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Schulbildung : Die allmähliche Integration der Inklusion

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Schon 2010 hat Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) - nachdem sie ein Jahr zuvor Haupt- und Realschulen zur Oberschule zusammenlegt hatte - einige Schulen zu Inklusions-Pilotschulen gemacht. Die Roland-zu-Bremen-Oberschule war eine von ihnen. Eckhard Feige, der erste Leiter eines Zentrums für unterstützende Pädagogik (ZuP), ist seither ein gefragter Mann. Aus ganz Deutschland kommen Schulleiter, Lehrer und Referendare, um einen Eindruck von seiner Tätigkeit und inklusivem Unterricht zu gewinnen. Seit Anfang des Jahres hat jede Schule in Bremen ein ZuP, an dem die für die Inklusion nötigen Kompetenzen gebündelt sind. Feige ist für die Förderdiagnostik zuständig und steht in engem Austausch mit Lehrern, Sonderpädagogen und Sozialarbeitern an der Schule, während er zudem noch unterrichtet. Er erzählt mit viel Enthusiasmus von den guten Erfahrungen, die er in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat: „Das ist die erste Reform, die mich überzeugt.“ Und dann nennt er ein paar Bedingungen, die zum Gelingen von inklusivem Unterricht nötig seien, wie etwa kleine Klassen und ein gutes Lehrerteam, das harmoniere. Aber Inklusion, sagt Feige, finde auch im Kopf statt.

Bis 2017 nur noch drei Förderschulen

Dass es zumindest die Stadt Bremen mit der Inklusion so eilig hat, liegt nach Ansicht der zuständigen Referentin Andrea Herrmann-Weide vor allem an den Eltern von Förderkindern, die sich in Umfragen mit großer Mehrheit für inklusive Beschulung ausgesprochen hätten. Bis 2017 soll es deshalb in der Stadt Bremen nur noch drei Förderschulen geben: Jene für schwerst mehrfach behinderte Kinder sowie für Seh- und Hörbehinderte, die vor allem mit Brailleschrift oder Gebärdensprache arbeiten.

Für Valentin Aichele ist klar, dass die Inklusion mittelfristig in allen Bundesländern verwirklicht werden muss. Ein segregierendes System mit Regel- und Förderschulen sei nicht mit der Konvention vereinbar und langfristig teurer als die inklusive Beschulung. Doch längst nicht alle Bundesländer haben vor, die Förderschulen abzuschaffen. In Hessen etwa will Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) den Eltern behinderter Kinder die Wahl lassen, ob sie ihre Kinder an einer Förder- oder an einer Regelschule anmelden. Das Land will zunächst in zwei Modellvorhaben prüfen, ob überhaupt flächendeckend auf Förderschulen verzichtet werden kann. Und Daniel Bognar, Referatsleiter Sonderpädagogik im Kultusministerium, ist überzeugt davon, dass es Förderschulen gibt, die auch noch in zehn Jahren nachgefragt werden - weil es Eltern gibt, die sagen, dass ihr Kind ein besonderes Umfeld brauche. Und weil es Grenzen der Inklusion gebe: „Die sind da gesetzt, wo eine Schule dem Kind im Einzelnen nicht mehr mit ihren Mitteln gerecht werden kann.“ Und man müsse auch an die Mitschüler denken.

Hessen wird in jener Bertelsmann-Studie, die Bremen als Inklusions-Pionier einstuft, als Schlusslicht bewertet, weil nur 14,8 Prozent der Kinder mit Förderbedarf auf eine Regelschule gehen. Im Kultusministerium verweist man auf den im Vergleich geringen Anteil von Föderschülern (5,2 Prozent) und darauf, dass 95,6 Prozent aller Kinder im vergangenen Schuljahr auf eine Regelschule gingen. Anfang des Jahres hat das Ministerium eine Verordnung zur Verwirklichung des im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Schulgesetzes vorgelegt, die vom kommenden Schuljahr an die Inklusion weiter vorantreiben will.

Nicht allen gefällt die Rechnung

Eltern sollen dann an allen Regelschulen Kinder mit Förderbedarf anmelden können - ob das Kind an der Schule aber auch tatsächlich aufgenommen werden kann, entscheidet ein sogenannter Förderausschuss. Daniel Bognar rechnet auch vor, dass in Hessen im kommenden Schuljahr den allgemeinen Schulen mehr als 1500 Förderschullehrerstellen zur Verfügung stehen sollen - mehr als je zuvor. Durch die Einführung einer flexiblen Klassengrößenregelung sowie durch weniger Schüler an den Förderschulen kommen weitere Stellen für den inklusiven Unterricht in den kommenden fünf Jahren hinzu. Zehn bis 15 Jahre, schätzt man im Ministerium, wird es dauern, bis Hessen ein inklusives Bildungssystem haben wird.

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