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Über die Äußerung von Unmut : Der deutsche Schmollwinkel

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Man erfuhr es auf Umwegen. Seine schweren Zerwürfnisse – mit Heiner Geißler, Lothar Späth oder Wolfgang Schäuble und auch mit den eigenen Kindern – sind mittlerweile so gut bekannt wie seine bis ins höchste Alter durchgehaltene Unversöhnlichkeit. Dazu passt auch die trotzige, wenn nicht gar pampige Art, in der Kohl nach seiner Kanzlerschaft in der CDU-Spendenaffäre auf kritische Fragen reagierte. Es war ihm anzusehen und anzuhören, dass er jede dieser Fragen für bodenlos unverschämt hielt.

Schmollen statt schmunzeln: Das ist der Stil, in dem seit jeher der klassische Kleinbürger schimpft, wenn er sich belogen und betrogen fühlt.

Man könnte noch weitere große Schmollende der deutschen Nachkriegszeit aufzählen: Manfred Kanther, den vorbestraften Law-and-Order-Mann der hessischen CDU, der es schlechterdings nicht zu begreifen vermochte, dass er sich als Verwalter von Schwarzgeldkonten auf der Anklagebank wiederfand; Hans-Hubert „Berti“ Vogts, der von 1990 bis 1998 das Amt des Bundestrainers ausübte, zumeist recht unglücklich agierte und mitleidheischende Botschaften aussandte; den Fernsehmoderator Werner Höfer, der es nicht verwand, dass ihn das Ruchbarwerden seiner Vergangenheit als Journalist im „Dritten Reich“ auf seine alten Tage den Job gekostet hatte; Herbert Wehner, den ewig übellaunigen „Zuchtmeister“ der SPD, dessen Kratzbürstigkeit auch unter seinen engsten Mitarbeitern gefürchtet war; Konrad Adenauer, der seinem Nachfolger Ludwig Erhard, wie man weiß, von Herzen alles Schlechte wünschte – und auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs grämte sich der entmachtete Walter Ulbricht, ohne zu ahnen, dass auf Erich Honecker und dessen Frau Margot ein noch härteres Schicksal zukommen sollte: Im chilenischen Exil haderten sie mit dem Lauf, den die Geschichte genommen hatte, und ergingen sich in der selbstgerechten Betrachtung ihrer politischen Vergangenheit. Ist die Neigung zum Schmollen ein deutsches Nationalcharaktermerkmal?

Ohne die Memoiren hoher Wehrmachtsoffiziere wäre die Beweisgrundlage für diese These um einige hundert Seiten dünner. Unter Titeln wie „Verratene Schlachten“ und „Verlorene Siege“ lamentierten die einstigen Generäle Erich von Manstein, Hans Frießner, Heinz Guderian, Adolf Heusinger und Franz Halder über Adolf Hitlers Engstirnigkeit und die unentrinnbaren Handlungszwänge, strichen die eigenen Verdienste heraus, wiesen die Verantwortung für alle Kriegsverbrechen weit von sich, rühmten die Ehre der deutschen Soldaten und beklagten die Demütigung durch die „Siegerjustiz“.

In Nürnberg erklärte sich selbst Hermann Göring für unschuldig: „Dafür rufe ich die Allmacht Gottes und mein deutsches Volk als Zeugen an.“ Auch der Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel präsentierte sich einer erstaunten Weltöffentlichkeit als verfolgte Unschuld. In einer Filmaufnahme ist festgehalten, wie er hochmütig das Kinn reckt, bevor er sich sein Monokel ins Auge klemmt und mit eiserner Miene die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Erst am Ende des Prozesses räumte er ein, dass er sich schuldig gemacht habe, doch er fügte sogleich hinzu, dass er „für nicht erkennbare Absichten ausgenutzt“ worden sei – als wäre er für seine Taten als Befehlsempfänger und Befehlshaber im Führerhauptquartier blind und taub gewesen.

Gottfried Benn tat sich an seinem Schreibtisch leid

Die irische Schriftstellerin Rebecca West war in Nürnberg als Prozessbeobachterin zugegen und äußerte sich verblüfft über die Unbelehrbarkeit der meisten Angeklagten: „Die ganze Zeit über führten sie recht unpersönliche Gesten aus, die Unschuld und gesunden Menschenverstand empört zum Ausdruck brachten, und in den Pausen standen sie auf und unterhielten sich miteinander, wobei sie kleine Protestgruppen bildeten, von denen jede, würde man sie als Fresko malen, auf Anhieb als eine heilige Schar zu erkennen wäre, die versucht hatte, die Welt zu retten, der aber von irrenden Menschen Steine in den Weg gelegt worden waren.“

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