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Schülerproteste : Für Eisbären und für Holland

Frankfurter Schüler demonstrieren an der Bockenheimer Warte gegen Kohleindustrie und Klimawandel. Bild: Helmut Fricke

Seit mehreren Wochen demonstrieren Schüler freitags gegen den Klimawandel. Sie malen Plakate und rufen Parolen – wie politisch ist ihr Protest?

          Luca Peters streicht sich rosa-türkisfarbene Haarsträhnen aus der Stirn und dreht den tragbaren Lautsprecher leiser, aus dem punkige Gitarrenriffs dringen. Eben hat ihm die Besitzerin des Lautsprechers noch zugerufen, dass er antideutsche Lieder in der Playlist überspringen solle. Luca Peters will, dass gehört wird, was er zu sagen hat. Er fordert den Kohleausstieg, die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, Fahrverbote und internationale Subventionen für grünen Strom. „Hier ist so eine Energie, die muss sich weiter steigern, dann brauchen wir auch keinen Kohlestrom mehr.“

          Die Energie, das sind gut 500 Schüler, die selbstgebastelte Plakate mit Aufschriften wie „Hey, wir wollen die Eisbären sehn“, „Raise your voice, not the sea level“ oder „Stoppt den Klimawandel – Äbbelwoi muss kühl bleiben“. Sie springen auf und ab und rufen: „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ oder „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!“ Zum dritten Mal ist Luca Peters hier, an der Bockenheimer Warte, im alten Univiertel Frankfurts.

          Der 18 Jahre alte Schüler hat wieder die Demo „Fridays for Future“ für Frankfurt angemeldet. Zehntausende Schüler demonstrieren unter diesem Motto in Deutschland und der Welt freitags gegen den Klimawandel, anstatt in die Schule zu gehen. An diesem Tag sind in Frankfurt mehr zusammengekommen als sonst, denn es gab in Hessen Halbjahreszeugnisse und schulfrei nach der dritten Stunde. Über den Mitteilungsdienst Whatsapp wird der Standort der Demo in einer Gruppe geteilt, damit noch mehr Schüler davon erfahren. Viele Teilnehmer sagen aber, dass sie von Freunden von „Fridays for Future“ erfahren haben.

          „Es gibt wichtigeres als Noten“

          Luca Peters war einer von denen, die von der Demo erzählt haben. Er trägt Anstecker mit Botschaften gegen Kohleenergie und Rassismus, sagt Sachen wie „Die Welt muss solidarischer werden“ und „Wenn man auf diesem Erdball festsitzt, kann man sich ja auch dafür einsetzen, dass es besser wird“. Seine Lehrer fänden es gut, dass er sich engagiere, sagt er. „Aber ich soll mit den Noten aufpassen, dieses Jahr ist Abi. Aber es gibt eben auch wichtigeres als Noten.“ Zum Beispiel den Meeresspiegel durch die schmelzenden Polkappen, zum Beispiel Holland oder die Eisbären, die davon bedroht werden. Er engagiert sich schon länger politisch, doch was das Klima und die Freitagsdemos angeht, hat Greta den Stein ins Rollen gebracht.

          Seit die schwedische Schülerin Greta Thunberg auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kattowitz ihre flammende Rede gegen die Klimapolitik gehalten hat und diese Rede im Internet Hunderttausende Male geteilt wurde, seit sie zum freitäglichen Schulstreik aufrief, ist eine Welle der Politisierung über Schüler geschwappt. Es gibt Demos in Städten in Australien, Großbritannien, Belgien, Japan und eben in Frankfurt. Drei Mädchen mit Parkas und Pferdeschwänzen halten ein Pappschild mit Greta-Zitaten hoch. Sie sagen, dass die Schwedin sie auf die Gefahren für den Planeten aufmerksam gemacht habe. „Wir sind auch im Unterricht für das Thema sensibilisiert worden“, sagt eine Siebzehnjährige aus der Gruppe. Sie habe auch schon an anderen Demonstrationen teilgenommen, gegen den Ausbau des Flughafens und gegen Rassismus zum Beispiel. „Wählen dürfen wir ja nicht, was sollen wir also sonst tun?“

          Der Jugend ist nicht alles egal

          Anfangs sei sie unsicher gewesen, ob sie mitmachen soll. Schule schwänzen sei schließlich verboten. Dann hat sie mit ihrem Vater darüber gesprochen. „Er fand es gut. Er hat gesagt, dass er mir eine Entschuldigung schreibt, wenn es sein muss.“ Trotzdem wissen die Mädchen, dass sie zu einer Minderheit gehören: „Es gibt schon viele, die sich nicht dafür interessieren.“ Ein anderes Mädchen sagt: „In meiner Klasse gibt es keinen, der politisch aktiv ist. Ich bin die einzige, die auf den Demos ist, und obwohl ich versucht habe, andere zu motivieren, ist keiner mitgekommen.“ Ihr großer Bruder hat sie mitgenommen, er ist 17 Jahre alt und Mitglied der Linkspartei. „Klar, jeden Freitag zu demonstrieren ist utopisch“, sagt er, und viele fürchteten die Konsequenzen. Aber sie machten trotzdem weiter. Der Jugend sei nicht alles egal.

          Neben dem Demonstrationszug in Richtung Innenstadt stehen drei Neuntklässler. Sie kichern nervös und filmen Luca Peters, der heiser Parolen schreit. Sie wissen nicht, worum es geht, aber der eine Junge hat seine große Schwester unter den Demonstranten entdeckt. Die anderen beiden ziehen ihn auf. Das Mädchen in der Gruppe sagt: „Ich kapier’ das alles gar nicht.“ Ein Junge sagt darauf: „Ich weiß, dass die Polkappen schmelzen. Wenn ich groß bin, kauf ich mir ein Elektroauto.“ Mitlaufen wollen sie aber nicht.

          Die Schüler von der Demo sind auf einer großen Kreuzung vor der Alten Oper angekommen, blockieren den Verkehr und rufen: „Motor aus!“ Die Autofahrer hupen, einer kurbelt entnervt sein Fenster runter und schimpft was von „Punks“. Abgesehen von ein paar Leuten mit bunten Haaren, so wie Luca Peters, tragen die Teilnehmer gewöhnliche Jacken, Schals und Stirnbänder, normale Schüler eben. Viele von ihnen glauben, dass der Protest nicht so schnell enden wird.

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