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Bürgermeister vor Amtsverlust : „Meine Heimat ist Schottland, aber hier ist mein Zuhause“

  • -Aktualisiert am

Muss im Falle eines Brexits seinen Posten räumen – der Schotte Iain Macnab, Bürgermeister von Brunsmark. Bild: dpa

Iain Macnab steht seit 2008 der Gemeinde Brunsmark in Schleswig-Holstein vor. Sollte Großbritannien die EU verlassen, wäre er seinen Job los. Denn den einzigen Ausweg will er nicht beschreiten.

          Wenn über den EU-Austritt Großbritanniens gesprochen wird, dann geht es meist um die großen Themen in Politik und Wirtschaft: Den Zusammenhalt Europas, Zehntausende Arbeitsplätze dies und jenseits des Ärmelkanals. Den zentralen Bankenplatz des Kontinents (London oder Frankfurt?). Dabei erfassen die möglichen Auswirkungen des Brexits längst nicht nur Metropolen, Großunternehmen und Vielflieger. Sie beschäftigen auch manche in den kleinsten Gemeinden Deutschlands. So wie in Brunsmark, einer 120-Seelen-Gemeinde in Schleswig-Holstein. Iain Macnab ist seit elf Jahren ihr Bürgermeister. Nun steht sein Amt auf der Kippe. Denn Macnab ist Schotte. Kommt es zum Brexit, wird Macnab automatisch zum Nicht-EU-Ausländer. Damit wäre er sein Amt los.

          „Ich finde das sehr schade, denn ich bin hier gerne Bürgermeister“, sagt Macnab im Gespräch mit FAZ.NET. „Aber Gesetz ist nun mal Gesetz“, so Macnab. Er lebt seit 43 Jahren in Deutschland, zahlt hier Steuern und engagiert sich seit langer Zeit in seiner Gemeinde. Dass er nun gezwungen sein könnte, seinen Einsatz für Brunsmark über Nacht aufzugeben, nimmt er zwar hin. Aber er nennt es „schon ein bisschen bizarr.“

          „Nicht so dicht an den verschiedenen Fraktionen im Dorf“

          Geboren wurde Macnab in der schottischen Stadt Dundee. 1975 kam der gelernte Journalist nach Deutschland. Dort arbeitete Macnab zunächst in der Musikbranche in Hamburg, anschließend als Juniorpartner in einer Computerfirma, bevor er sich schließlich selbständig macht. Auf Brunsmark, so Macnab, sei er zufällig gestoßen. Er haben damals öfters Ferien auf dem Land gemacht, und die Region rund um den Kreis Herzogtum Lauenburg habe ihm schon gefallen. Seit 1992 wohne er nun mit seiner Familie in Brunsmark. Die Lage gefalle ihm, die Leute dort seien „toll“. Seine Firma sei vor Ort, Frau und Kinder hätten hier ihre Heimat gefunden. Brunsmark sei „zwar nicht meine Heimat – meine Heimat ist Schottland, aber hier ist definitiv mein Zuhause“, so Macnab.

          So wie der Weg nach Brunsmark ergab sich für Macnab auch der Weg in die Kommunalpolitik eher zufällig. 2003 wurde er zunächst Mitglied der Gemeindevertretung, bevor er 2008 erstmals zum Bürgermeister gewählt wurde. „Ich wurde damals als neutrale Person gesehen, als jemand, der nicht so dicht an den verschiedenen Fraktionen im Dorf dran war“, so Macnab. Mittlerweile befindet er sich in seiner dritten Amtszeit.

          Falls Großbritannien tatsächlich die EU verlässt, wäre Macnab umgehend seinen Job los, dann müsste sein Stellvertreter kommissarisch übernehmen. An dem Referendum zum britischen EU-Austritt im Juni 2016 durfte Macnab nicht teilnehmen, da er damals bereits länger als fünfzehn Jahre im Ausland lebte. Schottland hatte bei dem Brexit-Referendum 2016 mit 62 Prozent für Europa gestimmt.

          Dass er den Austritt für „einen schweren Fehler“ hält, überrascht kaum. Er selbst hoffe auf ein zweites Referendum, da die Bevölkerung völlig falsch informiert worden sei. Gewonnen hätten diejenigen, die am lautesten geschrien hätten, „Farage und seine Kumpels“, so Macnab.

          Für seine Heimat Schottland sei der Brexit gravierend, weil dadurch vielerlei Dinge schwerer würden. Macnab weiß, dass Premierministerin Nicoal Sturgeon am Mittwoch gefordert hat, ein Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten. Und er ist hin- und hergerissen. Er sei gegen die schottische Unabhängigkeit. Andererseits sei alles besser als der Brexit. Am Ende fehlt ihm der Glauben, dass es dazu kommt. Am Ende werde Großbritannien nicht auseinanderbrechen.

          Eine pragmatische Lösung böte für Macnab die deutsche Staatsbürgerschaft. Die könnte er problemlos beantragen. Doch diesen Preis möchte Brunsmarks Bürgermeister dann doch nicht zahlen. „Ich bin jetzt seit fast siebzig Jahren Schotte, für die paar Jahre, die ich noch habe, bleibe ich das auch“, sagt er. Eine Rückkehr nach Schottland sei für ihn aber ausgeschlossen.

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