzwischen alles für die Bildung ihrer Kinder tun, weil sie offenbar dem öffentlichen Schulsystem misstrauen. Oder auch darüber, dass Eltern ebenfalls viel dafür tun, dass ihre Kinder nachmittags unter Kontrolle lernen, weil sie arbeiten und selbst keine Zeit dafür haben.

          In Englisch von einer Vier auf eine Drei

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