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Kundgebungen in Berlin : Schmähwettstreit im Regierungsviertel

Am Brandenburger Tor versuchen Polizeibeamte beide Gruppen voneinander fernzuhalten. Bild: EPA

Die AfD konnte nicht so viele Personen für ihre Demonstration mobilisieren, wie zunächst erwartet. Die Gegendemonstranten sind in der Überzahl. Die Polizei versucht, beide Seiten voneinander zu trennen. Es ist ein Tag der Konfrontation.

          Ein Geburtstagsständchen aus tausenden Kehlen – das hat Beatrix von Storch bisher noch nicht zu hören bekommen. Doch da die AfD-Politikerin an diesem Sonntag 47 Jahre alt wird, wünschen die Demonstranten vor dem Berliner Hauptbahnhof der „lieben Beatrix“ zum Geburtstag viel Glück. Bisher hat die Veranstaltung der Partei, als Großdemonstration angekündigt, nicht so recht an Fahrt aufgenommen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Statt ursprünglich erwarteter 10.000 haben sich rund 5000 Demonstranten, so die Angaben der Polizei, auf dem George-Washington-Platz versammelt. Und bisher sind auch die Redner nicht gerade die Wucht. Der Bundesvorstand der AfD hat immerhin die Idee gehabt, eine große Zahl Deutschland-Fahnen an die Demonstranten zu verteilen, so dass ein Meer von Nationalflaggen die Demo mit dem Thema „Zukunft Deutschland“ schmückt.

          Dazwischen führen die AfD-Anhänger allerlei eigens gemalte oder bedruckte Schilder mit sich, die sich in der Regel gegen eine Person richten: die Kanzlerin. Die soll entweder weg, sich ein neues Volk suchen, vor einen Untersuchungsausschuss gebracht werden oder aber vor Gericht – so ganz einig ist sich die AfD-Anhängerschaft da noch nicht.

          Eigentlich geht es nicht um die Nationalmannschaft

          Das Geburtstagskind aber schafft es, etwas Stimmung aufkommen zu lassen. Sie hat sich dafür ihr Lieblingsthema, die Gefahr des Islam, ausgesucht und es mit der Deutschen liebstem Thema verknüpft, dem Fußball, speziell dem Fußball der Nationalmannschaft. Knapp drei Wochen vor Beginn der Fußball-WM in Russland ist das anscheinend ein Gewinnerthema. Deutscher zu sein, so sagt von Storch, sei „keine Frage des Blutes, sondern eine Frage des Herzens“.

          Deshalb kommt sie zu dem Schluss: „Mesut Özil ist trotz seines deutschen Passes kein Deutscher.“ Und zwar, weil er es nicht sein wolle. Denn der Fußballer singe die deutsche Nationalhymne nicht mit und nenne den türkischen Diktator Recep Erdogan „meinen Präsidenten“. Özil solle deshalb auch nicht für die Nationalmannschaft spielen. Daran, dass das DFB-Team eigentlich keine deutsche Mannschaft sei, hat schon AfD-Chef Alexander Gauland vor zwei Jahren erinnert. Storch versucht nun, Gaulands damalige Boateng-Aussage noch zu toppen. „Özil ist ein Paradebeispiel für gescheiterte Integration!“, ruft sie. Die AfD-Anhänger jubeln.

          Eigentlich geht es von Storch nicht um die Nationalmannschaft und deren Erfolg, sondern um die drohende Islamisierung des Landes. Der Islam wolle überall auf der Welt die politische Herrschaft, und das wolle auch die Mehrheit der Muslime. Wahlen in Palästina, wo die radikale Hamas gewonnen habe, oder in Ägypten, wo die Muslimbrüder obsiegten, hätten das bewiesen.

          Ein Tag der Konfrontation

          Die Herrschaft dieses Islams sei aber „nichts anderes als die Herrschaft des Bösen“. Die „Islamversteher“ in Deutschland wollten das nicht sehen. Sie bestünden aus drei Gruppen, die eine sei blind, die zweite sei dumm. Die dritte Gruppe aber sei die Gruppe der Lügner. Deren Vorsitzende sitze „da drüben im Kanzleramt“. Die Menge ruft wieder den bekannten Satz, laut dem die Vorsitzende verschwinden muss, er wird abwechselnd mit „Wir sind das Volk“ und „Widerstand“ skandiert.

          Zu denen, die nicht einverstanden sind mit der Politik Merkels, gehört auch Willi Sempf aus Hessisch Oldendorf in Niedersachsen. Der Rentner mit dem gutmütigen Gesicht, das von einer silbernen Brille und einem grauen Vollbart geschmückt wird, ist eigens aus dem Weserergland angereist, um seine Meinung in der Hauptstadt kundzutun.

          Lesen Sie hier einen Kommentar zur AfD-Demonstration in Berlin.

          Bis vor drei Jahren war er in der SPD, er hat sogar schon einmal in Berlin an einer Veranstaltung teilgenommen, bei der sich Christen, Muslime und Juden in der SPD trafen. Die Öffnung der Grenzen ohne jegliche Kontrolle, damit sei er nicht einverstanden gewesen. Er habe nichts gegen Muslime, beteuert Sempf, er sei selbst Integrationslotse, betreue sogar zwei Flüchtlinge aus Afghanistan.

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