https://www.faz.net/-gpf-15myk

Schreiber-Prozess : Selbstverständliche Ungeheuerlichkeiten

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Auftritt zweier zentraler Zeugen im Landgericht Augsburg: Der frühere Thyssen-Manager Haastert schildert den angeklagten Lobbyist Schreiber als „generösen Freund“ und der ehemalige Rüstungsstaatssekretär Pfahls übt sich in „zeitgeschichtlichen Bewertungen“.

          4 Min.

          Gut, dass das Strafjustizzentrum in Augsburg ein solider Bau jüngeren Datums ist. Denn am Montag hätten bei der Aussage eines zentralen Zeugen im Strafverfahren gegen Karlheinz Schreiber Ängste um die Statik aufkommen können - so schienen sich die Balken zu biegen. Ungerührt erzählte der frühere Thyssen-Manager Winfried Haastert, warum er mehrfach hohe Geldzahlungen vom Angeklagten erhalten habe: rein aus freundschaftlicher Verbundenheit, ohne dass Schreiber irgendwelche Gegenleistungen gefordert habe.

          Von dieser Darstellung - Schreiber, der generöse Freund - wich Haastert auch nicht ab, als der Vorsitzende der 9. Strafkammer ein gewisses Erstaunen erkennen ließ und den Zeugen ermahnte, nicht die Geduld des Gerichts zu strapazieren. Haastert ließ sich nicht beirren, auch nicht durch den Hinweis des Sitzungsstaatsanwalts, dass einem Zeugen bei falschen Angaben empfindliche Strafen drohten. Nein, es habe keine Gegenleistungen gegeben: „Es war so.“

          Alles Nachfragen nutzte nichts - Haastert blieb bei seinen Angaben, auch wenn immer deutlicher wurde, dass das Gericht sie für so wahrheitsgetreu hielt wie Berichte über Schneestürme in der Sahara. Ja, Schreiber habe ihm im November 1991 in einem Umschlag 1,2 Millionen Mark bei einem Treffen in einem Schweizer Hotel überreicht. Nein, mehr als gute Wünsche mit der Aufforderung, sich was Schönes zu kaufen, seien damit nicht verbunden gewesen. Und so habe es sich auch mit den anderen „Geschenken“ verhalten: Bei den 500.000 Mark im Jahr 1988, den 170 000 Mark im Winter 1993, den 120.000 Mark im Dezember 1993. Nie habe Schreiber eine Gegenleistung gefordert. Allenfalls die Hoffnung, sich weiterhin eine „freundschaftliche Kooperation“ zu sichern, hätte möglicherweise bei Schreiber bestanden, der damals für Thyssen als Vermittler in Rüstungsgeschäften tätig war.

          Untreue und Steuerhinterziehung

          Die Augsburger Justiz hatte in einem früheren Verfahren, in dem Haastert selbst angeklagt war, weniger freundliche Begriffe für die Annahme der „Geldgeschenke“ gewählt und sie als Untreue und Steuerhinterziehung bewertet. Haastert und ein weiterer Thyssen-Manager hätten sich ein Beziehungsgeflecht, in dem Schreiber im Mittelpunkt gestand, zunutze gemacht und sich im Zuge der Lieferung von Spürpanzern nach Saudi-Arabien Schmiergeld in Millionenhöhe verschafft. Gegen Haastert hatte die 10. Strafkammer des Gerichts im Juli 2002 eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung verhängt. Mit dieser Verurteilung wurde dann der Bundesgerichtshof gleich zweimal befasst; die Revisionsrichter setzten schließlich im Januar 2007 mit Blick auf die lange Verfahrensdauer selbst das Strafmaß gegen Haastert und seinen damaligen Mitangeklagten fest und erkannten auf eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten.

          Es waren am Montag, wie schon so oft in den Verfahren, die im Zusammenhang mit Schreiber vor der Augsburger Justiz geführt wurden, zwei Welten, die aufeinandertrafen - die schöne weite Welt der Manager mit nützlichen Verbindungen und die hässliche enge Welt der Paragrafen des deutschen Strafgesetzbuches.

          Weitere Themen

          Möglicher Bundeswehr-Einsatz in Libyen Video-Seite öffnen

          Klausurtagung Hamburg : Möglicher Bundeswehr-Einsatz in Libyen

          Zum Auftakt der zweitägigen Klausurtagung standen Themen wie Sicherheit und Verteidigung auf der Tagesordnung. Die CDU-Bundesvorsitzende und Verteidigungsministerin skizziert, welche Gedanken sich die Bundeswehr bei einem anhaltenden Waffenstillstand in Libyen machen muss.

          Alles eine Verwechslung?

          Prozess gegen „IS-Emir“ : Alles eine Verwechslung?

          Als „IS-Emir“ soll Mohamed A.G. in Syrien eine Einheit von mindestens zwanzig Personen angeführt und an Kämpfen teilgenommen haben. Er sei das gar nicht gewesen, sagt er. Und eine wichtige Zeugin schweigt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.