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Schulbildung : Die allmähliche Integration der Inklusion

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Doch diese Rechnung gefällt nicht allen. Die rot-grüne Opposition im Landtag, aber auch Eltern und engagierte Lehrer und Sonderpädagogen kritisieren die Pläne als Sparentwurf und werfen der Ministerin vor, Inklusion nicht wirklich zu wollen. Der Landeselternbeirat, der zur Verordnung angehört werden muss, hat den Entwurf abgelehnt. In Frankfurt und Wiesbaden demonstrierten in den vergangenen Wochen mehrere hundert Eltern mit ihren Kindern gegen die mit der Verordnung verbundenen Kürzungen. Michael Pachmajer, Elternbeiratsvorsitzender einer Frankfurter Gesamtschule, die seit 15 Jahren Kinder mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Regelklassen aufnimmt und das Gemeinsamen Unterricht (GU) nennt, sagt, was die Mitglieder des im Januar von Eltern, Regel- und Sonderpädagogen in Frankfurt gegründeten „Netzwerk Inklusion“ besonders stört: Nach der Verordnung könnten an Schulen wie der IGS Nordend weder die fast durchgehende Doppelbesetzung noch die kleinen Klassen in Zukunft aufrechterhalten werden.

Der Prozess braucht Zeit

„Es ist nicht fair, dass jene, die Inklusion seit Jahren betreiben, nun mit schlechteren Bedingungen rechnen müssen“, sagt er. Das Netzwerk fordere einen klaren Zeitplan, überprüfbare Ziele sowie die Offenlegung sämtlicher eingesetzten Ressourcen. Im Kultusministerium lässt man den Vorwurf, man wolle mit der Inklusion sparen, nicht gelten. Es werde durch die Verordnung keine einzige Stelle eingespart, weder an Förderschulen noch im Gemeinsamen Unterricht, sagt Bognar. Im Übrigen brauche ein solcher Prozess Zeit und lasse sich nicht übers Knie brechen, wie dies in manchen Ländern geschehe, sagt er.

Gut möglich, dass er dabei an Bremen gedacht hat. Dort können tatsächlich nicht alle mit dem Tempo mithalten, das die Behörde vorlegt. Über die Probleme, die ein so schneller Wandel für sie mitbringt, wollen Bremer Pädagogen meist nicht öffentlich sprechen, unter anderem, weil einer, der es neulich getan hat, daraufhin zum Dienstgespräch geladen worden sein soll. Harry Eisenach von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aber kennt ihre Sorgen. Regelschullehrer berichten von der deutlichen Mehrbelastung, der unzureichenden Ausbildung und der damit verbundenen Unsicherheit im Umgang mit Förderschülern, von fehlenden Lernmaterialien und Räumlichkeiten für einen differenzierten Unterricht. „Auch wenn sie die Reform grundsätzlich befürworten, das Tempo hat viele Kollegen sehr mitgenommen“, sagt er, bekräftigt aber, Inklusion sei trotz allem der richtige Weg. Damit sie gelingen könne, müssten allerdings an vielen Schulen die räumlichen und personellen Bedingungen erheblich verbessert werden.

Keine soziale Integration durch Gesetze

4,4 Millionen Euro wendet Bremen ungefähr für die Umstellung des Schulsystems auf. Nach einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung muss in Deutschland für ein inklusives Schulsystem in den kommenden zehn Jahren mit Kosten von bundesweit 660 Millionen Euro gerechnet werden.

Losgelöst von den Debatten über Zahlen und Kosten gibt es Eltern wie die Mutter von Emma, die eigentlich anders heißt, 13 Jahre alt ist und eine GU-Klasse in Frankfurt besucht. Die Mutter hatte sich damals, als Emma eingeschult werden sollte, bewusst für die Regelschule entschieden - und sie glaubt, dass es schulisch die richtige Entscheidung war: Emma habe sehr viel von den anderen Kindern profitiert. Und doch hat die Mutter den Gedanken an die Förderschule nicht ganz bei Seite gelegt. Sie wird immer dann zur Option, wenn ihre Tochter desillusioniert von der Schule nach Hause kommt und erzählt, dass sie wieder nicht zum Geburtstag von Freunden eingeladen worden sei. Die soziale Integration, sagt die Mutter, lasse sich eben nicht mit Gesetzen regeln.

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