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Schulbeginn und Omikron : „Wieder Distanzunterricht wäre für die Kinder ein Desaster“

Schulleiterin Barbara Mächtle Bild: Frank Röth

Die Leiterin einer Brennpunktschule in Ludwigshafen sorgt sich zum Schulbeginn zwar vor Omikron. Größere Sorgen macht ihr aber die drohende Rückkehr in den Distanzunterricht – das fehlende Miteinander werfe die Kinder zurück.

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          Frau Mächtle, am Montag hat in Rheinland-Pfalz wie in mehreren Bundesländern der Präsenzunterricht wieder begonnen. Gleichzeitig breitet sich die Omikron-Variante des Coronavirus aus. Wie ist die Lage bei Ihnen an der Grundschule Gräfenau?

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Wir hatten heute erstaunlicherweise beim Testen keinen einzigen positiven Fall. Aber es sind wieder einige Kinder abtrünnig, wie schon oft in der Corona-Zeit. Vielleicht sind sie noch in ihren Herkunftsländern. Wir müssen nun als Schule den Quarantäneregeln nachgehen. Nicht alle Eltern kennen diese für ihr jeweiliges Herkunftsland.

          Ist der Job als Schulleiterin im bald dritten Pandemiejahr nicht einfacher geworden?

          Absolut nicht. Die Arbeit wird nicht weniger. Wir haben nun auch die Auflage bekommen, das Gesundheitsamt zu unterstützen: Wir sollen Kontakte nachverfolgen und den Eltern die Quarantäneregeln mitteilen. Zudem mussten wir auch in den Ferien teilweise ansprechbar sein. Und die Corona-Tests sind ein enormer Verwaltungsaufwand.

          Nach den Herbstferien sind die Infektionszahlen an Schulen massiv gestiegen. Das könnte nun nach Weihnachten mit Omikron erst recht passieren.

          Ja, die Sorge besteht. Nach den Herbstferien kamen die Infektionen etwas verzögert. Dann aber gab es täglich neue Fälle. Bei uns in Rheinland-Pfalz waren die Ferien nun recht kurz, so dass viele Familien eventuell gar nicht weggefahren sind. Trotzdem haben die Leute sich natürlich getroffen. Wir müssen abwarten, wie das wird, wenn nun die Omi-kron-Variante hinzukommt.

          Findet bei den Kindern gerade eine Durchseuchung statt?

          Ja. Wobei ich heute sehr überrascht war, dass beim Testen alle Kinder negativ waren. Offenbar können wir uns aber auch nicht ganz sicher sein, dass die Schnelltests auf die neue Variante anspringen. Zudem gibt es an der Schule mittlerweile etliche genesene Kinder. Kritischer als die Schule ist für eine Infektion meist der Freizeitbereich. Bei vielen Eltern gehen die Vorsichtsmaßnahmen gegen null. Manche sagen, Corona gebe es nicht. Andere sind übervorsichtig.

          Vielerorts wird nun gefordert, bald wieder in den Distanzunterricht zu gehen, auch um die Schüler zu schützen. Wäre das besser?

          Nein, für uns auf keinen Fall, weil den Kindern die Tagesstruktur und die soziale Struktur völlig verloren gehen. Sie haben während der Pandemie enorme Defizite nicht nur im Lernbereich, sondern auch im sozialen Miteinander angesammelt. Rund 98 Prozent der Kinder an meiner Schule haben einen Mi­grationshintergrund, viele sprechen anfangs kein Deutsch, haben einen enormen Förderbedarf. Daher haben wir während des Fernunterrichts eine breite Notbetreuung angeboten. Weniger, weil die Eltern arbeiten mussten – das tun viele hier nicht –, sondern aus sozialen Gründen. Während des Wechselunterrichts haben wir alle Kinder wenigstens zwei bis drei Stunden täglich in die Schule geholt. Aber es fehlte das tägliche Spielen. Viele haben das Miteinander, das Streiten und Konfliktlösen verlernt. Und viele Eltern sind nicht in der Lage, bei den Hausaufgaben zu helfen.

          Sie haben während der Lockdowns Hausbesuche gemacht. Was sahen Sie?

          Ich hab viele Hausbesuche gemacht, da traf ich Kinder um zwölf Uhr noch im Schlafanzug. Die waren gerade aufgestanden. Diese Kinder wieder einzufangen, ihnen eine Struktur zu geben, das wird verdammt schwer. Hinzu kommen die Lerndefizite. Die machen sich in den ersten zwei Stufen unserer Schule am meisten bemerkbar. Die Zahl der Schüler, die die erste Klasse wiederholen musste, hat sich an meiner Schule im vergangenen Schuljahr in etwa verdoppelt. Ein abermaliger Distanzunterricht wäre für die Kinder ein Desaster.

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