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Schulbeginn : Wie geht es in den Klassenzimmern weiter?

Einschulungsfeier in Frankfurt an der Oder Bild: ZB

In vier Bundesländern beginnt in dieser Woche das neue Schuljahr. Es gibt genaue Anweisungen, sogar Verhaltenspsychologen wurden bemüht. Kein Land schließt aus, dass es bei steigenden Infektionszahlen auch für den Unterricht die Maskenpflicht verhängt.

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          Wenn in dieser Woche im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen sowie in Schleswig-Holstein, Berlin und Brandenburg die Schule beginnt, wünschen sich Schüler, Eltern und Bildungsverantwortliche nichts mehr als eine möglichst lange infektionsfreie Zeit des Präsenzunterrichts unter Pandemiebedingungen. Nordrhein-Westfalen hat für Schüler und Lehrer eine Maskenpflicht im Unterricht verhängt; sie gilt von der fünften Klasse an. Zunächst soll sie nur bis zum 31. August in Kraft sein, doch eine Verlängerung ist schon jetzt wahrscheinlich, obwohl der Marburger Bund die Maskenpflicht, im Unterschied zu den Virologen, für sinnlos hält.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          In allen anderen Ländern, in denen diesen Montag die Schule beginnt, kann die Maske am Platz abgenommen werden. Schleswig-Holstein empfiehlt das Maskentragen im Schulgebäude, nicht aber für den Unterricht, eine Maskenpflicht gibt es nicht. Brandenburg wird wahrscheinlich an diesem Dienstag eine Maskenpflicht in Schulgebäuden beschließen. Die Berliner Schulbehörde hat die Schulen mit einer „Anschub-Reserve“ von nahezu 300.000 Mund-Nasen-Bedeckungen versorgt, um die Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung in den Schulgebäuden zu sichern.

          In einer Mitteilung des Senats heißt es: „Diese Pflicht besteht in Berlin in Schulgebäuden außerhalb des Unterrichts sowie außerhalb der außerunterrichtlichen und ergänzenden Förderung und Betreuung (Hortbereich)“. Kein Land schließt aus, dass es bei steigenden Infektionszahlen auch für den Unterricht die Maskenpflicht verhängt. Für Schüler und Lehrer ist das eine Belastung, aber ein Unterricht mit Maske dürfte den meisten lieber sein als kein Unterricht. Visiere sind weniger belastend, schützen aber auch weniger.

          Zwischen Hysterie und Sorglosigkeit

          In allen Ländern gibt es Handlungsanweisungen für die Eltern. Schleswig-Holstein hat sogar einen Verhaltenspsychologen bemüht, um den Brief zum Schuljahresbeginn zu formulieren. Auf zwei Seiten ist alles Wichtige zusammengefasst, vor allem für den Fall, dass das Kind krank wird oder nur leichte Grippesymptome zeigt. „Es sollten nur Kinder zur Schule kommen, die keine Krankheitssymptome haben oder die ein ärztliches Attest vorlegen können, dass ihre Symptome eine andere Ursache (z. B. Allergie) haben.“ Die Gesellschaft für Virologie hat dazu geraten, auch Schüler mit milden Symptomen und leichten Atemwegsinfektionen labordiagnostisch abzuklären, „weil sie als Anzeiger von Übertragungsherden (Clustern) eine unverzichtbare Rolle in der Früherkennung von Schulausbrüchen spielen“.

          Auch in den anderen Ländern zerbricht man sich schon jetzt den Kopf, wie mit Schülern umzugehen ist, die verschnupft in die Schule kommen, ohne in Hysterie oder falsche Sorglosigkeit zu verfallen. Möglicherweise empfiehlt es sich in solchen Fällen, auf Stufenpläne zurückzugreifen, wie sie in Bayern, Sachsen und seit Freitag auch in Schleswig-Holstein gelten und von Kinderärzten und Kinderinfektiologen empfohlen werden. Sie richten sich nach der Anzahl Infizierter pro 100.000 Einwohner und geben Schulen klare Handlungsanweisungen mit immer strikteren Präventionsmaßnahmen.

          Die GEW fordert schärfere Präventionen

          Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat in Nordrhein-Westfalen CO2-Ampeln für Klassenzimmer gefordert und sich gegen eine Maskenpflicht im Unterricht ausgesprochen. Die Ampeln zeigen an, wenn dringend gelüftet werden muss, die Konzentration virushaltiger Luftpartikel, der sogenannten Aerosole, messen sie nicht. Auch der Präsident des Lehrerverbandes, der seit Wochen Hygieneforderungen stellt, will schärfere Prävention in Schulen. In Schleswig-Holstein beklagt die GEW einen „hartherzigen Umgang“ mit Lehrern, die einer Risikogruppe angehören, und unterstützt zwanzig Klagen von Lehrern, deren ärztliches Attest, vom Präsenzunterricht befreit zu werden, nicht anerkannt wurde.

