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Schulbildung : Die allmähliche Integration der Inklusion

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Noch immer im Stadium der Pionierarbeit: Inklusiver Unterricht Bild: dpa

Es herrscht Einigkeit darüber, viel mehr Förderschüler an Regelschulen zu unterrichten - aber die Art und Weise ist strittig. Soziale Integration stellt sich dadurch nicht automatisch ein.

          Donnerstagmorgen halb neun, eine Deutschstunde an der Roland-zu-Bremen-Oberschule im Bremer Stadtteil Huchting. Aus dem Zimmer im ersten Stock des gelben Schulgebäudes dringt munteres Stimmengewirr: Die 6a übt das Präteritum. Die 21 Kinder lösen Arbeitsblätter in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen, alleine oder in der Gruppe, jedes in seinem Tempo. In der Klasse sind sieben Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die meisten von ihnen haben eine Lernschwäche; vier andere waren bis vor kurzem auf dem Gymnasium. Die 6a ist eine Inklusionsklasse. Sie wird fast in allen Fächern von zwei Lehrern unterrichtet, einer Sonderpädagogin und einem Regelschullehrer, doch wer welches Etikett trägt, wissen die Kinder nicht so genau: Sie haben einfach zwei Klassenlehrer.

          Wenn möglich, unterrichten sie die Kinder gemeinsam in einem Zimmer; in Fächern wie Mathe gibt es manchmal zwei Lerngruppen mit unterschiedlichem Tempo. Dafür hat die Klasse ein zweites Zimmer, einen sogenannten Differenzierungsraum. Am Ende des Schuljahrs bekommen die Schüler eine individuelle Leistungsbewertung, Noten gibt es erst von der achten Klasse an.

          Bindende Konvention

          So kann schulische Inklusion aussehen, zu der sich Deutschland mit der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verpflichtet hat. Seit 2009 ist die Konvention bindend. Sie verlangt Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung, nicht zuletzt in der Bildung. 2011 hat die Kultusministerkonferenz Empfehlungen zur inklusiven Bildung herausgegeben; doch diese lassen den Ländern viel Spielraum, ihr Schulsystem der UN-Konvention anzupassen, so dass dieVoraussetzungen, Ansätze und Ergebnisse in den Ländern sehr unterschiedlich sind. Drei Jahre sind nun seit dem Inkrafttreten der Konvention vergangen, und Valentin Aichele, Leiter der Monitoringstelle zur UN-Behindertenrechtskonvention am Deutschen Institut für Menschenrechte, der den Prozess beobachtet und die Länder in der Verwirklichung unterstützt, stellt fest: „Wir haben noch kein Bundesland, das ein inklusives Bildungssystem hat.“ Darüber hinaus gebe es die Befürchtung, dass der Prozess auch dafür genutzt werde, Geld im System einzusparen.

          Der Anteil der Schüler mit Förderbedarf ist in Deutschland innerhalb von nur fünf Jahren um mehr als zehn Prozent gestiegen. Gleichzeitig nahm zwar auch der Anteil der Förderschüler an Regelschulen zu, das heißt: die Inklusionsquote stieg, trotzdem wurden im Schuljahr 2010/2011 nur 22,3 Prozent der Schüler mit Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet. Der größte Teil der mehr als 485000 Förderkinder ging auf eine Förderschule. Wenn es nach Hubert Hüppe, dem Behindertenbeauftragen der Bundesregierung geht, soll sich dieses Verhältnis schneller ändern, als es gegenwärtig geschieht. „Ich glaube, es gibt zu viele Zweifler“, sagt er. Dabei gehe es in Deutschland jetzt eigentlich nicht mehr darum, „ob“, sondern „wie“ schulische Inklusion gelinge.

          Der Bremer Weg

          Bremen, das bisher eher wegen seines schlechten Abschneidens in den Pisa-Studien von sich reden machte, scheint einen Weg gefunden zu haben. Als erstes Bundesland hat der Stadtstaat Inklusion schon 2009 im Schulgesetz verankert; und nur Schleswig-Holstein (49,9 Prozent) und Berlin (43,9 Prozent) wiesen im vergangenen Schuljahr höhere Inklusionsquoten auf. Im Land Bremen wurden 2010/2011 41,1 Prozent der Kinder mit festgestelltem Förderbedarf an einer Regelschule unterrichtet, in der Stadt Bremen waren es gar 72,2 Prozent. Allerdings hat man dort nicht bei Null angefangen: An Bremer Grundschulen werden seit mehr als 20 Jahren Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelklassen unterrichtet. Vom kommenden Schuljahr an sollen auch alle weiterführenden Schulen inklusiv werden - zumindest in einigen Klassen des Jahrgangs.

