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Schneller rot : In Berlin gilt jetzt eine Corona-Ampel

Derzeit freie Bahn: Ein Ortseingangsschild auf dem Mittelstreifen der nach Großbeeren führenden, beinahe leeren Marienfelder Allee. Bild: ZB

Die Hauptstadt beschließt ein eigenes Warnsystem. Bei der Zahl der Neuinfektionen ist es deutlich strenger als im Bund beschlossen.

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          Die deutsche Hauptstadt wird in der Corona-Pandemie eigene Wege gehen. Sie legt strengere Kriterien für eine mögliche Rücknahme von Lockerungen an als der Bund sie zuletzt beschlossen hat. Dafür setzt der Senat auf ein eigenes Warnsystem. Für die Berliner Corona-„Ampel“ sind die Reproduktionsrate, die Zahl der Neuinfektionen und die Belegung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten entscheidend, wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (beide SPD) am Dienstag in Berlin sagten. Wenn bei zwei der drei Indikatoren kritische Marken überschritten werden, dann will Berlin Lockerungen gegebenenfalls zurücknehmen oder aber angekündigte Lockerungen verschieben.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt, soll nach Möglichkeit nicht über eins steigen, damit die Pandemie sich nicht ausbreitet. Nach dem Berliner Ampel-Modell springt die Ampel auf Gelb bei einem Wert von 1,1, auf Rot bei 1,2. Derzeit liegt sie in Berlin nach Angaben der Gesundheitssenatorin bei 0,79.

          Bei der Zahl der Neuinfektionen will Berlin deutlich strengere Maßstäbe anlegen, als die Ministerpräsidenten sie in der vergangenen Woche durchgesetzt hatten. Nach dem bundesweiten Beschluss müssen wieder Beschränkungen eingeführt werden, wenn sich in Landkreisen oder kreisfreien Städten binnen sieben Tagen insgesamt 50 Personen auf 100 000 Einwohner infiziert haben. In Berlin soll bereits bei 30 Infizierten innerhalb einer Woche die Stufe rot, bei 20 die Stufe gelb gelten. Bei gelb soll schon über eine Rücknahme von Lockerungen beraten werden. Höhere Zahlen seien in Berlin nicht zu verantworten, sagte Senatorin Kalayci. Bei einer Zahl von 50 und selbst den zwischenzeitlich diskutierten 35 „wären wir zu spät dran“ so Kalayci, es würde dann „zu viele Kranke und Tote“ geben. Die Senatorin begründete die Festlegung auch damit, dass der Spitzenwert auf dem Höhepunkt der Infektionen in Berlin bei 37 gelegen habe. Zuletzt habe die Zahl der Neuinfektionen in sieben Tagen in Berlin bei 286 gelegen. Bei einer Obergrenze von 30 je 100 000 Einwohner würden es in der ganzen Stadt 1131 Personen sein.

          In Berlin soll zudem stets ein Viertel aller Intensivbetten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen. Die Stufe rot soll entsprechend bei einer Belegung von 25 Prozent gelten, gelb bei 15 Prozent. Derzeit sind nur neun Prozent der Intensivbetten von Corona-Patienten belegt. Zudem ist ein großes Reservekrankenhaus auf dem Messegelände fertig geworden, so dass Berlin von einer kritischen Lage weit entfernt ist.

          Müller zeigte sich dennoch besorgt über das Verhalten mancher Berliner im öffentlichen Raum, etwa in Parks, oder bei Demonstrationen. „Es gibt keinen Grund für eine Entwarnung“, sagte er. „Wir können es nicht akzeptieren, dass einige denken, sie können machen, was sie wollen.“ Es gehe darum, jetzt nicht aufs Spiel zu setzen, was in den letzten vier bis sechs Wochen erreicht worden sei. Deshalb werde auch die Polizei stärker „mit deutlicheren Ansprachen“ eingreifen.

          Berlin steht mit seiner schärferen Gangart allerdings nicht allein. Auch Niedersachsen will den Notfallmechanismus strenger auslegen als im Bund vereinbart. Die Marke von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner sei „die absolute Obergrenze“, sagte Claudia Schröder, stellvertretende Leiterin des Corona-Krisenstabs der Landesregierung, am Montag in Hannover. In Niedersachsen sei man sich einig, dass „die Interventionsgrenze eigentlich bei 30 bis 35“ liegen müsse. Das sei auch mit den Kommunen schon besprochen.

          Einige Landkreise haben die Marke von 50 in den jüngsten Tagen überschritten. Im Landkreis Sonneberg in Thüringen wurde deshalb am Dienstag ein Massentest begonnen. Dabei sollen Abstriche von 600 Beschäftigten des Gesundheitscampus in Sonneberg genommen werden, der als Schwerpunkt des Ausbruchs in dem 58.000 Einwohner zählenden Kreis gilt. Dort lag die Infektionsrate zuletzt bei mehr als 70 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner. Auch im thüringischen Landkreis Greiz begannen Sanitäter, Abstriche vorzunehmen. Auch dort hatte die Infektionsrate am Montag bei 75 gelegen.

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