          Insgesamt gibt es im Norden 28.000 Lehrer. 1600 haben Atteste vorgelegt, davon wurden 780 Fälle bisher geprüft und 32 Lehrer als schutzbedürftig anerkannt. In einem Fall ist das Urteil schon ergangen: Das Verwaltungsgericht Schleswig untersagte dem Bildungsministerium in Kiel in einem Eilverfahren, eine lungenkranke Lehrerin zum Schuljahresstart im Präsenzunterricht einzusetzen. Der Beschluss ist allerdings vorläufig, das Land wurde noch nicht gehört. Die Gesundheit der Lehrer sei ihr sehr wichtig, sagte Bildungsministerin Karin Prien (CDU). „Lehrkräfte, die von ihrem Hausarzt eine relevante Vorerkrankung attestiert bekommen haben, können sich an den betriebsmedizinischen Dienst des Ministeriums wenden.“ Nur wenn der Betriebsarzt unter Berücksichtigung der aktuellen Infektionen ebenfalls der Meinung ist, dass der Präsenzunterricht ein zu hohes Risiko für einen Lehrer wäre, darf dieser zu Hause bleiben. Auch in Nordrhein-Westfalen reicht ein einfaches ärztliches Attest nicht aus, vielmehr ist eine arbeitsmedizinische Begutachtung nötig.

          „Digital fit“?

          „Schleswig-Holstein hat sich immer mehr zu einem Land entwickelt, aus dem wenig Lehrer abwandern“, sagte Prien der F.A.Z. und bezeichnete die Unterrichtsversorgung als positiv. Die Grundschullehrer bekommen jetzt A13. Auch bei der Schulleitersuche sieht sie keine Probleme und verweist auf 27 laufende Besetzungsverfahren. Das Land hat 535 Lehrer im Vorbereitungsdienst eingestellt, davon sind 118 Quereinsteiger, außerdem sollen 50 weitere Quereinsteiger für Grundschule und Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe eingestellt werden, sagte Prien. Die Schulträger hätten überdies 15 Millionen Euro bekommen, um Toiletten zu sanieren und auch Masken oder Visiere besorgen zu können. Sollte es Corona-Ausbrüche an Schulen geben, stehe eine Task-Force des Universitätsklinikums zur Verfügung.

          Den Sommer habe Schleswig-Holstein genutzt, um die digitale Grundausstattung zu verbessern, versicherte Prien. Seit dem 14. Juli sind 7,35 Millionen Euro vergeben und insgesamt 9,18 Millionen von insgesamt 107 Schulträgern im Rahmen des Digitalpakts Schule und des Soforthilfeprogramms beantragt worden. Wie schnell die Gelder beantragt werden können, hängt von der Bestandsaufnahme des Schulträgers ab. Da gibt es auch in Schleswig-Holstein erhebliche Unterschiede. Vom 10. August an werden jeweils 100 Schulen mit einem vom Land angeschafften Lernmanagement-System fortgebildet. Jetzt müssten aber auch die Lehramtsstudenten an den Hochschulen „digital fit“ gemacht werden, sagte Prien. Alle Schulen hätten dem Ministerium außerdem ein Konzept für einen Wechsel in den Online-Unterricht und für klare Anforderungen im Präsenz- und Online-Unterricht vorlegen müssen.

          Zweifel daran, dass die Länder vorbereitet sind

          Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß, Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur, forderte gegenüber der F.A.Z. einen zentral koordinierten Ausbau der digitalen Infrastruktur durch IT-Spezialisten wie in Dänemark oder asiatischen Staaten. Schulleiter seien damit überfordert. „Bund und Länder sollten die Vergabe der Mittel des Digitalpakts Schule so schnell wie möglich zentral für alle Schulen Deutschlands koordinieren. Nicht die durch Corona sowieso schon überlasteten Schulleitungen sollten für den Aufbau der digitalen Infrastruktur an Deutschlands Schulen verantwortlich sein, sondern professionelle Prozess-Manager.“ Ploß begrüßte den Vorschlag der Leopoldina, einen länderübergreifenden Beirat einzusetzen, der diese Aufgabe koordiniert.

          Aus der Zeit der Schulschließungen konnten die Länder lernen, dass man die Gestaltung des Online-Unterrichts nicht den Schulen überlassen darf, sondern einen pädagogischen und organisatorischen Plan einfordern muss, der nicht nur der Schulaufsicht, sondern auch den Eltern vorzulegen ist. So verfährt jetzt Nordrhein-Westfalen. Den Distanzunterricht mit dem Präsenzunterricht besser zu verzahnen und so zu gestalten, dass es sich um richtigen Unterricht handelt, gehörte zu den zentralen Forderungen der Nationalakademie Leopoldina in der vergangenen Woche. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig (SPD), reagierte darauf lediglich mit der Feststellung, die Länder seien vorbereitet. Dabei zweifeln auch Bildungsforscher, ob man dort wirklich auf einen Plan B mit einem Wechsel von Präsenz- und Online-Unterricht vorbereitet ist.

          Nordrhein-Westfalen hat 103 Millionen Euro für Endgeräte für alle Lehrer an öffentlichen Schulen und Ersatzschulen zur Verfügung gestellt. Die Schulträger sollen sie beschaffen und verteilen. Damit will das Land für datenschutzsichere Übertragungen sorgen. Einheitliche Endgeräte sind das nicht. Berlin hat einen Handlungsrahmen von über 30 Seiten an die Schulleitungen geschickt, in dem es nicht nur um Hygiene, sondern auch um den Unterricht geht. Sämtliche Szenarien für Schulöffnungen, Schließungen, Wechsel für Online- und Präsenzunterricht sind darin bedacht. In der Hauptstadt überlegen die Schüler allerdings schon wieder, ob sie streiken.

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