          Schon 2010 hat Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) - nachdem sie ein Jahr zuvor Haupt- und Realschulen zur Oberschule zusammenlegt hatte - einige Schulen zu Inklusions-Pilotschulen gemacht. Die Roland-zu-Bremen-Oberschule war eine von ihnen. Eckhard Feige, der erste Leiter eines Zentrums für unterstützende Pädagogik (ZuP), ist seither ein gefragter Mann. Aus ganz Deutschland kommen Schulleiter, Lehrer und Referendare, um einen Eindruck von seiner Tätigkeit und inklusivem Unterricht zu gewinnen. Seit Anfang des Jahres hat jede Schule in Bremen ein ZuP, an dem die für die Inklusion nötigen Kompetenzen gebündelt sind. Feige ist für die Förderdiagnostik zuständig und steht in engem Austausch mit Lehrern, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern an der Schule, während er zudem noch unterrichtet. Er erzählt mit viel Enthusiasmus von den guten Erfahrungen, die er in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat: „Das ist die erste Reform, die mich überzeugt.“ Und dann nennt er ein paar Bedingungen, die zum Gelingen von inklusivem Unterricht nötig seien, wie etwa kleine Klassen und ein gutes Lehrerteam, das harmoniere. Aber Inklusion, sagt Feige, finde auch im Kopf statt.

          Bis 2017 nur noch drei Förderschulen

          Dass es zumindest die Stadt Bremen mit der Inklusion so eilig hat, liegt nach Ansicht der zuständigen Referentin Andrea Herrmann-Weide vor allem an den Eltern von Förderkindern, die sich in Umfragen mit großer Mehrheit für inklusive Beschulung ausgesprochen hätten. Bis 2017 soll es deshalb in der Stadt Bremen nur noch drei Förderschulen geben: Jene für schwerst mehrfach behinderte Kinder sowie für Seh- und Hörbehinderte, die vor allem mit Brailleschrift oder Gebärdensprache arbeiten.

          Für Valentin Aichele ist klar, dass die Inklusion mittelfristig in allen Bundesländern verwirklicht werden muss. Ein segregierendes System mit Regel- und Förderschulen sei nicht mit der Konvention vereinbar und langfristig teurer als die inklusive Beschulung. Doch längst nicht alle Bundesländer haben vor, die Förderschulen abzuschaffen. In Hessen etwa will Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) den Eltern behinderter Kinder die Wahl lassen, ob sie ihre Kinder an einer Förder- oder an einer Regelschule anmelden. Das Land will zunächst in zwei Modellvorhaben prüfen, ob überhaupt flächendeckend auf Förderschulen verzichtet werden kann. Und Daniel Bognar, Referatsleiter Sonderpädagogik im Kultusministerium, ist überzeugt davon, dass es Förderschulen gibt, die auch noch in zehn Jahren nachgefragt werden - weil es Eltern gibt, die sagen, dass ihr Kind ein besonderes Umfeld brauche. Und weil es Grenzen der Inklusion gebe: „Die sind da gesetzt, wo eine Schule dem Kind im Einzelnen nicht mehr mit ihren Mitteln gerecht werden kann.“ Und man müsse auch an die Mitschüler denken.

          Hessen wird in jener Bertelsmann-Studie, die Bremen als Inklusions-Pionier einstuft, als Schlusslicht bewertet, weil nur 14,8 Prozent der Kinder mit Förderbedarf auf eine Regelschule gehen. Im Kultusministerium verweist man auf den im Vergleich geringen Anteil von Föderschülern (5,2 Prozent) und darauf, dass 95,6 Prozent aller Kinder im vergangenen Schuljahr auf eine Regelschule gingen. Anfang des Jahres hat das Ministerium eine Verordnung zur Verwirklichung des im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Schulgesetzes vorgelegt, die vom kommenden Schuljahr an die Inklusion weiter vorantreiben will.

          Nicht allen gefällt die Rechnung

          Eltern sollen dann an allen Regelschulen Kinder mit Förderbedarf anmelden können - ob das Kind an der Schule aber auch tatsächlich aufgenommen werden kann, entscheidet ein sogenannter Förderausschuss. Daniel Bognar rechnet auch vor, dass in Hessen im kommenden Schuljahr den allgemeinen Schulen mehr als 1500 Förderschullehrerstellen zur Verfügung stehen sollen - mehr als je zuvor. Durch die Einführung einer flexiblen Klassengrößenregelung sowie durch weniger Schüler an den Förderschulen kommen weitere Stellen für den inklusiven Unterricht in den kommenden fünf Jahren hinzu. Zehn bis 15 Jahre, schätzt man im Ministerium, wird es dauern, bis Hessen ein inklusives Bildungssystem haben wird.

