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Über die Äußerung von Unmut : Der deutsche Schmollwinkel

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In Berlin saß währenddessen der ehemalige Mitläufer Gottfried Benn an seinem Schreibtisch und tat sich leid. „Ich bin sehr bis in die Tiefe getroffen u. werde kaum noch hoch kommen, da ich es garnicht wünsche u. begehre“, vertraute er am 26. Januar 1946 seinem Freund Egmont Seyerlen an. „Ich bin heute ,unerwünscht‘ wie früher, ich weiss selber nicht, warum eigentlich, kümmere mich auch garnicht darum.“ Der zutiefst kompromittierte Staatsrechtler Carl Schmitt plädierte kurzerhand für einen Schlussstrich: „Ich finde es nicht richtig, in dieser Blamage, die wir da erlitten haben, noch herumzuwühlen.“ Es gebe, so meinte er, „kein Wort darüber zu reden“.

Und Martin Heidegger, ehedem ein führergläubiger Propagandist der nationalsozialistischen Ideologie, begründete seine Weigerung, sich nun von ihr zu distanzieren, im Januar 1948 mit seinem Widerwillen gegen die Opportunisten, mit denen ihn nichts verbinde: „Ein Bekenntnis nach 1945 war mir unmöglich, weil die Nazianhänger in der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel bekundeten, ich aber mit ihnen nichts gemein hatte.“ So richteten sich die belasteten Ritter des Geistes, jeder auf seine Weise, in einem Schmollwinkel ein.

Briefe über die Entnazifizierungsverfahren

Doch nicht sie allein. Millionen Deutschen war im Zweiten Weltkrieg unsägliches Leid widerfahren, und nur wenige suchten die Schuld bei sich selbst. Ich zitiere aus einem Brief, den mein Großvater mütterlicherseits, Jahrgang 1896, ein Hauptmann der Wehrmacht, im April 1948 von einem Studienrat erhielt, der sich als „Prisoner-Camp-Dreckloch-Kumpel“ bezeichnete: „Daß Du noch nicht entnazifiziert bist, braucht Dir übrigens kein Kopfzerbrechen zu bereiten. Im Gegenteil: Sei froh, daß Du dieser nervenzermalmenden Maschinerie, in der Deutsche von Deutschen zerquetscht und gemartert werden, bisher noch hast fernstehen dürfen.“

Der Mann erklärte, er wolle darauf hinwirken, im Entnazifizierungsverfahren in die vierte Gruppe eingeordnet zu werden, die der Mitläufer. Einen Monat später schrieb derselbe Kamerad: „Zwar ist physisch alles beim alten. Aber seelisch! Man hat mich nach Gruppe III gesteckt, weil ich mich in den Jahren 1937-39, also vor dem Kriege, mal aktivistisch betätigt habe.“ Gruppe drei, das waren die Minderbelasteten. Und dann hieß es: „Es soll mir anscheinend nichts erspart bleiben. Es ist oft recht schwer, den Kopf noch oben zu behalten. Ein Glück, daß man noch die geistige Welt und die kulturellen schönen und erhabenen Dinge hat, und vor allem die Erinnerungen an Besseres, das für immer dahingeschwunden ist.“

Briefe dieser Art dürften in der Nachkriegszeit zu Abertausenden geschrieben worden sein. Man hatte gekämpft und gelitten und sah sich plötzlich angeprangert, ohne jeden Grund, denn die anderen waren ja auch nicht zimperlich gewesen, und was bedeutete es schon, dass man irgendwann dieses oder jenes gesagt oder getan hatte! Das allergrößte Selbstmitleid – auch darin war er unübertroffen – hatte allerdings schon Hitler persönlich im Führerbunker geäußert, als er bedauerte, nicht radikaler vorgegangen zu sein: „Man bereut es hinterher, dass man so gut ist.“

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