          Doch diese Rechnung gefällt nicht allen. Die rot-grüne Opposition im Landtag, aber auch Eltern und engagierte Lehrer und Sonderpädagogen kritisieren die Pläne als Sparentwurf und werfen der Ministerin vor, Inklusion nicht wirklich zu wollen. Der Landeselternbeirat, der zur Verordnung angehört werden muss, hat den Entwurf abgelehnt. In Frankfurt und Wiesbaden demonstrierten in den vergangenen Wochen mehrere hundert Eltern mit ihren Kindern gegen die mit der Verordnung verbundenen Kürzungen. Michael Pachmajer, Elternbeiratsvorsitzender einer Frankfurter Gesamtschule, die seit 15 Jahren Kinder mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Regelklassen aufnimmt und das Gemeinsamen Unterricht (GU) nennt, sagt, was die Mitglieder des im Januar von Eltern, Regel- und Sonderpädagogen in Frankfurt gegründeten „Netzwerk Inklusion“ besonders stört: Nach der Verordnung könnten an Schulen wie der IGS Nordend weder die fast durchgehende Doppelbesetzung noch die kleinen Klassen in Zukunft aufrechterhalten werden.

          Der Prozess braucht Zeit

          „Es ist nicht fair, dass jene, die Inklusion seit Jahren betreiben, nun mit schlechteren Bedingungen rechnen müssen“, sagt er. Das Netzwerk fordere einen klaren Zeitplan, überprüfbare Ziele sowie die Offenlegung sämtlicher eingesetzten Ressourcen. Im Kultusministerium lässt man den Vorwurf, man wolle mit der Inklusion sparen, nicht gelten. Es werde durch die Verordnung keine einzige Stelle eingespart, weder an Förderschulen noch im Gemeinsamen Unterricht, sagt Bognar. Im Übrigen brauche ein solcher Prozess Zeit und lasse sich nicht übers Knie brechen, wie dies in manchen Ländern geschehe, sagt er.

          Gut möglich, dass er dabei an Bremen gedacht hat. Dort können tatsächlich nicht alle mit dem Tempo mithalten, das die Behörde vorlegt. Über die Probleme, die ein so schneller Wandel für sie mitbringt, wollen Bremer Pädagogen meist nicht öffentlich sprechen, unter anderem, weil einer, der es neulich getan hat, daraufhin zum Dienstgespräch geladen worden sein soll. Harry Eisenach von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aber kennt ihre Sorgen. Regelschullehrer berichten von der deutlichen Mehrbelastung, der unzureichenden Ausbildung und der damit verbundenen Unsicherheit im Umgang mit Förderschülern, von fehlenden Lernmaterialien und Räumlichkeiten für einen differenzierten Unterricht. „Auch wenn sie die Reform grundsätzlich befürworten, das Tempo hat viele Kollegen sehr mitgenommen“, sagt er, bekräftigt aber, Inklusion sei trotz allem der richtige Weg. Damit sie gelingen könne, müssten allerdings an vielen Schulen die räumlichen und personellen Bedingungen erheblich verbessert werden.

          Keine soziale Integration durch Gesetze

          4,4 Millionen Euro wendet Bremen ungefähr für die Umstellung des Schulsystems auf. Nach einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung muss in Deutschland für ein inklusives Schulsystem in den kommenden zehn Jahren mit Kosten von bundesweit 660 Millionen Euro gerechnet werden.

          Losgelöst von den Debatten über Zahlen und Kosten gibt es Eltern wie die Mutter von Emma, die eigentlich anders heißt, 13 Jahre alt ist und eine GU-Klasse in Frankfurt besucht. Die Mutter hatte sich damals, als Emma eingeschult werden sollte, bewusst für die Regelschule entschieden - und sie glaubt, dass es schulisch die richtige Entscheidung war: Emma habe sehr viel von den anderen Kindern profitiert. Und doch hat die Mutter den Gedanken an die Förderschule nicht ganz bei Seite gelegt. Sie wird immer dann zur Option, wenn ihre Tochter desillusioniert von der Schule nach Hause kommt und erzählt, dass sie wieder nicht zum Geburtstag von Freunden eingeladen worden sei. Die soziale Integration, sagt die Mutter, lasse sich eben nicht mit Gesetzen regeln.

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